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Halt auf freier Strecke

Das langsame Sterben des Frank Lange – ein erschütterndes Familiendrama.

Bild: Filmcoopy AG Zürich Isabelle Kobe

Der Schock sitzt tief: bösartiger Hirntumor, inoperabel! Dabei war Frank Lange (Milan Peschel) erst kürzlich mit seiner Frau und den beiden Kindern ins neue Reihenhäuschen am Stadtrand eingezogen – ein grosser Wunsch war in Erfüllung gegangen. Nun sitzt er mit Simone (Steffi Kühnert), seiner Frau, im Besprechungszimmer von Dr. Träger und wird von diesem mit der Diagnose konfrontiert. Der Arzt gibt ihm eine Lebenschance von wenigen Monaten. Frank ist erst 44 Jahre alt.

«Halt auf freier Strecke» erzählt das Schicksal einer Berliner Familie, deren wohlgeordnetes, harmonisches Leben völlig unerwartet aus den Fugen gerät. Die unheilbare Krankheit des Vaters, sein Leiden und Sterben, bestimmen fortan den Alltag. Schonungslos und offen zeigt der Film, was das für die Betroffenen bedeutet. Das geht an die Grenze des Zumutbaren – auch für den Zuschauer.

Simone, die 14-jährige Lilli (Lilli Lemke) und der 8-jährige Mika (Mika Nilson Seidel) versuchen tapfer, ihr Leben einigermassen in den Griff zu bekommen. Von Verwandten und Freunden werden sie liebevoll unterstützt. Auch durch eine Palliativärztin erfährt die Familie professionelle Hilfe. Frank darf zuhause bleiben – bis zuletzt. So muss er nicht, wie so viele andere, in einem fremden Spitalzimmer einsam sterben.

Unbarmherzig setzt der Tumor in Franks Gehirn sein zerstörerisches Werk fort. Immer häufiger leidet Frank an Gedächtnisverlust, selbst in seiner vertrauten Umgebung findet er sich nicht mehr zurecht, und schliesslich verliert er die Kontrolle über seine Körperfunktionen. Die Familie muss Extremsituationen durchstehen, gerät an die Grenzen der Belastbarkeit. Oft liegen die Nerven blank, Verzweiflung, Hilflosigkeit, aber auch Wut wechseln sich ab. Die Krankheit verändert Franks Persönlichkeit. Das ist besonders schwer zu ertragen. Aber auch als Zuschauer muss man einiges verkraften, denn eine Distanz zum Geschehen ist kaum möglich. «Halt auf freier Strecke» ist so unmittelbar real – und dermas-sen überzeugend gespielt –, dass man zuweilen vergisst, im Kino zu sitzen. Serien wie Schwarzwaldklinik sind da der reinste Abklatsch dagegen.

Selten hat mich ein Film emotional so bewegt. Das liegt zum einen an der hervorragenden Regiearbeit von Andreas Dresen, dem es gelungen ist, einen sehr intimen, aber keineswegs sentimentalen Film mit unglaublich starken Szenen zu drehen, sowie an der geglückten Besetzung. Milan Peschel als Protagonist ist schlicht und ergreifend genial. Er spielt nicht Frank, er ist Frank! Durch diese Identifikation strahlt der Film eine unerhörte Kraft aus. Vor den eigentlichen Dreharbeiten bereiteten sich Regisseur und Schauspieler intensiv vor, indem sie umfangreich recherchierten und Krebspatienten, Angehörige sowie Fachärzte befragten. Dass im Film selber echte Ärzte und Pflegepersonen mitwirken, verleiht ihm zusätzlich Authentizität.

Der Streifen kommt ganz ohne Musik aus. Das ist auch gar nicht nötig, denn gerade die langen, stillen Sequenzen, in denen wenig oder gar nichts gesprochen wird, wirken umso intensiver. Als eigentlichen Fauxpas hingegen empfand ich die Szene, in der der Tumor von Frank als Person auftritt – in der Harald-Schmidt-Show! Sollte damit der Tod seinen Schrecken verlieren?

So leise, wie es zu schneien beginnt, stirbt Frank im Beisein seiner Frau und Tochter Lilli. Die Schlusssequenz des Films – der Blick wandert durchs Fenster und taucht ein in eine wunderschöne Winterlandschaft – vermittelt Ruhe, Entspannung, Frieden. Nun ist alles gut ...

Doch vieles bleibt offen. «Halt auf freier Strecke» blendet weitergehende Fragen aus, wie: Was kommt nach dem Tod? Kann man das überhaupt wissen? Das war auch nicht sein Thema. Trotzdem, bei manchen Betrachtern werden existenzielle Fragen aufbrechen. Wer hierzu nach verlässlichen Antworten sucht, wird sie einzig in der Bibel finden.

Frank Langes Krankheit kann auch Christen treffen. Doch sie – und da liegt der wesentliche Unterschied – dürfen aus dem Glauben Kraft schöpfen und die tröstliche Gewissheit haben, nach dem Tod für immer bei ihrem Herrn zu sein, wo es weder Tränen noch Schmerzen gibt.


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