Ägypten: Wut und Trauer nach Anschlag auf Christen
(03. Januar 2010/fa./idea) – Wut und Trauer machen sich unter ägyptischen Christen nach einem Anschlag auf eine koptisch-orthodoxe Kirche in der Neujahrsnacht breit. Die 21 Todesopfer wurden inzwischen unter starker Anteilnahme der christlichen Bevölkerung beigesetzt.
Weltweit hat das Selbstmordattentat Empörung hervorgerufen. Politiker und Kirchenleiter verurteilten die Gewalttat und riefen zum Schutz der Religionsfreiheit auf.
In der nordägyptischen Hafenstadt Alexandria war am 1. Januar eine halbe Stunde nach Mitternacht eine Autobombe vor der koptischen Markus- und Petrus-Kirche explodiert, als etwa 1.000 Besucher einen Gottesdienst verliessen. 21 Personen wurden getötet und über 40 verletzt. Danach entlud sich die Wut der Betroffenen in Attacken gegen die Sicherheitskräfte, die die Kirchen schützen sollen. Hunderte Demonstranten warfen Steine gegen Polizisten, die mit Tränengas und Gummigeschossen reagierten.
Die Toten wurden am selben Tag im Kloster Marmina in einem Vorort von Alexandria beigesetzt. Der koptische Patriarch Schenuda III. leitete das Begräbnis in Anwesenheit von rund 5.000 Trauernden. Zu dem Selbstmordattentat hat sich bisher niemand bekannt.
Der Bürgermeister der 4,3 Millionen Einwohner zählenden Stadt Alexandria, Adel Labib, teilte mit, dass es Anschlagsdrohungen gegen Kirchen gegeben habe. In Ägypten kommt es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen extremistischen Muslimen und der christlichen Minderheit. Vor knapp einem Jahr waren im oberägyptischen Nag Hammadi am orthodoxen Weihnachtsfest, dem 6. Januar, acht Kopten und ein muslimischer Wachmann erschossen worden. 2006 prallten in Alexandria mehrere Tage lang Kopten und Muslime aufeinander, nachdem ein Christ erstochen worden war.
In der ägyptischen Hafenstadt ist es nach dem aktuellen Kirchen-Anschlag zu neuen Zusammenstössen zwischen Kopten und der Polizei gekommen. Mehrere Verdächtige wurden festgenommen. Wütende Christen bewarfen nach dem Anschlag eine Moschee in der Nähe mit Steinen. Die Polizei trieb die Menge mit Tränengas auseinander. Die St. Markus- und Petri-Kirche ist eines der grössten Gotteshäuser der Kopten in Alexandria.
Die Demonstranten in Alexandria und Kairo verlangten laut Medienberichten einen besseren Schutz für Christen in Ägypten. Auch in Assiut – knapp 400 Kilometer südlich von Kairo – hätten etwa 2000 Kopten demonstriert, schrieb die Zeitung «The Daily News Egypt» online. Die Polizei habe Tränengas eingesetzt. Sicherheitskräfte hätten mehrere Verdächtige festgenommen, berichtete der arabische Nachrichtensender Al Dschasira.
Der koptische Klerus sagte aus Trauer über den Anschlag die Feierlichkeiten zum Weihnachtsfest am 7. Januar ab.
Ohne nähere Erläuterung beschuldigte Ägypten «ausländische Elemente» als Drahtzieher. Tatsächlich hatte kürzlich eine Gruppe mit Verbindungen zum islamistischen Terrornetz Al-Kaida im Irak den Christen im ganzen Nahen Osten mit Anschlägen gedroht. Die Organisation wirft den Kopten vor, zwei angeblich vom Christentum zum Islam konvertierte Frauen als «Geiseln» festzuhalten.
Die koptische Kirche widersprach in einer am Sonntag verbreiteten Erklärung dieser Deutung der Tragödie. «Der Anschlag ist das Ergebnis der anhaltenden konfessionellen Stimmungsmache der letzten Monate», hiess es darin. Ägyptische Medien hatten den Fall der beiden angeblichen Konvertitinnen oft reisserisch und tendenziös dargestellt.
Etwa zehn Prozent der Ägypter sind Christen. Wegen des Baus von Kirchen, Konvertierungen und Landdisputen kommt es immer wieder zu Spannungen und gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen.
Politiker und Kirchenführerin aller Welt haben den jüngsten Anschlag verurteilt. Ägyptens Staatspräsident Hosni Mubarak vermutet, dass die Drahtzieher aus dem Ausland kommen. Man werde aber nicht zulassen, dass das traditionell friedliche Zusammenleben von Muslimen und Christen gestört werde. US-Präsident Barack Obama und die EU-Aussenbeauftragte Catherine Ashton brachten ihre Abscheu über die Bluttat zum Ausdruck. Das Recht der Christen auf freie Glaubensausübung müsse geschützt werden. Der deutsche Aussenminister Guido Westerwelle betonte, man müsse entschlossen gegen Terrorismus und religiöse Intoleranz vorgehen.
zurück
|