Kontakt   Newsletter   Impressum
   

    factum online RSS
  Infos zum RSS-Feed

Führt liberale Theologie zum Untergang?

Führen eine liberale Theologie und eine gesellschaftspolitische Ausrichtung der Kirchen zu ihrem Untergang? Über diese Frage ist eine Debatte in den USA entbrannt.

(25. Juli 2012/idea) – Auslöser der Diskussion ist ein Artikel des Publizisten Ross Douthat in der New York Times (Ausgabe 14. Juli). Darin verweist er auf die Mitgliederverluste aller US-Traditionskirchen, etwa Anglikaner, Lutheraner, Reformierte, Methodisten, die sich einer liberalen Theologie verschrieben haben und Gesellschaftspolitik in den Vordergrund stellen.

Dem jüngsten Jahrbuch der Kirchen und religiösen Sondergemeinschaften in Nordamerika zufolge ist die Evangelisch-Lutherische Kirche in Amerika (4,3 Millionen Mitglieder) in einem Jahr um sechs Prozent geschrumpft. Die reformierte Presbyterianische Kirche USA verzeichnete ein Minus von fast 3,5 Prozent (2,7 Millionen), die anglikanische Episkopalkirche um 2,7 Prozent (1,9 Millionen), die Vereinigte Kirche Christi um zwei Prozent (1 Million) und die Evangelisch-methodistische Kirche um 1,2 Prozent (7,7 Millionen).

Douthat führt zudem an, dass der Gottesdienstbesuch in der Episkopalkirche im vergangenen Jahrzehnt um 23 Prozent gesunken sei. Diese Kirche habe sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einer der progressivsten in den Vereinigten Staaten entwickelt. Die Vorsitzende Bischöfin Katherine Jefferts Schori habe 2006 in einem Interview mit der New York Times die Meinung vertreten, dass ihre Kirche nicht so sehr daran interessiert sei, „ihre Reihen durch Kinderkriegen aufzufüllen“; viel mehr Wert lege sie auf „gute Haushalterschaft“ für die Umwelt.

Nach Ansicht des Katholiken Douthat gibt die Episkopalkirche heute in etwa ein solches Bild ab, wie es die römisch-katholische hätte, wenn der Papst jeden Reformvorschlag annähme, den liberale Gelehrte dem Vatikan empfehlen. Douthat: „Sie hat noch Priester und Bischöfe, Altäre und Kirchenfenster, aber sie ist in der Lehre flexibel bis zur Selbstaufgabe, fast jeder Form sexueller Liberalisierung freundlich zugetan, bereit, das Christentum mit anderen Religionen zu vermengen, und darauf erpicht, Theologie zugunsten säkularer politischer Anliegen herunterzuspielen“.

Doch Douthat lässt auch theologisch konservative Protestanten und Katholiken nicht ungeschoren. Am erfolgreichsten seien häufig jene politisch Konservativen, die ein seichtes Gesundheits- und Wohlstands-Evangelium predigten. Konservative hätten auch keinen Grund, selbstgefällig auf den Niedergang der Liberalen zu blicken. Denn die Überzeugung, dass der Glaube soziale Reformen wie auch die Frömmigkeit fördern solle – sei früher eine „immens positive Kraft“ gewesen. Sie habe etwa die Bürgerrechtsbewegung vorangetrieben. Niemand könne sich ihre Auslöschung wünschen, sondern sie müsse ihre religiöse Existenzberechtigung wiederfinden. Frühere Repräsentanten des „sozialen Evangeliums“ seien tief gegründet gewesen in Bibelstudium, Gebet und Gottesdienst. 

Der evangelikale Bestsellerautor und Bonhoeffer-Biograf Eric Metaxas (New York) stimmt Douthats Analyse weitgehend zu. Er weist in der Internet-Zeitung Christian Post darauf hin, dass auch theologisch konservative Kirchen schrumpfen, etwa der Bund der Südlichen Baptisten - mit gut 16 Millionen Mitgliedern die grösste protestantische Kirche in den USA. Aber nicht nur deshalb verbiete sich „klammheimliche Freude“ über den Niedergang der Traditionskirchen. Metaxas verweist auf einen Artikel des Theologen Timothy George, Vorsitzender der Colson-Zentrums in Lansdowne (Bundesstaat Virginia). Wie er schreibt, seien auch die grössten Kirchen in den USA – noch vor den Südlichen Baptisten die römisch-katholische Kirche mit 68,2 Millionen Mitgliedern – Versuchungen ausgesetzt, „das verblassende Ethos des liberalen Protestantismus nachzuahmen“.

Oft würden evangelistische Gründe dafür angeführt: Man wolle „religiöse Kulturverächter“ durch eine Art „vager Neo-Spiritualität“ gewinnen. Die Absicht sei zwar ehrenhaft, aber die Folgen wahrscheinlich katastrophal: „ein soziales Evangelium, das allein sozial ist aber kein Evangelium“. Daraus entstehe ein Kirche, die nichts anderes mehr zu sagen habe, als das, was säkulare Eliten schon längst und meist besser gesagt hätten. George sieht die Gefahr eines „horizontalen Glaubens“, der das Zutrauen in Gottes erlösende Liebe verliere. 

Der Niedergang der liberalen Kirchen sollte Evangelikale vor allem zur Fürbitte anregen. George: „Es gibt keinen Anlass für Selbstgerechtigkeit.“ In jeder Kirche seien treue Christen zu finden, die gegen den Strom schwimmen und „ihre Knie nicht vor Baal beugen“. Sie seien oft Nachstellungen und Diskriminierungen ausgesetzt. Es gelte darum zu beten, dass sie standhaft bleiben und geistliche Gemeinschaft finden. Diese Fürbitte sollte begleitet werden von Gebeten für andere, die neue Gemeinden gründen.



zurück

Das aktuelle Heft:
factum 3/2013


factum 3/2013

factum-Abo
efactum-App
30 Jahre ethos