FACTUM-Exkursion zur Glarner Hauptüberschiebung
(04. September 2006/rh.) - Am ersten Wochenende im September führte eine FACTUM-Exkursion ins Glarnerland in der Schweiz. Ziel war, sich geologisches Grundwissen anzueignen und die Glarner Hauptüberschiebung hautnah zu beobachten.
Das Gebiet der Glarner Hauptüberschiebung ist eine faszinierende Hochgebirgslandschaft zwischen dem Vorderrheintal und dem Kerenzerberg am Walensee. Stationiert im Freizeitheim Lihn in Filzbach, befasste sich eine grosse Gruppe von Geologie- und Bibelinteressierten auf dem von FACTUM organisierten Exkursions-Wochenende mit Grundlagen der Geologie der Alpen und im Gelände mit der weltberühmten Gesteinsüberschiebung. Die fachlichen Ausführungen machte der Diplom-Geologe Dr. Martin Ernst.
An der Glarner Hauptüberschiebung wurden mehr als 250 Mio. Jahre (nach herkömmlicher Datierung) alte Verrucano-Gesteine auf 35 bis 50 Mio. Jahre "junge" Flyschgesteine geschoben. Folgt man diesen Altersangaben, dann liegen hier auf einer Länge von 35 Kilometern alte Gesteine auf fast 200 Millionen Jahre jüngeren. Was ist die Datenlage und welche Erklärungen liefert die Geologie dafür?
Nach Berechnungen hätte ein derart grosses Gesteinspaket beim Transport in viele kleine Schollen zerbrechen müssen. Das war aber nicht so. Der Gesteinskoloss blieb zusammen. Daraus ergibt sich, dass eine Art „Schmiermittel“ die Reibungskräfte an der Überschiebungsfläche so stark reduzierte, dass ein Gleiten möglich wurde.
Die Überschiebungszone besteht aus dem stark verformten Lochsite-Kalk, durch den eine messerscharfe, fast horizontale Linie verläuft. Wo kam dieser Kalk her? Warum verformte er sich bis hin zum „Gleitmittel“? Wie schnell verlief die Überschiebung?
„Was gab den Impuls, dass sich diese gigantische alte Gesteinsmasse in Bewegung setzte und die jüngere überschieben konnte?“ Diese vom Geologen Martin Ernst gestellte Frage ist bislang offen. Noch immer laufen entsprechende Forschungen.
Ein neues Modell schlägt vor, dass die Bewegung durch Wasser gefördert worden sei. Wasser verringert unter hohem Druck für kurze Zeit die Reibung der Überschiebungsfläche.
Der Lochsite-Kalk könnte allerdings – so der neueste Erklärungsversuch - auch erst während der Überschiebung aus kalkreichem Wasser rasch auskristallisiert worden sein und nicht aus zusammengewalztem alten Meereskalk bestehen. Sauerstoffisotopenanalysen im Lochsite-Kalk scheinen dieses Modell zu bestätigen.
Damit steht die nächste Frage im Raum: „Wo kamen die dafür nötigen Wassermassen her?“ Die im Rahmen einer biblischen Urgeschichte forschenden Geologen wie Dr. Martin Ernst erkennen dahinter ein katastrophisches Ereignis, das die Überschiebung weit schneller ablaufen liess.
Dem widersprechen andere Geologen. Sie vermuten Fluide im Gestein drin. Das sind kleine Wassermengen in den Gesteinsklüften. Diese seien durch Erdbebentätigkeit während sehr langen Zeitperioden geöffnet worden.
Auf jeden Fall laufen Forschungsprojekte an mehreren Universitäten. Die Glarner Hauptüberschiebung birgt noch immer Geheimnisse.
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