Thema Minarett-Bau: Spannung im „Ziischtigsclub“
(27. September 2006/factum/rh.) – Endlich greift auch das Schweizer Fernsehen das Thema auf: "Minarettstreit – Wie viel Islam erträgt die Schweiz?" hiess der Titel der Diskussionssendung „Der Club“, in deren Verlauf es einem Teilnehmer für einen kurzen Moment die Sprache verschlug.
In Wangen bei Olten und in Langenthal gehen wegen der geplanten Minarette die Emotionen hoch. Die Gegner der Gebetstürme fordern Baustopps. Der Bau von Minaretten soll nicht allein von den lokalen Behörden bewilligt werden, sondern zur Volksabstimmung kommen.
Klar ist: Mit dem Aufrichten von Minaretten wird der Islam in der Schweiz sichtbar. Stören Minarette den Religionsfrieden? Sind sie mehr als harmlose religiöse Symbole? Stehen sie für den Vormarsch des Islam? Verdrängen sie die Kirchtürme und damit die christliche Kultur aus den Dörfern? Übertreiben die Gegner, verharmlosen die Befürworter der Minarette?
Zu solchen Fragen nahmen die Gäste im „Ziischtigsclub“ unter der Leitung von Christiane Maier Stellung. Die Sicht der Muslime vertraten Hisham Maizar, Vertreter der Muslime im Schweizer Rat der Religionen, Felix Gmür, Generalsekretär der katholischen Bischofskonferenz und die Sängerin Emel, eine eingebürgerte Türkin.
Gegen den Minarettbau oder zumindest für einen Baustopp, bis die Diskussion schweizweit ausgetragen worden ist, waren Patrick Freudiger vom Komitee «Stopp den Minaretten in der Schweiz», er ist SVP-Stadtrat in Langenthal, Daniel Zingg (EDU), Produzent von Multimedia-Projekten sowie der evangelische Pfarrer Erich Huber aus Wangen bei Olten.
Die Gesprächsteilnehmer gaben sich redlich Mühe, ihre Emotionen unter Kontrolle zu halten. Das hatte den Nachteil, dass die tatsächlichen Fragen rund um Koran, Mohammed und Islam nicht richtig zur Sprache kamen. Nur einmal, als Daniel Zingg, der aufklärende Vorträge über den Islam hält, bekannte, dass er Muslime als Menschen achte, den Islam aber ablehne, reagierte Hisham Maizar heftig. Der Leiter der muslimischen Vereinigung der Schweiz stempelte Zingg als inkompetent ab und als nicht in der Lage, Aussagen über den Islam zu machen.
Auch der katholische Vertreter zeigte sich entsetzt gegenüber Daniel Zingg, der nach diesem Versuch, ihn mundtot zu machen und persönlich zu diskreditieren „erst einmal Luft holen“ musste. Zingg hatte im Vorfeld von verschiedenster Seite zahlreiche Warnungen vor dem Auftritt im Fernsehen erhalten, die ihn auf die vom Islam ausgehende Gefahr aufmerksam machen wollten.
Trotz Angriffen vor allem seitens der Popsängerin Emel, blieb der 21-jährige SVP-Politiker Patrick Freudiger sachlich. Er wünschte sich einen politischen Prozess mit breiter Volksbeteiligung. Dass sei erst durch die Lancierung der Petition gegen den Minarettbau in Langenthal möglich geworden. Der Bau von Minaretten habe eine politische Dimension und sprenge deshalb die übliche Handhabung bei Baugenehmigungen. Der Minarettbau sollte nach Meinung von Freudiger zur Volksabstimmung gelangen.
Ähnlich argumentierte der evangelische Pfarrer von Wangen, Erich Huber. Er setzte sich für ein eigentliches Minarettbau-Moratorium ein. Damit sollen die Gemeindebehörden entlastet und eine Diskussion auf breiter Ebene und ohne Zeitdruck geführt werden, um dann einen in der ganzen Schweiz gültigen Weg einschlagen zu können.
Gegen Ende der Sendung schwenkte das Thema um auf die Schwäche des Christentums, das von vielen Schweizerinnen und Schweizern nur noch diffus gekannt und kaum noch gelebt werde. Das Wissen und Bekenntnis des eigenen Glaubens wäre die Voraussetzung, um den Dialog mit anderen Religionen führen zu können.
Daniel Zingg lud abschliessend gerade auch die muslimischen Gäste ein, doch einmal den Gottesdienst in einer freikirchlichen Gemeinde zu besuchen. Deren Türen stünden immer offen für Besucherinnen und Besucher.
Um dem realen Unbehagen vieler Schweizerinnen und Schweizer gerechter zu werden, müsste über tatsächliche Fakten innerhalb des Islam geredet werden. Nur müssten dann andere muslimische Exponenten antreten. Zum Beispiel der zweite Moslem im Rat der Religionen, der iranischstämmige Farhad Afshar.
Dazu noch etwas Hintergrund: Mitte Mai wurde der Schweizer Rat der Religionen gegründet. Sein wichtigstes Ziel ist die Integration der muslimischen Gemeinschaft. Im sechsköpfigen Gremium vertreten sind neben dem reformierten Pfarrer Thomas Wipf, der katholische Bischof Kurt Koch, Fritz-René Müller, Bischof der christkatholischen Kirche, Alfred Donath vom Israelitischen Gemeindebund und auffallenderweise zwei muslimische Vertreter, und zwar Farhad Afshar und Hisham Maizar.
Warum ist eine religiöse Minderheit (rund 350000 Muslime in der Schweiz) gleich zweifach im Rat der Religionen vertreten? Noch während der Aufbauphase des Rates sei klar geworden, dass nicht nur eine Person «den in sich noch nicht einigen Islam» im Gremium vertreten solle, sagte der Initiator Thomas Wipf (NZZ am Sonntag, 11. Juni 2006). Deshalb habe man sich für zwei Repräsentanten entschieden.
Farhad Afshar ist Soziologe mit iranischen Wurzeln. Geht es um politische Anliegen der islamischen Gemeinschaft, tritt er an die Öffentlichkeit. Sybille Stillhart schrieb in der „NZZ am Sonntag“: „Afshar vertritt einen konservativen Islam, beantwortet Fragen von Journalisten aber nur ausweichend. Vieles bleibt im Gespräch mit ihm schleierhaft. Als ihn die ‚Weltwoche’ nach seiner Meinung über die Steinigung befragte, die die Scharia etwa bei Ehebruch vorschreibt, drückte er sich lange um eine klare Antwort.“ Für wie viele Muslime Afshar steht, ist nicht klar.
"Club"-Teilnehmer Hisham Maizar ist Arzt im thurgauischen Roggwil. Der Palästinenser mit Schweizer Pass steht nach eigenen Angaben für eine «ausgewogene» Haltung, was seine Religion betreffe; er sei dialogbereit, sagt er, reiche auch säkularisierten Muslimen die Hand zum Gespräch. In diesem Frühjahr rief er die Föderation Islamischer Dachorganisationen ins Leben, der 10 von 14 muslimischen Dachorganisationen in allen vier Sprachregionen angehören. 130 der 300 muslimischen Vereine - kantonale, aber auch regionale Verbände - sind in der Föderation dabei.
Dass sowohl Afshar wie auch Maizar im Rat der Religionen dabei sind, weist auf deren Uneinigkeit hin. Denn nicht (oder noch nicht) zur Sprache kamen in dieser „Club“-Sendung heikle Fragen wie: Warum sind alle Selbstmordattentäter Muslime? Warum wird Attentätern aufgrund des Korans der Einzug in den Himmel versprochen? Was heisst und bedeutet Dschihad? Warum löste ein vom Papst zitierter Abschnitt aus einem mittelalterlichen Werk einen Proteststurm und Druckversuche aus? Ist Allah auch der Gott der Christen? Was ist echte, gelebte Toleranz in einer Demokratie? Warum gehen friedliche Muslime nicht auf die Strasse, um sichtbar – nicht nur in Internet-Stellungnahmen – gegen den islamistischen Terror zu demonstrieren? Wer oder was schürt die unterschwellige Angst gegenüber Muslimen? Wie verbreitete sich der Islam? usw.
Solche Fragen stecken hinter dem Minarettbau-Thema. Offen gelegt werden sie nicht, weil sie immer noch als "politisch unkorrekt" gelten. Solange sich das nicht verändert, wird das Unbehagen über den immer sichtbarer werdenden Islam in der Schweiz weiter wachsen. Trotzdem: Der „Ziischtigs-Club“ hat das Thema öffentlich gemacht. Weitere Schritte sollten folgen.
Hinweis auf die Zweitausstrahlung der Sendung:
SF 1: 27. September 2006, 01.55 Uhr SF info: 28. September 2006, 12.45 Uhr SF 1: 30. September 2006, 11.35 Uhr
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