Die Mordtat von Malatya
(28. April 2007/bq.) - Die letzten Stunden der in der Türkei ermordeten Christen Necati Aydin, Ugur Yüksel und Tilmann Geske. Die Täter erschlichen sich seit Monaten das Vertrauen der Opfer.
Das Martin Bucer Seminar in Bonn, das durch sein türkisches Studienzentrum eng mit Opfern, Hinterbliebenen und Zeugen der Bluttat an drei Christen am 18. April 2007 in Malatya verbunden ist, hat versucht, den Tathergang aufgrund von Zeugenaussagen zu rekonstruieren. (Die Redaktion veröffentlicht den Bericht gekürzt, da vor allem die Beschreibungen über die Folterungen von türkischer Seite zu unterschiedlich berichtet werden. So konnten Zeugen, welche die Leichen von Tilman Geske und Necati Aydin noch gesehen haben, die in der Presse behaupteten, unzählbaren Messerstiche in ihren Körpern nicht bestätigen.)
Die Mörder der ermordeten drei Christen hatten bereits seit Monaten das Vertrauen der Opfer erschlichen, was auf eine lange Planung der Bluttat schliessen lasse. Sie zeigten Interesse am christlichen Glauben und wollten mehr Information über die Bibel und deren Inhalte und trafen sich dazu häufiger mit ihren zukünftigen Opfern.
So kamen bereits am Vormittag des 18. April zwei der Täter in das Büro des Zirve-Verlages in Malatya, einer Aussenstelle eines evangelischen Verlagshauses mit Sitz in Istanbul und mehreren Distributionsbüros in verschiedenen Städten der Türkei. Sie unterhielten sich u.a. mit Necati Aydin über seinen Glauben – wie so oft in den vergangenen Monaten. Zu diesem Zeitpunkt war neben Tilmann Geske noch der Buchhalter Emin M. im Büro anwesend. Alles schien normal wie immer. Im Laufe des Vormittags verliess M. das Büro und ahnte nicht, dass er Aydin und Geske nicht mehr lebend wiedersehen würde.
Kurz danach kamen die anderen drei Täter und begannen die ersten beiden Opfer zu fesseln, währenddessen sie diese mit Pistolen bedrohten. (...) Kurze Zeit später kam Ugur Yüksel zum Büro, wurde sofort von den Tätern hineingezogen und ebenfalls gefesselt.
Als einige Zeit später Gökhan T., ebenfalls ein Christ, ins Zirve-Büro kommen wollte, konnte er die Tür nicht aufschliessen, da sie von innen zugeschlossen war und der Schlüssel steckte. Daraufhin versuchte T. im Büro anzurufen und erreichte schliesslich Ugur Yüksel am Telefon. Dieser teilte ihm mit, dass ein vereinbartes Mitarbeitertreffen des Zirve-Verlages nicht wie geplant im Büro stattfinden würde, sondern in einem bestimmten Hotel. T. hatte aber den Eindruck, dass irgend etwas nicht stimmte und rief einen Freund in der Stadt an. Dieser riet ihm, die Polizei zu alarmieren, was Gökhan T. tat.
Als die Polizei unmittelbar danach vor dem Büro eintraf, waren die Opfer noch am Leben. Die Polizei forderte die Täter auf, die Tür zu öffnen, woraufhin diese ihren Opfern die Kehlen durchschnitten. Als die Polizei die Tür eingetreten und das Büro gestürmt hatte, konnte sie Aydin und Geske nur noch tot bergen. Yüksel lebte noch und wurde mit schwersten Verletzungen ins Krankenhaus gebracht, wo er aber trotz Notoperation seinen Verletzungen erlag.
Türkischen Presseberichten zufolge ergab die Autopsie der Opfer folgendes Bild: Becken, Unterleib, Anus, Bauch und Rücken waren mit bis zu 156 Messerstichen übersät. Die Fingerspitzen waren mehrfach zerschnitten, am Hals klaffte eine lange Wunde, wobei Speise- und Luftröhre durchschnitten waren. (...)
Anmerkung der Redaktion: Diese der Presse entnommenen Angaben wurden von Christen, welche die Leichen vor deren Beerdigung noch sahen, nicht bestätigt. Bestätigt ist, dass die drei Christen brutal ermordet wurden und zuvor gefoltert wurden, allerdings nicht im beschriebenen Ausmass.
Drei der Täter konnten von der Polizei noch direkt im Büro festgenommen werden, zwei weitere versuchten, am Fallrohr der Dachrinne nach unten zu gelangen. Der erste dieser beiden konnte im zweiten Stock, ein Stockwerk unterhalb des Tatortes, von der Polizei festgenommen werden. Der zweite, der Aussage der ersten vier Täter nach der Anführer der Gruppe, stürzte aus grosser Höhe auf die Straße, als sich das Regenfallrohr von der Wand löste. Er wurde ins Krankenhaus gebracht und lag einige Tage im Koma, sei daraus aber jetzt wieder erwacht und werde verhört.
Im Laufe der nächsten Tage wurden einige weitere Tatverdächtige (...) festgenommen.
Auf der am 26. April einberufenen Pressekonferenz in Malatya, sagte Pastor Ihsan Özbek (Ankara), Präsident der Vereinigung protestantischer Gemeinden in der Türkei: „Gestern wurde die Türkei in der Finsternis des Mittelalters begraben.“ Er verglich die landesweit üblichen und seit Jahren kolportieren Verschwörungstheorien gegen Christen, zu der eine regelrechte Phobie gegen Missionare gehöre, mit der mittelalterlichen Hexenjagd in Europa. Auf die Frage, weshalb Geske in Malatya war, antwortete Özbek, dass das an sich schon eine unverschämte Frage sei, da man in einem demokratischen Staat schliesslich auch nicht fragen würde: „was sie oder ich denn gerade in Malatya tun“. Der Pastor fand so deutliche Worte, dass türkische Medien titelten: „Eine entsetzliche Brutalität, aber keine Überraschung“. Özbek zeigte sich davon überzeugt, „dass das nicht der letzte Märtyrer sein wird. Aber von ganzem Herzen wünschen wir, dass es der letzte sein würde.“
Necati Aydin und Ugur Yüksel sind die seit Gründung der türkischen Republik im Jahre 1923 ersten bekannten vom Islam zum Christentum konvertierten Gläubigen, die den Märtyrertod gestorben sind. Ugur Yüksel wurde am Tag nach der Bluttat von seiner Familie, die seinen christlichen Glauben vehement leugnet, nach islamisch-alevitischem Ritus beerdigt.
Das deutsche Opfer wurde auf Wunsch der Witwe am 20. April auf dem armenischen Friedhof in Malatya beerdigt. Vorausgegangen war ein zähes Ringen mit den örtlichen Behörden, die eine Beerdigung von Geske in der Stadt unbedingt verhindern wollten. Nicht zuletzt nach Druck deutscher Behörden wurde der ursprünglich auf 14 Uhr festgesetzten Beerdigung mit drei Stunden Verspätung stattgegeben. An der Beerdigung nahmen nach Angaben von Augenzeugen etwa 100 Trauergäste aus der ganzen Türkei teil.
Necati Aydin, neben seiner Tätigkeit im Zirve-Verlag Pastor der örtlichen protestantischen Gemeinde, wurde am 21. April in seiner Heimatstadt Izmir unter grosser Anteilnahme von ca. 500 Trauergästen beigesetzt.
Das Medienecho in der Türkei war auch Tage nach der Tat enorm. Viele Türken drückten in Leserbriefen ihre tiefe Abscheu gegen dieses Verbrechen aus.
Besondere Hochachtung erhielt die Witwe Susanne Geske für ihre am Tag nach dem Massaker in einem TV-Interview geäusserte Haltung, dass sie den Mördern ihres Mannes vergebe, wie Christus am Kreuz gebetet habe: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“ Das sei auch der Grund, warum sie mit ihren Kindern in Malatya bleiben wolle. Manche Leser schrieben sogar, dass sie jetzt erst recht das Neue Testament lesen oder sich bei Nachfrage einfach als Christen bezeichnen wollten, weil sie mit dem Islam nichts mehr zu tun haben wollten.
Gleichwohl ist das Verbrechen kaum nur die Tat verblendeter Jugendlicher, wird doch seit Jahren in den Medien gegen Christen gehetzt. Dass sie Muslime mit Geld zu einem Glaubenswechsel bewegen wollten, gehört noch zu den harmlosen Lügen, reichen doch die Vorwürfe bis hin zum vermeintlichen Angebot der Prostitution. (...) Die Gottesdienste vieler christlicher Gemeinden fanden am Sonntag, 22. April, deshalb unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen und Polizeischutz statt. In einer kleinen Gemeinde in einem Istanbuler Stadtteil kamen z.B. nach dem Gottesdienst zwei leitende Beamte der örtlichen Polizeistation, um sich nach der Sicherheit zu erkundigen und um der Gemeindeleitung dringend zu raten, sich eine Alarmanlage und eine Videoüberwachungsanlage mit Aufzeichnungsfunktion anzuschaffen. Nicht zuletzt stehen mittlerweile manche der Pastoren wegen fortgesetzter massiver Drohungen unter Personenschutz.
Dies zusammen macht den Christen in der Türkei gegenwärtig grosse Sorge, sehen sie doch die in den letzten Jahren in mancher Hinsicht durchaus positive Entwicklung in Sachen Religionsfreiheit stark gefährdet. Quelle: Bonner Querschnitte; www.bucer.de
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