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Broder: Toleranz hilft den Rücksichtslosen

(25. Juni 2007/fa. ) - "Bin ich verrückt, oder sind es die anderen?", fragte der streitbare Autor Henryk M. Broder in seiner Dankesrede für den Ludwig-Börne-Preis. Seine These: Die westlichen Werte sind nur mit Intoleranz zu retten. Und wie von ihm nicht anders gewohnt – Broder sprach auch diesmal ohne Angst vor Repressalien.

Zum Bestseller geworden, ist sein Buch "Hurra, wir kapitulieren!" Jetzt erhielt Henryk M. Broder den Ludwig-Börne-Preis. "Spiegel online" veröffentlichte die ganze Rede.

Im Kern seiner Dankesrede entlarvte der jüdische Autor die heute gängige Toleranz als gefährliches Trittbrett für Radikale. Zur Zeit Lessings sei Toleranz das Gebot der Zeit gewesen, und zwar in einer Welt, die vertikal organisiert gewesen sei: „Die einen waren oben und die anderen waren unten, und dazwischen war wenig.“ Doch heute seien Gesellschaften „horizontal organisiert“. Es gebe kein Oben und kein Unten, sondern ein breites Spektrum an homogenisierten Angeboten, unter denen man wählen könne.

Deshalb – so Broders Kernsatz – deshalb komme in horizontal organisierten Gesellschaften „das Toleranzgebot nicht den schwachen, sondern den Rücksichtslosen zugute. Sie sind es, die mit der Toleranzkeule um sich schlagen und Rechte einfordern, die sie anderen verweigern.“

Wir würden täglich aufgerufen, für alle möglichen Fundamentalismen und Fanatismen Verständnis zu haben und Toleranz zu praktizieren, Vorleistungen zu erbringen, ohne Gegenleistungen zu erwarten, sagte Broder. „Ein deutscher Nobelpreisträger hat den Vorschlag gemacht, eine Kirche in eine Moschee umzuwidmen, als Goodwil-lGeste den Muslimen gegenüber. Bis jetzt warten wir vergeblich auf den Vorschlag eines islamischen Intellektuellen, eine Moschee in eine Kirche umzuwandeln, denn so eine Idee, öffentlich geäussert, könnte ihn sein Leben kosten. So wie es einen afghanischen Muslim fast das Leben kostete, als er zum Christentum konvertierte. Er entging der Todesstrafe nur dadurch, dass er für verrückt erklärt wurde, nachdem sich Politiker von Angela Merkel bis Kofi Annan seiner angenommen hatten.“

Hinter der Toleranz verstecke sich Bequemlichkeit, Faulheit und Feigheit. Wer heute die Werte der Aufklärung verteidigen wolle, der müsse vielmehr intolerant sein, „der muss Grenzen ziehen und darauf bestehen, dass sie nicht überschritten werden. Der darf ‚Ehrenmorde’ und andere Kleinigkeiten nicht mit dem ‚kulturellen Hintergrund’ der Täter verklären und den Tugendterror religiöser Fanatiker, die Sechzehnjährige wegen unkeuschen Lebenswandels hängen, nicht zur Privatangelegenheit einer anderen Rechtskultur degradieren, die man respektieren müsse, weil es inzwischen als unfein gilt, die Tatsache anzusprechen, dass nicht alle Kulturen gleich und gleichwertig sind.“

Stimmen, wie diejenige von Henryk Broder, der sich selbst als „Pausenclown“ versteht, sind nötig in Gesellschaften, die sich als tolerant verstehen und nicht mehr in der Lage sind, Grenzen zu ziehen, wo es nötig wäre.



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