Assyrer: Politik der verbrannten Erde
(21. November 2007/wzw.) - Ausgrabungen auf dem Tell Oreme am Nordwestufer des Sees Genezareth geben Einblick in das Leben während der israelitischen Königszeit und bestätigen den biblischen Bericht.
Obwohl der Ort Kinneret nur ein einziges Mal im Alten Testament, noch dazu in einer Ortsnamensliste, erwähnt wird (Josua 19,35; an allen anderen Stellen ist entweder der See oder die Landschaft gemeint), erbrachten die Grabungen auf dem Tell Oreme, mit dem das biblische Kinneret identifiziert wird, doch ganz herausragende Funde und Befunde für die Geschichte Israels.
Tell Oreme liegt am Nordwestufer des Sees Genezareth, in unmittelbarer Nachbarschaft zu dem Kloster von Tabgha mit seinen berühmten Mosaiken. In vorchristlicher Zeit war der Ort die wichtigste Ortslage am See Genezareth. Der See trägt im Hebräischen den Namen Yam Kinneret («Meer von Kinneret») und wurde nach der bedeutendsten Ortschaft der Gegend benannt.
Der Name «See Genezareth» ist wahrscheinlich eine sprachliche Weiterentwicklung von Kinneret in einer Zeit, als die Ortslage Kinneret längst nicht mehr existierte und vergessen war. Die Ausgrabungen in Kinneret, die seit 1982 durchgeführt werden, wurden zunächst von dem kürzlich verstorbenen Prof. Volkmar Fritz geleitet. Er war anfangs an der Universität Mainz tätig, dann in Giessen und schliesslich auch Leiter des Deutschen Evangelischen Instituts zur Erforschung des Heiligen Landes in Jerusalem. Seit 2003 werden die Grabungen von den Universitäten Mainz (verantwortlich Prof. Dr. Wolfgang Zwickel), Leiden (Prof. Dr. Jürgen Zangenberg), Bern (Stefan Münger) nd Helsinki (Dr. habil. Juha Pakkala) weitergeführt.
Für die Geschichte Israels sind die Ausgrabungen in zweierlei Hinsicht relevant. Für die Zeit zwischen 1150 und 950 v. Chr. wurde hier eine zehn Hektar grosse und hoch entwickelte Ortslage ausgegraben. Für rund hundert Jahre war der Ort dann unbewohnt, bevor er für weitere 100 Jahre noch einmal eine gewichtige Rolle spielte.
Im 9. Jh. v. Chr. wurde auf den Ruinen der älteren Ortslage, aber nur noch auf einem Areal von 0,8 Hektar, eine kleine, aber auffallend stark befestigte neue Ortschaft errichtet. Bei den bisherigen Ausgrabungen wurden Teile der bis zu fünf Meter starken Stadtmauer, zwei massive Türme, einige Wohnhäuser, die Toranlage und ein Pfeilerhaus freigelegt.
Besonders das Tor und das Pfeilerhaus ermöglichen interessante Einblicke in die letzten Stunden des Untergangs der Stadt, aber auch in das tägliche Leben an diesem Ort. Aus biblischen und ausserbiblischen Berichten wissen wir, dass der assyrische König Tiglat-Pileser zwischen 734 und 732 v. Chr. Feldzüge gegen Israel und die Philister durchführte. Assyrische Taktik war es, jeweils verbrannte Erde zu hinterlassen, die Oberschicht eines Landes zu deportieren und gegebenenfalls eine fremde Oberschicht anzusiedeln.
In Galiläa scheinen sie bei ihren Feldzügen die dort ansässige Bevölkerung nahezu vollständig ausgerottet zu haben. In Kinneret lässt sich die Eroberung durch die Assyrer besonders gut nachweisen. Die ganze Stadt wurde eingeäschert, obwohl sie so stark befestigt gewesen war. In vielen Gebäuden wurde eine dicke Brandschicht beobachtet, die mit der Zerstörung durch die Assyrer in Verbindung gebracht werden kann. Im Torbereich fand man zahlreiche assyrische Pfeilspitzen, die davon herrühren, dass das Tor mit Pfeilen, vielleicht mit Brandpfeilen, beschossen wurde.
Gerade die Toranlage war immer ein besonders wirksamer Punkt für Angriffe durch Feinde, da die hölzernen Torflügel sich leicht in Brand stecken liessen. Im benachbarten sog. «Pfeilerhaus» fand man grosse Mengen verbrannten Getreides, das gleichfalls bei der Feuersbrunst vernichtet worden war.
Diese Befunde in Kinneret stellen einen der wenigen Fixpunkte dar, bei denen die biblische Chronologie mit archäologischen Befunden in Einklang zu bringen sind. Da durch ausserbiblische Texte und 2. Könige 15,29 («In den Tagen Pekachs, des Königs von Israel, kam Tiglat-Pileser, der König von Assur, und nahm … Gilead und Galiläa, das ganze Land Naftali, ein und führte die Bewohner in die Verbannung nach Assur») die Zerstörung der Stadt mit einer Ungenauigkeit von allenfalls einem Jahr festgelegt werden kann, ist die hier gefundene Keramik für die absolute Keramikchronologie in Israel von grosser Bedeutung.
Lesen Sie den ganzen Beitrag in factum 8/2007.
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