GB: Bildungsdirektor tritt unter Druck zurück
(17. September 2008/idea) – Die Debatte um Evolution und Kreationismus (Schöpfungslehre) ist in Grossbritannien neu entbrannt. Der Bildungsdirektor an der Akademie der Wissenschaften (Royal Society), Michael Reiss (London), hat sein Amt am 16. September niedergelegt.
Reiss war zuvor von Naturwissenschaftlern wegen Äusserungen zum Kreationismus heftig angegriffen worden. In einem Vortrag in Liverpool hatte er Anfang September dafür plädiert, an Schulen nicht nur Evolution zu lehren, sondern auch die Schöpfungslehre zu diskutieren. Lehrer sollten kreationistische Vorstellungen nicht als „falsche Auffassungen“ ansehen, sondern als eine Weltanschauung behandeln.
Reiss ist anglikanischer Theologe und Biologe und hat 20 Jahre lang als Lehrer gearbeitet hat. Seine schulische Erfahrung lehre ihn, dass das Beharren auf der Evolutionstheorie manche Schüler nicht überzeuge. Deshalb spreche viel dafür, zuzulassen, dass Schüler ihre Zweifel äussern. Das sei „keine revolutionäre Idee“ im naturwissenschaftlichen Unterricht. Seine Ausführungen entfachten einen Sturm der Entrüstung unter Naturwissenschaftlern.
Der Mediziner und Nobelpreisträger Richard Roberts nannte die Ansichten von Reiss „schändlich“ und forderte seine Entlassung. Wie die Londoner Zeitung "Times" weiter berichtet, stellte sich die Akademie der Wissenschaften zunächst hinter Reiss, liess ihn dann aber fallen, weil er unbeabsichtigt dem Ruf der Einrichtung geschadet habe. Man habe sich mit Reiss geeinigt, dass er seine Teilzeitstelle aufgebe.
Rückendeckung erhielt Reiss vom Londoner Professor für Naturwissenschaft und Gesellschaft, Lord Winston, der der Akademie nicht angehört. Nach seiner Ansicht hat sich die Royal Society keinen guten Dienst getan. Reiss habe argumentiert, „dass wir uns mit falschen Vorstellungen von der Naturwissenschaft auseinandersetzen sollten – das sollte die Royal Society begrüssen“, erklärte Lord Winston.
Der Begründer der Evolutionstheorie, der englische Naturforscher Charles Darwin Darwin (1809-1882) war Mitglied der Royal Society. Im kommenden Jahr wird seiner aus Anlass von zwei Jahrestagen gedacht: Vor 200 Jahren, am 12. Februar 1809, wurde der Naturforscher geboren, und vor 150 Jahren (1859) veröffentlichte er sein Hauptwerk „On the Origin of Species“ (Die Entstehung der Arten). Die anglikanische Kirche von England hat sich jetzt für Angriffe der Kirche auf den Naturforscher posthum entschuldigt. Schon zu Lebzeiten wurde Darwin scharf von Kirchenkritikern angegriffen, die seine Lehren im Widerspruch zu den biblischen Schöpfungsberichten sahen. Die römisch-katholische Kirche wird sich allerdings nicht bei Darwin entschuldigen.
Wie der Präsident des Päpstlichen Kulturrates, Erzbischof Gianfranco Ravasi, am 16. September in Rom erklärte, schlössen sich die Evolutionstheorie und die Botschaft der Bibel nicht von vornherein aus, auch wenn das kirchliche Lehramt vieles an Darwins Lehre kritisch sehe. Im März soll die Evolutionstheorie auf einem internationalen katholischen Kongress in Rom erörtert werden.
Kirche von England entschuldigt sich bei Darwin
Britischer Akademiker für Schöpfungslehre
ETH-Professor geisselt Kreationismus: "Unsinn!"
Diskussion um Evolution auf ETH-Webseite
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