Zahlreiche bislang unbekannte Tierarten entdeckt
(16. Dezember 2008/tl.) – Es werden noch immer viele bislang unbekannte Tierarten entdeckt. Bemerkenswert ist, dass viele davon als längst ausgestorben galten.
Besonders Vietnam und seine Nachbarstaaten am Mekong-Strom scheinen ein Füllhorn für botanische und zoologische Entdeckungen zu sein, schreibt die Tageszeitung "Die Welt". Alle paar Monate können Zoologen oder Botaniker bedeutende Erfolgsmeldungen von der grossen Halbinsel, die in das südchinesische Meer hineinragt, melden. Auffallend ist, dass viele der Tierarten als längst ausgestorben galten.
„Man erinnert sich ein bisschen an die Empfindungen, die Entdecker des 19.Jahrhunderts beschlichen haben müssen“, sagt Petr Obrdlik vom Worldwide Fund for Nature. Zwischen1997 und 2007 haben Forscher 549 bisher unbekannte Tier- und 519 Pflanzenarten in den Mekong-Staaten aufgespürt und anschließend taxonomisch erfasst. Darunter auch zwei Dutzend neue Säugetierarten, was als kleine Sensation gelten kann.
Grosses Aufsehen hatte es im Sommer 1993 ausgelöst, als im Süden Vietnams das „Saola“ entdeckt wurde, eine Huftier-Art, „bei der die Forscher immer noch rätseln, ob es ein Rind, eine Ziege oder eine Antilope ist“, wie Obrdlik sagt. Doch dies war nur der Auftakt für weitere Neuheiten aus dem Dschungel in den Folgejahren. Dabei sind die Zoologen nicht nur im Urwald fündig geworden. Die Grüne Grubenotter fand man unterm Dach eines Restaurants; die eichhörnchenartige Graue Felsenratte saß auf einem Dorf-Markt in Laos, wo es wahlweise als Spielzeug oder Speiseangebot feilgeboten wurde.
Die Entdeckungen gingen quer über alle Klassen, Ordnungen, Familien, Gattungen und Arten: ein Tausendfüßler, dem man nicht zu nahe kommen sollte, weil er seine Feinde mit hochgiftigem Zyanid vertreibt; die Riesenkrabbenspinne, der man wohl automatisch aus dem Weg gehen dürfte, weil sie mit ihren Beinen 30 Zentimeter misst; eine völlig neue Hirschart. 88 Spinnen, 279 Fische, 88 Frösche, 72 Reptilien, vier Vögel, zwei Dutzend Säugetiere.
Es ist eine weltweit einmalige Bilanz. Die allermeisten Arten fand man mit 319 in Vietnam, gefolgt von chinesischen Grenzprovinzen, Thailand, Laos, Burma und Kambodscha.
„Bislang hatten wir ein solch unglaubliches Mass an Neuentdeckungen in unseren Tagen nicht mehr für möglich gehalten“, sagt Stuart Chapman, der die WWF-Programme in der Region koordiniert, „die Artenvielfalt dort ist enorm, wir können nur ahnen, wie viele Tiere und Pflanzen noch darauf warten, entdeckt zu werden.“
Was indes Zoologen und Botaniker gleichermassen in Staunen versetzt, ist, dass hier ein Gebiet an der Spitze der Neuentdeckungen steht, das aufgrund seiner jüngeren Geschichte alles andere als prädestiniert dafür ist. Gerade in Vietnam verringerte sich die Fläche des Regenwaldes in den letzten 40 Jahren um 70 Prozent durch die Entlaubungsaktionen der US-Luftwaffe im Krieg, durch Holzeinschlag, durch Brandrodung und Besiedlung. Das Land – besonders sein so artenreicher Süden – zählt heute mit seinen achtprozentigen Wachstumsraten zu den am stärksten prosperierenden der Region mit ihrer raumgreifender Wirtschaft. Wenig anders sieht es in Thailand und China aus.
Dabei setzt der Mensch der Tierwelt der Region nicht nur nebenbei zu. Gerichte aus Wildtieren – auch aus bedrohten – gelten als schmackhaft und als Ausdruck von Wohlstand. Restaurants, die etwas auf sich halten, werben durch entsprechende Angebote. Der Handel mit Tieren und Tierteilen, der in traditionellen chinesischen Apotheken floriert, wird zum grössten Teil von Vietnam aus beschickt.
Wenn nun trotzdem aus den Mekong-Staaten eine neue Art nach der anderen gemeldet wird, so dürfte dies vor allem daran liegen dass die Region von staatlichen und nichtstaatlichen Naturschützern allzu lange gemieden wurde und ihnen der Zugang erschwert war. In Vietnam herrschte im Grunde seit dem zweiten Weltkrieg bis 1975 Krieg, und das kommunistische Regime zeigte sich in den Jahren danach nicht besonders gastfreundlich für auswärtige Experten.
Nicht viel anders stand es um Kambodscha unter dem Horror-Regime von Pol Pot oder Laos. Ohnedies stand das Land der entlaubten Wälder – zu unrecht – nicht gerade im Ruf eines Hotspots der Biodiversität. Wo der Ho-Chi-Minh-Pfad durch Kambodscha oder Laos führte, galt dies auch für diese Länder.
Inzwischen fragen sich Forscher und Naturschützer, ob gar eines Tages nicht sogar das legendäre Sumatra-Nashorn aus den Tiefen des restlichen Dschungels auftauchen könnte. 1967 wurde es zum letzten Mal in der Wildnis gesehen, in der Cam-Ranh-Bay in Zentralvietnam.
Die Experten des WWF und anderer Naturschutzorganisationen sehen die neuen Entdeckungen allerdings mit gemischten Gefühlen. Sie fürchten dass die Geschwindigkeit, mit der heute neue Arten gefunden werden, sich in ein rasantes Artensterben umkehren könnte, wenn die Lebensräume weiter beschnitten werden. So sind am Mekong in den verschiedenen Anrainer-Staaten insgesamt gut 150 Staudämme und -seen eingeplant, zur Gewinnung von Elektrizität und Trinkwasser, was besonders im sensiblen Delta am Südchinesischen Meer die Lebensbedingungen von Pflanze und Tier in Mitleidenschaft ziehen könnte.
zurück
|