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Unbekannte Geschichten

Die Weihnachtsgeschichte kennen noch die meisten. Aber viele andere Berichte aus der Bibel, sind den jüngeren Deutschen unbekannt. Eine Umfrage deckt die Erosion des Bibelwissens auf.

Rolf Höneisen

Die Bibel ist im gesamten abendländischen Kulturraum immer wieder als das wichtigste Buch überhaupt herausgestellt worden. Luthers Bibelübersetzung hat die deutsche Sprache geprägt wie kaum etwas anderes, und zwar durch einzelne Formulierungen, aber auch durch ihre volksnahen Sprachbilder und ihre einzelnen Geschichten, von denen manche sprichwörtlich
geworden sind. Selbst für wenig christlich-glaubende Schriftsteller wie Bert Brecht blieb die Bibel – nach eigenem Bekunden – Urgrund seines Sprachgefühls und tief gelegener, doch zentraler Bezugspunkt der Literatur.

Aber dieser „zentrale Bezugspunkt“ geht verloren. Es gibt in Deutschland heute nur noch wenige Menschen, die „häufig“ oder auch nur „hin und wieder in der Bibel lesen. Nur vier von hundert Erwachsenen lesen „häufig“ im Buch der Bücher, 9 Prozent „hin und wieder“, 62 Prozent jedoch „nie“.

Das zeigt eine Umfrage des Instituts für Demoskopie (Allensbach). Befragt wurden 746 Personen über 16 Jahren in ganz Deutschland. Dabei sind es am ehesten noch die Generationen der Eltern und Grosseltern, die die Bibel aufschlagen. Die junge Generation hat sich, bis auf eine ganz kleine Minderheit von insgesamt 7 Prozent, von der Tradition der Bibellektüre verabschiedet.

Wenn man nach dem Kenntnisstand biblischer Geschichten fragt und die Ergebnisse im Blick auf die junge Generation analysiert, zeigt sich, dass sich zur Zeit in der Bevölkerung der Auflösungsprozess eines bedeutsamen einstigen Trägers unserer Kultur vollzieht. Dass trotzdem noch einige Geschichten aus der Bibel auch bei den Jüngeren bekannt sind, mag auf die Kinderzeit, die Kinderbibel oder aufs Hörensagen in Familie und Schule zurückzuführen sein. Die Weihnachtsgeschichte wird jährlich ja auch denen in Erinnerung gebracht, die dem Christentum und dem Glauben fern stehen. Sie ist denn auch quer durch alle Generationen fast allen bekannt (Durchschnitt der Bevölkerung: 88 Prozent; junge Leute: 85 Prozent).
Doch bei den meisten anderen Geschichten aus der Bibel zeigt sich, dass der Kenntnisstand der Jüngeren weit unter dem Durchschnitt der Bevölkerung bleibt. An die Geschichte von „David und Goliath“ erinnern sich zwar noch die meisten Erwachsenen (Bevölkerung insgesamt: 74 Prozent), aber die Jüngeren können deutlich seltener (63 Prozent) etwas mit dieser Geschichte anfangen.

Insgesamt wissen 70 Prozent aus der Bevölkerung, was mit dem „letzten Abendmahl“ gemeint ist, von den unter 30-Jährigen wissen das aber nur noch 57 Prozent. An die Geschichte vom Turmbau zu Babel können sich im Durchschnitt 63 Prozent der Erwachsenen erinnern, von den unter 30-Jährigen jedoch nur 48 Prozent. Das eindringliche und liebevolle Gleichnis vom „verlorenen Sohn“ kennen nur noch 37 Prozent der Jüngeren (Durchschnitt der Bevölkerung: 45 Prozent).

Die mangelnde Kenntnis der Offenbarung Gottes wirkt sich in der Gesellschaft aus. Gottgegebene Strukturen wie Ehe, Staat, Regierungen, aber auch eine gemeinsam getragene Ethik und die Selbstbeherrschung gegenüber Suchtmitteln und Unmoral geraten unter Druck. Wo Gottes Wort nicht mehr ernst genommenwird, verstummt es.

Zu Lebzeiten Elis und Samuels wird eine solch folgenreiche Situation wie folgt beschrieben:“Und zu der Zeit, als der Knabe Samuel dem Herrn diente unter Eli, war des Herrn Wort selten, und es gab kaum noch Offenbarung.“ Der Mangel an Gottesoffenbarung führte im Volk zum Wunsch nach einem König: „So setze nun einen König über uns, der uns richte, wie ihn alle Heiden haben“ (1. Samuel 8,5). Der Prophet Samuel wollte das nicht. Doch Gott erklärte ihm: «Gehorche der Stimme dieses Volkes in allem, was sie zu dir gesagthaben; denn sie haben nicht dich, sondern mich verworfen, dass ich nicht mehr König über sie sein soll» (1. Samuel 8,7). Und sie bekamen einen Menschenkönig – mit allen Folgen aufgrund seiner Herrschaft.

In der biblischen Weisheitsliteratur schliesslich steht ein Rat, den Politiker, Pädagogen und Eltern zu Herzen nehmen sollten: „Wo keine Offenbarung ist, wird das Volk wild und wüst; aber wohl dem, der auf die Weisung achtet“ (Sprüche 29,18).

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