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Der Wurm in Jonas Herz

Selbst ein Prophet Gottes kann widersprüchlich leben. Während Jona andere Menschen zur Umkehr aufrief, durchlief er seinen eigenen Heilungsprozess.

Rolf Höneisen

Laut Altem Testament, dem 2. Königebuch 14,25, kam Jona aus Gat-Hepher, nahe Nazareth. Der Kontext setzt ihn in die lange und blühende Herrschaft Jerobeams II. (ca. 793 bis 758 v. Chr.) und beschreibt ihn als Propheten der Nordstämme, der unmittelbar vor Amos um ca. 760 v. Chr. wirkte.

Der Prophet Jona musste allerdings nicht nur das Volk zur Umkehr rufen, er selbst war ebenfalls in der Schule Gottes. Jona sollte lernen, dass Gottes Liebe und Gnade sich auf all seine Geschöpfe erstrecken (4,2; 10; 11), nicht allein auf sein Bundesvolk (vgl. 1. Mose 9,27; 12,3; 3. Mose 19,33 und 34 u. v. a. Stellen).

Das Buch Jona veranschaulicht auch eindrücklich Gottes souveräne Herrschaft über die ganze Schöpfung. Sie wurde von ihm in die Existenz gerufen (1,9) und sie reagiert auf jeden seiner Befehle (1,4; 2,1 und 11; 4,6 und 7; vgl. Mark. 4,41).

Jesus benutzte die reale Busse und Umkehr der Niniviter als Beispiel, um die Arroganz und Unbussfertigkeit der Pharisäer aufzuzeigen (Matth. 12,38 bis 41; Luk. 11,29 bis 32). Es macht schon betroffen: Die heidnische Stadt Ninive tat Busse aufgrund der Predigt eines unwilligen Propheten, aber die Pharisäer wollten nicht einmal aufgrund der Predigt des grössten aller Propheten umkehren!

Jona ist darüber hinaus eine Allegorie für Israel. Dieses Volk ist von Gott auserwählt und als Zeuge beauftragt (vgl. Jes. 43,10 bis 12; 44,8), entzog sich der göttlichen Bestimmung aber immer wieder und lehnte sich gegen Gottes Willen auf (vgl. 2. Mose 32,1 bis 4; Richt. 2,11 bis 19; Hes. 6,1 bis 5; Mark. 7,6 bis 9).

Dennoch hielt Gott dieses Volk in den Jahrhunderten des Exils und der Zerstreuung auf wundersame Weise aufrecht, um ihm seine Wahrheit zu predigen (Jer. 30,11; 31,35 bis 37; Hos. 3,3 bis 5; Offb. 7,1 bis 8; 14,1 bis 3).

Ist der Jona-Bericht als historische Erzählung oder als Allegorie auszulegen? Die zahlreich vorkommenden Wunder – gerade Jonas Überleben im Inneren eines grossen Fisches – lässt Bibelkritiker behaupten, es handle sich lediglich um eine fantasievolle Erzählung ohne jede historische Berechtigung.

Doch dieser im Erzählstil verfasste Bericht handelt von einem historisch identifizierbaren alttestamentlichen Propheten aus dem 8. Jh. v. Chr. Im Buch Jona gibt es keine Hinweise darauf, dass der Bericht nur sinnbildlich oder als Gleichnis verstanden sein will. Entsprechend ist dieses Prophetenbuch anerkannter Teil des alttestamentlichen Kanons und als Tatsachenbericht zu verstehen – Wunder inklusive.

Vom Neuen Testament her wird eine gerade Linie zu Jona gezogen. Jesus lehrte die Geschichte von Jona nicht als Gleichnis, sondern als ein in der Geschichte verankertes, reales Ereignis (vgl. Matth. 12,38 bis 41; Luk. 11,29 bis 32). Für ihn war die Umkehr der Menschen in Ninive genauso real abgelaufen wie Jonas ungemütlicher Aufenthalt «drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches» (vgl. Matth. 12,40 ff.). Es ist deshalb nicht überraschend, dass aktuelle Forschungen die Beschreibungen im Jona-Bericht bestätigen (siehe Artikel «Der Wurm des Jona», FACTUM 4/2006, Seiten 30 bis 31).

Betrachten wir einige Einzelheiten im Schlusskapitel des Jona-Buches. Der Prophet erkennt, dass Gott gegenüber den Menschen von Ninive Gnade walten lassen will (3,10). Das versteht Jona nicht. Die Haltung Gottes macht ihn derart wütend (4,1), dass er um seinen Tod bittet. Gottes Antwort kommt in Form einer Frage: «Ist es recht, dass du so zornig bist?» (4,4). Jona geht nicht darauf ein, sondern schweigend weg – und Gott zeigt ihm mit einer Staude, was Gnade heisst.

Um die weiteren Ereignisse aus Distanz zu beobachten, lässt sich Jona am Stadtrand nieder. Da tut Gott ihm Gutes. Er lässt eine grossblättrige Rizinuspflanze wachsen, die Jona Schatten spendet, um «ihn von seiner üblen Laune zu befreien». Tatsächlich freut sich Jona über den unverhofften und angenehmen Schatten. Er freut sich – dabei ist er hier, um zu sterben!
Diese Reaktion offenbart Jonas innere Widersprüchlichkeit. Freudig geniesst er den Schatten der unverhofft gewachsenen Pflanze, während er sich gleichzeitig masslos ärgert über Gottes Rettung einer ganzen Stadt. So ich-zentriert beurteilt Jona die Ereignisse. Das war sein «Wurm» im Herzen.

Jona spricht nicht mehr mit Gott, entsprechend handelt auch Gott schweigend. Er lässt die Staude durch einen Wurm vernichten. Der «trifft» oder «sticht», wie es auf Hebräisch heisst, die Pflanzenstaude so gründlich, dass sie verdorrt. Nicht genug! Gott schickt einen alles austrocknenden Wind, während die Sonne stechend heiss vom Himmel brennt. Jona ist so zornig über den Abgang der Staude, dass er den Todeswunsch erneut formuliert.
Jetzt spricht Gott ihn wieder an: «Ist es recht, dass du so zornig bist wegen des Rizinus?» Jona: «Ja, ich bin mit Recht zornig bis zum Tod!» (4,9)

Mit Recht? Jona ist wütend über das Absterben seines Schattenspenders, der plötzlich da war und genauso schnell wieder verschwand, ohne dass er auch nur ein Minimum an persönlichem Engagement für diese Pflanze hat aufbringen müssen!

Und so sagt Gott zu Jona: «Du hast Mitleid mit dem Rizinus, um den du dich doch nicht bemüht hast und den du nicht grossgezogen hast, der in einer Nacht entstanden und in einer Nacht zugrundegegangen ist» (4,10).

Es war Jona nie um die Pflanze gegangen, sondern immer nur um den Nutzen, den sie ihm brachte. Er hatte die Pflanze keine Sekunde lang mit der Fürsorge eines Gärtners behandelt, sondern stundenlang nur als egoistischer Nutzniesser betrachtet! Seine Wut war nicht die Trauer des Gärtners, der eine Pflanze verlor, die er vorher gehegt und gepflegt hatte, um später tatenlos zuschauen zu müssen, wie sie welkte und einging. Jonas Motiv entsprang nicht fürsorglicher Liebe, sondern purem Egoismus.

Wäre Jona wegen der Pflanze traurig gewesen, dann hätte er Gottes positiven Herzschlag gegenüber den Menschen und Tieren in Ninive verstanden. Sie waren ja Gottes Geschöpfe. Um sie hatte Gott sich mühevoll gesorgt. Deshalb taten sie ihm jetzt Leid.
Gott will Jona zu verstehen geben, dass er sich um alle seine Geschöpfe kümmert und will, dass ihnen vergeben wird und sie gerettet werden, wenn ihm denn dazu die Chance gegeben wird.

Ein Ausleger verglich Gottes Fürsorge gegenüber Ninive mit der Liebe einer Mutter gegenüber ihrem beleidigten Kind. Das Kind mag noch so ablehnend und wütend gegen sie sein – sobald es einen Moment der Reue zeigt, wird die Mutter ihr Kind in den Arm nehmen. «Und ich sollte kein Mitleid haben mit der grossen Stadt Ninive, in der mehr als 120 000 Menschen sind, die ihre rechte Hand nicht von ihrer linken unterscheiden können, dazu so viel Vieh!» (4,11) Jonas Schmerz und Wut ist nichts verglichen mit dem Schmerz Gottes, wenn er an die Zerstörung Ninives denkt.

Das Buch Jona lehrt, dass Gottes Liebe und Gnade nicht nur dem Volk Israel, sondern allen Nationen gilt. Schon in Ninive zeichnete sich ab, dass das Evangelium der ganzen Menschheit gilt, so wie es im Neuen Testament dann ausdrücklich gelehrt wird. Entscheidend ist die Herzensstellung eines Menschen gegenüber dem Erretter Jesus Christus.

Hat Jona die Lektion verstanden? Das Prophetenbuch selbst lässt die Antwort offen. Aufgrund von 2. Könige 14,25 ist jedoch auf ein Ja zu schliessen. Obwohl König Jerobeam II. gottlos war, gelang es ihm, die Grenzen Israels auszuweiten, und zwar nach Gottes Willen. Das wurde mitgeteilt durch – den Propheten Jona.

Warum liess Gott trotz des gottlosen Königs in Israel Gnade vor Recht walten? Weil er auch in Israel Zeuge bitterster Not und Ausweglosigkeit war: «Denn der Herr sah das bittere Elend Israels, dass Mündige und Unmündige dahin waren und es keinen Retter für Israel gab» (V. 26).

Gott ist der Herrscher über das Universum. Er gebietet über Wetter, Tiere, Menschen. Doch etwas kontrolliert er nicht: Die Menschen, sie haben die Wahl. Der Wille Gottes bleibt bestehen, doch seine Geschöpfe entscheiden, welche Richtung sie einschlagen wollen.

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