Unterschiedlichen Reaktionen in der heiligen Nacht
(22. Dezember 2006) - Sie kannten die gleiche Prophetie, sahen dieselbe Himmelserscheinung. Doch während die einen sich voller Erwartung freuten, verzehrte sich ein anderer vor Angst und Hass.
Rolf Höneisen
Sie waren hochgebildet, wohlhabend und angesehen. Sie studierten alte hebräische Schriften – mit einiger Wahrscheinlichkeit solche aus der Zeit Daniels – und beobachteten die Bewegungen der Sterne. Plötzlich entdeckten sie einen Punkt, an dem Schrift und Stern sich trafen, ein Punkt, an dem Ewigkeit und Zeit verschmolzen. Für diese Gelehrten gab es kein Zögern mehr. Dort wollten sie hin! Sie legten die Arbeit nieder, verliessen ihre Familien und machten sich auf eine beschwerliche Reise. Die Rede ist von den Weisen aus dem Morgenland. Das prophetische Wort hatte sie mit Sehnsucht erfüllt. Sie fragen: «Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern im Morgenland gesehen und sind gekommen, um ihn anzubeten!»
Dasselbe prophetische Wort erfüllte eine andere Person mit Angst und Schrecken: Herodes. Seine Angst um die eigene Stellung machte ihn blind für die Chance seines Lebens. Er handelte machtbesessen und hinterhältig. Was wäre alles möglich gewesen für ihn, hätte er den neugeborenen König nicht als Gegner gehasst, sondern als Heiland gesucht und angebetet ... ! Sein Leben wäre anders verlaufen. Allerdings – die Anbetung des Kindes hätte ihn sein Image gekostet, sein mit falschen Werten «nach dem Willen des Fleisches und dem Willen des Mannes» (vgl. Joh. 1,13) gezeichnetes Selbstbildnis. Wäre Herodes vor Jesus niedergekniet, hätte er dieses Bild loslassen und hingeben müssen. Das ist der Preis, um den es angesichts der Person Jesu geht. Natürlich – man hätte den Namen von König Herodes dann kaum noch mit dem Zusatz «der Grosse» versehen. Dafür wäre er ein neuer Mensch geworden, «aus Gott geboren» (Joh. 1,13), befreit von Schuld und der Knechtschaft der Angst.
Der Vergleich zwischen den gelehrten Persern und König Herodes ist deshalb interessant, weil es hier um Menschen geht, die an den Schalthebeln der Macht sassen. Die Gelehrten (die führenden Wissenschaftler zur damaligen Zeit) wie auch der König hatten viel Einfluss und sie waren reich. Beide kannten denselben prophetischen Text über einen aufsteigenden König. Die einen reagierten mit sehnsüchtiger Erwartung, der andere mit hasserfüllter Ablehnung. Die egoistisch gesteuerte Angst hinderte Herodes, sich über das Wesen des angekündigten Königs richtig zu informieren. Herodes wurde zum schmutzigen Kindermörder von Bethlehem. Fünf Tage vor seinem Tod soll er seinen ältesten Sohn Antipater hingerichtet haben – wiederum aus Misstrauen und Angst.
Und wir? Stehen wir persönlich näher bei denen, die voller Sehnsucht den König suchen, um ihn anzubeten, und so Gnade, Liebe und neues Leben erfahren? Oder stehen wir näher bei denen, die sich angsterfüllt an die eigene Lebens- und Gottesvorstellung klammern und so in Schuld und Unversöhnlichkeit gefangen bleiben? Johannes beschrieb diese Ausgangslage und die zwei Herzenshaltungen in seinem «Weihnachtsbericht»: «Das wahre Licht, welches jeden Menschen erleuchtet, sollte in die Welt kommen. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, doch die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, denen gab er das Anrecht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben; die nicht aus dem Blut, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns; und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit» (Joh. 1,9 bis 14).
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