Vergiss nicht, dass du Flügel hast!
Der Boden unter unseren Füssen ist hart und steinig. Jeder Schritt geht uns in die Knochen. Das Leben ist selten softig süss, viel öfters hart und bitter. Wir kämpfen gegen Dornen und Disteln und verdienen unser täglich Brot im Schweisse unseres Angesichts. Das ist so im Zeitalter nach Adam bis heute. Die Umstände beschweren uns. Wir sind von vielem abhängig. Wo ist der Weg, der diese Struktur des Todes überwindet? Gibt es einen Glauben, der mir Flügel verleiht?
von Rolf Höneisen
Mit zunehmendem Alter werden wir paradoxerweise nicht fitter, sondern schlaffer – wir verlieren an Vitalität. Muskelkraft, Sehkraft, Hörvermögen, Denkvermögen – die Kräfte schwinden. Unser Äusseres macht uns Mühe – und unser Inneres genauso: unsere Stimmungen, unsere Gefühle, unsere Gedanken. Die Sorgen und Nöte um die Noten: die Schulnoten, die Banknoten, die Qualifikationsnoten.
Und letztlich steht hinter uns allen wie ein drohender Schatten die Angst vor dem Tod. Wir sind frei und doch gefangen. Es gelingt uns mit menschlichen Mitteln nicht, das Leben zu fixieren. Wo ist der Weg, der diese Struktur des Todes überwindet? Gibt es einen Glauben, der mir Flügel verleiht, damit ich drüberstehen kann? Ja! Es gibt ihn:
"Und das ist der Sieg, der die Welt überwunden hat; unser Glaube" (1. Joh. 5,4b und 5).
Als leuchtendes Beispiel für die erlösende Kraft des Glaubens erzählt uns die Bibel aus dem Leben von Rahab, einer Prostituierten, die in Jericho lebte. Ihre Geschichte könnte nicht spannender sein. Sie steht im Buch Josua 2,1–22 und 6,22–25. Rahabs Name steht in der Liste der grossen Vorbilder des Glaubens im Neuen Testament (Hebr. 11,31): "Wie kam es, dass die Prostituierte Rahab vor dem Verderben bewahrt blieb, das über Jericho hereinbrach? Der Grund dafür war ihr Glaube. Die anderen Einwohner hatten sich Gott nicht unterworfen, sie aber hatte die Kundschafter der Israeliten freundlich aufgenommen."
Neben den Helden die Hure ... befremdend. Vollends verblüffend ist dann, dass diese Kanaaniterin in der Familientafel von Jesus Christus erscheint (Matth.1,5) und auch im Jakobusbrief nochmals als leuchtendes Beispiel erwähnt wird. – Wer seine ethisch-moralische Abneigung gegenüber Rahab für einen Moment zu bändigen vermag, der kommt beim Blick auf diese Frau ins Staunen über die enorme, verändernde Kraft, die im Glauben an den wahren Gott liegt! Von der Gesellschaft Ausgestossene, durch alle sozialen und moralischen Netze Gefallene können von Gott gerettet und verwandelt werden, wenn sie sich ganz auf ihn verlassen. Rahab verlieh der Glaube Flügel. Sie erlebte, was Johannes schrieb: "Und das ist der Sieg, der die Welt überwunden hat: unser Glaube."
Rahab und ihre Familie wurden später vollständig in die israelitische Gemeinschaft aufgenommen. Dort lernte sie die göttlichen Lebensregeln kennen und halten, erst nachdem sie ihr Glaube gerettet und sie die Wahrheit des einen Gottes erkannt hatte, und nicht umgekehrt.
Rahab hatte die Ereignisse um das Gottesvolk Israel richtig gedeutet. Aus der Tatsache, dass der Gott Israels das Rote Meer geteilt hatte – er durchbrach die Naturgesetze – zog sie den richtigen Schluss: Der Gott Israels war der Gott im Himmel und auf der Erde – mächtiger als alles, was es gibt. Dieser Gott und sein Volk werden siegen, auch wenn ganz Kanaan das nicht zugeben will. Rahab hatte keine umfassende Sicht Gottes. Sie hatte nur ein kleines Stück von Gott erkannt. Dieses Stück genügte ihr, um zu handeln und ihr Leben total neu zu ordnen.
Ein Christ ist Teil von Gottes Volk. Was vernehmen die Menschen um uns herum von seiner verändernden Kraft? Welche Informationen, welches Bild vermitteln wir ihnen? Vermittelt unsere Haltung, unser Lebensstil ein Stück von der Grösse, Wahrheit und Liebe Gottes? Was tun wir, um das Wesen Gottes, seine Liebe und seinen Retterwillen unter den Menschen sichtbar werden zu lassen?
Echter Glaube wird sichtbar, z. B. an der Art, wie wir mit anderen Menschen umgehen. "War es nicht so bei der Hure Rahab?", fragt Jakobus. "Auch sie wurde doch aufgrund ihrer Taten als gerecht anerkannt – weil sie die Kundschafter bei sich aufnahm und auf einem geheimen Fluchtweg aus der Stadt entkommen liess. Genauso wie der menschliche Leib ohne den Lebensgeist tot ist, so ist auch der Glaube ohne entsprechende Taten tot" (Jak. 2,25 und 26).
Es ist viel leichter, von Gott zu reden, als ihm zu gehorchen. Rahab war eine Täterin des Wortes. Sie hatte dem unsichtbaren Gott Israels ihr Herz geöffnet. Sie liess den Eindruck seiner Grösse und Majestät in sich mächtig werden. Deshalb setzte sie ihr Leben aufs Spiel – und gewann es damit erst richtig!
Der Sohn Gottes liess sein Leben an unserer Stelle. Er kam ins Gericht. Er musste sterben wegen unserer Schuld. Sein Blut deckt unsere Schuld und rettet uns, wenn wir an ihn glauben. Gott hat seine Kraft energisch wirken lassen. Er hat Christus vom Tod auferweckt und ihn in den Himmel hineinversetzt. Jetzt regiert Christus. Er hat den Tod besiegt. Unser Glaube ist doch nichts anderes als eine Auswirkung von seiner Kraft, die er vom Thron aus schickt. Unser Glaube ist die Folge seines Geistes, der ausgesandt wurde, damit Menschen glauben können.
Darum geht es. Dass sein Reich kommt. Dass Christus als König der Menschheit herrschen kann, damit eine neue Weltordnung in Frieden und Gerechtigkeit nach seinem Willen aufgerichtet wird.
Nein, nicht unser Glaube trägt Christus, sondern Christus stützt und erhält unsere Hoffnung auf ihn. Es geht darum, seine Gegenwart in unserem Leben zu erfahren. Wo das geschieht, beginne ich, Gott zu loben. Glaubende Menschen loben Gott und danken ihm. Glaube heisst, glücklich darüber zu sein, dass Gott für uns gehandelt hat, dass er am Anfang unseres Glaubens steht und dass er ihn vollenden wird. Dass wir es nicht verdienen, zu ihm zu gehören und dass wir dennoch immer bei ihm sein werden. Wir können die Mutlosigkeit, die unsere Welt erfasst hat, ablegen. Anstatt in Angst zu verharren, wie die Bevölkerung in Jericho, können wir handeln und in der Erwartung leben, was Gott in unserem Leben tun wird. So wie das Rahab erlebte. Der Glaube verlieh ihr Flügel.
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