Wiedergeburt
von Arthur E. Wilder-Smith
"Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern, namens Nikodemus, ein Oberster der Juden. Dieser kam des Nachts zu Jesus und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, es sei denn, Gott mit ihm! Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, wenn jemand nicht von neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen! Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Er kann doch nicht zum zweiten Mal in seiner Mutter Schoss gehen und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, so kann er nicht in das Reich Gottes eingehen! Was aus dem Fleische geboren ist, das ist Fleisch, und was aus dem Geiste geboren ist, das ist Geist. Lass dich’s nicht wundern, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden! Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen; aber du weisst nicht, woher er kommt, noch wohin er fährt. Also ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist. Nikodemus antwortete und sprach zu ihm: Wie kann das geschehen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du bist der Lehrer Israels und verstehst das nicht? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und wir bezeugen, was wir gesehen haben; und doch nehmt ihr unser Zeugnis nicht an. Glaubet ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch von den himmlischen Dingen sagen werde? Und niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen, ausser dem, der aus dem Himmel herabgestiegen ist, des Menschen Sohn, der im Himmel ist. Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöhte, also muss des Menschen Sohn erhöht werden, auf dass jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. Denn Gott hat die Welt so geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, weil er nicht geglaubt hat an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. Darin besteht aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Werke waren böse. Denn wer Arges tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Werke nicht gestraft werden. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zum Licht, damit seine Werke offenbar werden, dass sie in Gott getan sind" (Johannes 3,1–21).
"Da zogen sie vom Berge Hor weg auf dem Weg zum Schilfmeer, um der Edomiter Land zu umgehen. Aber das Volk ward ungeduldig auf dem Wege. Und das Volk redete wider Gott und wider Mose: Warum habt ihr uns aus Ägypten geführt, dass wir in der Wüste sterben? Denn hier ist weder Brot noch Wasser, und unsere Seele hat einen Ekel an dieser schlechten Speise! Da sandte der Herr feurige Schlangen unter das Volk, die bissen das Volk, so dass viel Volk in Israel starb. Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den Herrn und wider dich geredet haben. Bitte den Herrn, dass er die Schlangen von uns wende! Und Mose bat für das Volk. Da sprach der Herr zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und befestige sie an ein Panier; und es soll geschehen, wer gebissen ist und sie ansieht, der soll am Leben bleiben! Da machte Mose eine eherne Schlange und befestigte sie an das Panier; und es geschah, wenn eine Schlange jemanden biss und er die eherne Schlange anschaute, so blieb er am Leben" (4. Mose 21,4–9).
Nikodemus, ein Vornehmer und Oberster der Juden, beschäftigte sich stark mit inneren Problemen. Er ahnte, dass nur Jesus ihm diese wichtigen Probleme lösen konnte. Doch schämte er sich, als studierter und gelehrter Theologe, zu dem ungelehrten Jesus mit diesen Fragen zu gehen, ganz besonders deswegen, weil die Fragen sein Fachgebiet betrafen, die Theologie.
Er hätte gern etwas Genaueres über das innere Heil gewusst. Weil Nikodemus sich schämte, öffentlich vor den Leuten zu Jesus zu gehen, und weil es für ihn eine gewisse Demütigung bedeutete, mit theologischen Fragen zu einem Nichttheologen zu gehen, suchte er Jesus in der Nacht auf, so dass niemand ihn sehen würde. Ängstlich und befangen fing er zuerst an, Jesus zu schmeicheln, er sei ein Lehrer von Gott, wenn er auch vor Menschen kein theologisches Staatsexamen abgelegt habe und von diesen nicht als Lehrer anerkannt werde. Dafür sei er aber von Gott anerkannt, das bewiesen Jesu Taten.
Auf diese Worte von Nikodemus ging Jesus überhaupt nicht ein. Auch wenn wir Jesus schmeicheln, indem wir sagen, er sei bloss ein Lehrer oder vielleicht sogar ein Prophet, dann geht er auf unsere Fragen auch gar nicht ein. In seiner Schmeichelrede wird Nikodemus von Jesus sogar jäh unterbrochen: «Wahrlich, ich sage dir, es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.» Das war nun keine theologisch akademische Sprache und Nikodemus versteht diese Worte ganz und gar nicht. Es kann doch kein Mensch noch einmal in den Leib seiner Mutter zurückgehen und zum zweiten Male geboren werden! Jesus sprach natürlich sinnbildlich und nicht wörtlich. Wie vielen Menschen geht es noch heute genauso wie dem Nikodemus damals. Sie verstehen Jesu Worte nicht, weil sie seine Bildersprache nicht beachten.
Jesus wollte mit seinem Ausspruch nämlich etwa folgendes sagen: Ein Kind hat Leben vor der Geburt und auch nach der Geburt. Aber das Leben eines Kindes vor der Geburt ist völlig verschieden von seinem Leben nach der Geburt. Das Kind hat schon vor der Geburt Augen, ist aber noch blind, es sieht erst nach der Geburt. Es besitzt schon Lungen vor der Geburt, atmet aber noch nicht durch diese, sondern gebraucht sie erst nach der Geburt. So hat es auch schon Nerven vorher, gebraucht sie aber voll erst nach der Geburt. Das Baby besitzt schon vor der Geburt einen Mund, isst und schreit aber erst nach der Geburt.
So ist die Geburt der Anfang einer ganz neuen Lebensart des Lebewesens, obgleich es vorher schon gelebt hat. Erst mit der Geburt fängt das Lebewesen an, die Welt wahrzunehmen. Ähnlich verhält es sich mit der Wiedergeburt eines Menschen. Obgleich wir schon vor der Wiedergeburt leben, nehmen wir das Reich Gottes vorher noch nicht wahr, genauso wie das noch ungeborene Kind die Umwelt nicht kennt, obwohl sie da ist! Erst nach der Wiedergeburt sehen, fühlen und erfahren wir das Reich Gottes. Und wie auch die natürliche Geburt des Menschen oft durch grosse Schmerzen für das Baby und seine Mutter geht, bereitet auch die Wiedergeburt eines Christen oft grosse seelische Schmerzen.
Obgleich Nikodemus dieses Gleichnis als Theologe leicht hätte verstehen müssen, bleibt es ihm völlig unverständlich, was Jesus sagen will. Deshalb greift Jesus zu einem andern Gleichnis, das der Gelehrte sicher verstehen würde. «Wie Mose eine Schlange in der Wüste erhöhte, also muss des Menschen Sohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.» Das würde Nikodemus sicher sofort verstehen. Da würde er an das murrende Volk Israel in der Wüste denken, an all die Wunder, die Gott für das Volk getan hatte, um ihnen zu helfen und sie zu versorgen. Er würde daran denken, wie das Volk Israel trocken durch das Rote Meer hindurchging, während Pharao und sein Heer darinnen untergingen. Dann fingen die Juden in der Wüste an zu murren, weil sie etwas anderes als das von Gott gesandte Manna essen wollten. Sie machten Gott und Mose Vorwürfe.
Gottes Antwort auf dieses unzufriedene Murren waren feurige Schlangen, die er unter das Volk schickte, um es zu erziehen. Diese feurigen Schlangen waren sehr giftig und jeder, der von ihnen gebissen wurde, musste sterben. So erzieht Gott sein Volk wie ein Vater, er verwöhnt es nicht, er ist eben kein Grossvater. In dieser Not flehte Mose zu Gott um Befreiung von den Schlangen. Mose trat für das Volk ein, obgleich es über ihn gemurrt und geschimpft hatte. Doch Gott befreite das Volk nicht von den giftigen Schlangen. Moses Bitte schien eine Fehlbitte zu sein. Gott antwortete ganz anders, als Mose und das Volk es erwartet hatten. Denn er befahl Mose, eine Schlange aus Erz zu formen und an einer Stange zu befestigen. Mitten im Lager der Israeliten sollte Mose sie dann aufrichten als ein Zeichen Gottes.
Wer nun von einer giftigen Schlange gebissen wurde, brauchte nur auf die eherne Schlange Moses zu blicken und wurde durch diesen Blick des Vertrauens auf Gottes Verheissung geheilt. Wer aber die Schlange nicht anschaute und somit Gottes Verheissung (Heilung durch den Blick auf die eherne Schlange) ablehnte, nachdem er gebissen worden war, musste sterben. Diese Antwort sandte Gott auf Moses Gebet hin. Die Bedeutung dieses Zeichens von Gott, die Bedeutung dieser Schlange, blieb Tausende von Jahren verborgen. Die Schlange sollte ein tiefes, verstecktes Sinnbild darstellen. Jesus gab erst im Neuen Testament die Deutung dieses Sinnbildes bekannt.
«Wie Mose eine Schlange in der Wüste erhöhte, also muss des Menschen Sohn erhöht werden.» Die Aufrichtung der Schlange soll also mit der Aufrichtung Jesu am Kreuz verglichen werden. Die Schlange ist demnach, wie sie in der Wüste am Pfahl aufgerichtet wurde, ein Symbol für Jesu Erhöhung am Kreuz. Das Kreuz wird mit dem Pfahl verglichen und Jesus mit der Schlange. Darf man aber die Erhöhung Jesu mit der Aufrichtung einer Schlange vergleichen? Ist es richtig, Jesus, den Vollkommenen, mit einem Tier zu vergleichen, das so hässlich ist wie die Schlange? Aber die Bibel stellt gerade diesen Vergleich auf. Warum tat sie das wohl? Dazu müssen wir einige Gedanken durch den Kopf gehen lassen:
Die Schlange ist ein entartetes Tier, das heisst, dass sie ursprünglich nicht so degeneriert war, wie es heute der Fall ist.
Früher war die Schlange ein hochintelligentes Tier. Sie war das intelligenteste Tier auf dem Felde, so berichten uns die Bibel und auch die Mythen der alten Völker. Jetzt ist das sicher nicht mehr der Fall, die Schlange ist nicht übermässig intelligent. Affen, Delphine und Hunde sind intelligenter.
Auch körperlich ist die Schlange gegenüber früher degeneriert. Früher hat sie wahrscheinlich Beine besessen; die Pythongattung z. B. weist heute noch rudimentäre Beine unter der Haut auf. Der primitive Körperbau der Schlange ist also sekundär und nicht primär. Früher war sie ein edles, auch körperlich hochstehendes Tier gewesen. Erst nach dem Fluch wurde sie zu einem degenerierten Tier, das nur auf dem Bauch herumkriecht. Auch die ganz alten Bilder aus dem griechischen Mythos zeigen die Schlange als ein aufrecht stehendes, edles Tier. Der ganze Bau der Lungen-, Herz- und Nervensysteme der Schlange ist primitiv, aber nicht primär primitiv, sondern sekundär primitiv. Das heisst, dass die Lungen, das Herz und das Nerven-system zu einer früheren Zeitperiode besser ausgebaut waren als heute. Jetzt spricht alles von einer Degradierung des ganzen Tieres, das früher ein höheres Niveau im Tierreich innehielt als jetzt. Die Schlange ist also physiologisch ein sekundär primitives Tier – ein degradiertes, heruntergekommenes Wesen. Es gibt viele andere Beispiele solcher Degradierungen in der Tier- und Pflanzenwelt.
Die Schlange war nach der Bibel und nach gewissen Mythen des Altertums früher ein schönes Tier gewesen. Sie hatte Eva im Paradiesgarten imponiert. Jetzt aber sieht die Schlange hässlich und furchterregend aus. Dies ist auch ein Zeichen der Degradierung, der Degenerierung.
Die eherne Schlange Moses wurde wahrscheinlich mit einem Nagel durchspiesst und an einer Stange erhöht. Sie stellte also eine durchstochene, eine getötete Schlange dar. Der Tod ist die letzte Entartung oder Degenerierung eines Lebewesens und führt zur endgültigen, körperlichen Verwesung.
Weil die eherne Schlange ein getötetes Tier darstellte, war sie symbolisch auch entgiftet und konnte sich gar nicht mehr wehren noch andere vergiften.
Was hat aber all das mit der Erhöhung des Herrn Jesus am Kreuz zu tun? Wie wir eben ausgeführt haben, ist das Kennzeichen der Schlange das der Degradierung und Entartung, sie ist ein Tier, das im Tierreich heruntergekommen, degradiert ist, und die Bibel lehrt, dass diese Degradierung durch die Sünde verursacht wurde. Das Merkwürdige dabei ist, dass die Bibel weiter, ja viel weiter geht, als die meisten von uns es zu tun wagen. Denn sie vergleicht die entartete Schlange am Pfahl mit dem Herrn Jesus Christus am Kreuz. Wenn es nicht so in der Bibel geschrieben stünde, würden wir wohl nie wagen, einen derartigen Vergleich zu ziehen. Aber weil die Bibel diese Doktrin lehrt, wollen wir in aller Ehrfurcht punktweise den Vergleich durchdenken.
Jesus war reich, er besass die Herrlichkeit zur Rechten des Vaters in der Höhe und konnte ihn sogar bitten, ihm die Herrlichkeit zu geben, die er bei dem Vater besass, ehe die Welt begann. Hier spricht die Bibel von seinem unvorstellbaren Reichtum, seiner unermesslichen Höhe und Erhabenheit. Das ist die eine Seite des Bildes. Als er aber Mensch wurde, fand man in der Herberge nicht einmal Platz für ihn, und unter den Tieren des Feldes fand seine Geburt statt. Kann man sich eine grössere Erniedrigung für den Schöpfer der Welt vorstellen? Welche Erniedrigung, welche Entwürdigung, ja, darf man es sagen, welche Degradierung seinem eigentlichen Stand gegenüber!
Als Jesus auf dem Berg der Verklärung stand, leuchtete er derart, dass seine Kleider schneeweiss und blendend wurden. In dieser himmlischen Herrlichkeit sprach er mit Mose und Elias. Vergleichen Sie diese Szene mit dem gegeisselten, angespieenen, blutig geschlagenen Jesus, wie er, alle Glieder verrenkt, am Kreuze hängt: Bei der Verklärung herrlich und unendlich schön, am Kreuz aber so hässlich, dass die Leute ihren Kopf abwandten. Stellen Sie sich vor, wie der Speichel gottloser Menschen ihm das edle Gesicht herunterläuft – ist das der König der Herrlichkeit? Können Sie sich eine grössere Erniedrigung, Degradierung, ja Entartung vorstellen?
Jesus sitzt auf seinem Thron in der himmlischen Herrlichkeit und alle erhabenen Engel dienen ihm in ihrer Schönheit – das ist die eine Seite des Bildes. Jetzt sehen Sie die andere Seite: Blicken Sie auf Jesus mit der Dornenkrone auf dem Haupt und mit den Purpurkleidern auf den Schultern! Die ganze Nacht war er das Spielzeug und das Schauspiel brutaler römischer Soldaten gewesen. Das ganze Regiment durfte mit ihm machen, was es wollte!
Schauen Sie Jesus auf seinem Thron, als Gott durch ihn die Welten erschuf, und wie er die Welten durch ihn erhält. Er ist der grosse Spender, ja der Autor des Lebens selbst, der Unsterbliche, der Ewige. Vergleichen Sie diesen hehren Anblick mit dem Mann, der entstellt und triefend von Speichel, Schweiss und Blut die Seele aushaucht und seinen Geist dem Vater anbefiehlt. Der König des Lebens wird getötet, und zwar von einem Mob der religiösesten Menschen auf Erden. Welch eine Kluft besteht zwischen diesen beiden Personen. Und doch sind sie die gleiche Person! Welche Degradierung, welche Entartung! Wie tief ist Jesus entehrt worden. Kein Wunder also, dass die Bibel ihn mit dem entarteten Tier, mit der Schlange, vergleicht. Also beide, Jesus und die Schlange, haben ihre ursprünglichen Positionen verloren. Wie Moses die Schlange in der Wüste erhöhte, also muss des Menschen Sohn auch erhöht werden.
Der grosse englische christliche Philosoph C. S. Lewis hat einmal vor der Universität Oxford eine Predigt gehalten, worin er den dortigen Studenten klar machen wollte, wie viel Jesus für sie tat. Er sagte, dass, wenn wir uns eine schwache Vorstellung machen wollen von dem Opfer, das Jesus für uns auf sich genommen hat, man sich fragen muss, wie gern wir uns in eine Schnecke degradieren lassen würden, um der armen Rasse der Schnecken Hilfe zu bringen. Auch dann wäre unsere Degradierung bei weitem nicht so tief wie die, welche Jesus freiwillig für uns auf sich nahm. Wenn ein Mensch dieses Opfer auf sich nähme, was würde er denken, wenn die Schnecken als Dank ihn dafür zu Tode quälen würden? Doch ist die Kluft zwischen Jesus und den Menschen viel grösser als diejenige zwischen Menschen und Schnecken.
Jetzt müssen wir uns noch eine Frage stellen. Was war die Ursache der Entartung der Schlange? Es ist einerlei, ob wir an die Entartung der Schlange selbst als Tier denken oder an die Entartung des Satans, des Engels des Lichtes, der hinter der Schlange stand. Aus dem Engel des Lichtes, Luzifer, wurde nach anderen Aussagen der Schrift ein düsterer Dämon. Was war die Ursache dieser beiden Entartungen? Wir müssen ganz einfach antworten: die Sünde. Darf man denn eine derartige Behauptung aufstellen? Darf man sagen, dass die Erniedrigung Jesu durch Sünde verursacht wurde? Ja sicher, denn obwohl er selbst ohne Sünde war, wurde er für uns zur Sünde. Er nahm meine Sünde auf sich und wurde deshalb Sünder für mich. Obwohl er selbst rein, makellos und ohne Sünde war, identifizierte er sich mit uns, so dass unsere Sünde ihn degradierte. Deshalb diese fürchterliche Entartung und Entehrung am Kreuz. Und deshalb wurde er erhöht, wie die Schlange in der Wüste erhöht wurde.
Sünde entartet immer. Beobachten Sie z. B. den jungen Mann, der zu den Huren geht. Sehen Sie die trüben, unsteten Augen und den ganzen Ausdruck des Gesichtes. Sehen Sie sich die Folgen von Syphilis an bei den Sündern selbst und bei ihren armen Kindern und Kindeskindern. Ist das nicht eine Entartung? Was so sehr betrüblich ist, ist die Tatsache, dass nicht nur der Körper durch Sünde entartet wird, sondern auch die Seele, der ganze Charakter des Menschen daran zugrunde geht. Dies ist nicht nur der Fall bei Geschlechtssünden, obwohl letztere ganz besonders stark Leib und Seele entarten. Auch Trunksucht entartet Leib und Seele. Sehen Sie, wie der Alkohol dem Trinker den Willen stiehlt, so dass er mit der Zeit nicht einmal den Willen aufbringen kann, damit zu brechen. Er wird sich mit der Zeit willenlos dem Alkohol übergeben. Charakter und Körper werden durch diese Art Sünde unterminiert. Starke Getränke wie Liköre haben noch dazu nach heutiger medizinischer Ansicht etwas mit Lippen-, Mund, Speisröhrenkrebs zu tun. Selbst der suchthafte Genuss von Tabak hat nach den letzten Befunden medizinischer Wissenschaft einen Zusammenhang mit Lippen-, Gaumen- und Lungenkrebs. Damit wollen wir natürlich in keiner Weise sagen, dass jeglicher Genuss von Alkohol oder Tabak automatisch eine Sünde sei. Sünde werden sie, wenn ihr Gebrauch gegen unsere Erkenntnis verstösst oder wenn sie zur Sucht werden, von der wir nicht mehr loskommen können, weil sie uns bindet.
So ist das Kennzeichen von Sünde die Entartung nach Leib und Seele. Nicht nur die sogenannten groben Sünden entarten uns, sondern auch jeder unreine Gedanke, jede Lüge, jeder Zornanfall schadet uns. Deshalb ist es unerlässlich, dass wir hier in diesem Leben erfahren, wie man von der Sünde befreit wird. Sonst wird sie uns für Zeit und Ewigkeit verstümmeln und entarten.
Die Schlange wurde zum Zeichen erhöht, d. h., dass die Erhöhung eine symbolische Bedeutung darstellte. Alle, die aus Gehorsam Gottes Wort gegenüber, nachdem sie von den Schlangen gebissen worden waren, auf die eherne Schlange blickten, wurden geheilt. Als Nikodemus in der Nacht zu Jesus kam, wollte dieser ihm sagen, dass der Blick des Vertrauens auf die Schlange Heilung und neues Leben mit sich brachte, genauso wie der Blick des Vertrauens auf Jesus, den Erhöhten, von dem Gift der Sünde und des Todes heilt und neues Leben schenkt. Eine hingerichtete Schlange brachte neues Leben und neue Gesundheit, und ein hingerichteter Heiland-Gott bringt Gesundheit der Seele und neues, ewiges Leben zu uns, wenn wir auf ihn blicken. In beiden Fällen ist der Blick des Vertrauens das Mittel, wodurch diese Wohltaten uns zuteil werden: «Auf dass jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe» (Joh. 3, 15).
Aber noch einiges müssen wir uns merken. Jeder, der von dem Gift der Schlange geheilt werden wollte, musste persönlich auf die Schlange blicken. Er konnte nicht einen Stellvertreter, ein Enkelkind, einen Grossvater, eine Grossmutter, eine Mutter oder einen Vater schicken, wenn er geheilt werden wollte. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen, wenn man sie fragt, ob sie Christen seien, als Antwort geben: «Meine Mutter oder meine Grossmutter war sehr fromm.» Wir freuen uns natürlich, wenn das der Fall gewesen ist, aber uns persönlich rettet das nicht. Ein jeder muss sich in seinem Herzen vor Gott prüfen, ob er wirklich auf Jesus blickt, sein ganzes Vertrauen auf Jesus setzt, um gerettet zu werden. Viele hoffen ganz versteckt und oft unbewusst, dass ihre «Anständigkeit» doch vor Gott gelten wird. Das Einzige, was Gott anerkennen kann, ist das grosse, unermesslich grosse Schuldopfer Jesu, das er am Kreuz brachte.
Noch ein wichtiger Punkt muss berücksichtigt werden. Ein alter Israelit sitzt in seinem Zelt und wird plötzlich von einer giftigen Schlange gebissen. Die Wunde schwillt an und seine Frau mahnt ihn heftig, hinauszugehen, um auf die Schlange zu blicken. Er tut das auch und wird auf der Stelle geheilt. Freudestrahlend läuft er zurück in das Zelt, um seiner Frau die gute Botschaft mitzuteilen. Und gerade, wie er über die Schwelle tritt, beisst ihn eine zweite Schlange. Die Wunde schwillt an und die Familie sieht bestürzt um sich. Was soll man nun tun? Plötzlich bedenken sie, dass das Gebot Gottes die Anzahl des Blickens auf die Schlange nicht beschränkte, sondern schlicht und einfach bekundete, dass, wer gebissen wurde, durch den Blick des Vertrauens auf die Schlange geheilt würde. Schnell eilt der Vergiftete wieder hinaus, blickt hin und wird wieder geheilt. Auch ein drittes und ein viertes Mal ereignet sich das Gleiche und der Blick auf die Schlange heilt jedes Mal. So wird ein wichtiges Prinzip der Heiligen Schrift klargelegt. Wer vor der Macht des Satans und der Sünde bewahrt bleiben will, der muss oft auf Jesus, den Gekreuzigten, schauen. Und wer ein ununterbrochenes Heiligungsleben führen will, der muss ununterbrochen auf den erhöhten Jesus blicken!
Durch das oben Geschriebene wird klar, dass die Heilige Schrift keine allgemeine Amnestie vor dem Gericht Gottes verspricht. Eine Amnestie ist ausschliesslich für den da, der dem Wort Gottes folgend auf Jesus blickt. Gott lässt die Sünde, die feurigen Schlangen, die vielen Versuchungen und Prüfungen des Lebens in der Welt bestehen. Die Hölle selbst hat er nicht beseitigt. Er hat aber einen freien, ungehinderten Weg gezeigt, um den Sieg über Hölle und Sünde zu gewinnen, indem er uns an seinem Sieg darüber teilnehmen lässt: «Gott aber sei Dank, der uns allezeit im Siegeszug umherführt in Christo» (2. Kor. 2,14). Der einzige Ausweg aus Sündennot, Hölle und ewigem Tod geht über den Vertrauensblick auf Jesus. Er hat eine ewige Erlösung für uns erworben. Es ist nicht so wichtig, zu welcher äusserlichen Organisation in kirchlicher oder freikirchlicher Hinsicht wir gehören. Wirklich massgebend ist, ob wir sagen können, dass Jesus am Kreuz unsere, meine Sünden trug, ob ich auf ihn allein blicke bezüglich Vergebung der Sünden und Heiligung.
Die Wiedergeburt, wovon Jesus in der Nacht zu Nikodemus sprach, besteht aus der persönlichen Inanspruchnahme des Opfertodes und der Auferstehung Jesu. Wenn wir das tun, geht uns eine ganz neue Welt auf, genau wie dem Kind, das geboren wird, bei der Geburt eine neue Welt aufgeht. Die Welt um das ungeborene Kind herum ist die ganze Zeit Wirklichkeit gewesen – nur dem Kind selbst noch nicht Wirklichkeit. Die geistliche Welt Jesu, die Freuden des Himmels auf Erden, das Glück eines erlösten Herzens sind den «Wiedergeborenen» Wirklichkeit, sie existieren und werden von ihnen genossen. Den noch nicht «Wiedergeborenen» sind diese Dinge Phantasterei.
Man kann eigentlich nicht erwarten, dass nicht wiedergeborene Menschen diese Dinge verstehen, genauso wenig, wie ein ungeborenes Kind unsere Welt versteht. Das Merkwürdige ist, dass diese Welt sich plötzlich und mehr und mehr öffnet, wenn wir den Blick des Vertrauens allen Ernstes, tief in unserem Herzen, auf Jesus werfen. «Fürwahr, er hat unsere Leiden getragen, und unsere Schmerzen hat er auf sich geladen. Und wir, wir hielten ihn für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt; doch um unserer Übertretungen willen war er verwundet, um unserer Missetat willen zerschlagen» (Jesaja 53,4.5). Das Bekenntnis der eigenen Sündhaftigkeit öffnet uns die Augen für das Reich Gottes in der Wiedergeburt.n
© aus: "Ein Naturwissenschaftler auf der Kanzel", A.E. Wilder-Smith, 1983, Berneck, 5. Auflage
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