Der Hunger nach Erfolg
(04. Oktober 2007) - Der Aufbruch unter den evangelischen Christen in Brasilien und der Versuch, das Phänomen zu verstehen. Teil 2: 1980 bis heute
Theodor Schüepp
Der Missiologe Stephenson Araújo listet in seiner These «Die Manipulation im Evangelisationsprozess» im Jahr 1997 in Brasilien 36 grosse Pfingstdenominationen auf. Dazu kommen weitere 43 kleinere und eine in die Tausende gehende Zahl von Klein-Gemeinden. Jede vertritt ihre eigene Lehre und hat ihre eigene Liturgie. Mehr als die Hälfte dieser Kirchen sind in den Jahren zwischen 1960 und 1990 entstanden.
Die vorliegende Zusammenfassung vermag nur ansatzweise auf einige der bedeutendsten dieser Kirchen hinzuweisen, die – trotz aller Differenzen – stellvertretend für alle anderen stehen. Wie sich Wasser, wenn auch durch verschiedene Kanäle, in einer Ebene immer den Weg in derselben Richtung sucht, so folgen alle diese Gemeinschaften mehr oder weniger demselben Trend. Wer von Brasiliens Kirche spricht, muss sich ihrer Vielfalt bewusst sein, einer Vielfalt, die sich in dieselbe Richtung bewegt.
Die brasilianische Kultur wird von drei Komponenten geprägt: der iberisch-, lateinisch-, römisch-katholischen Kultur, den afrikanischen Stammesreligionen4, den Traditionen der indianischen Ureinwohner. Die Vermischung dieser Welten bestimmt das religiöse Empfinden des Brasilianers: Die unsichtbare Welt ist bevölkert von guten und bösen Geistern, Dämonen, inkorporierenden Wesen (Trance, Besessenheit) und mit Autoritäten, die zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt vermitteln.
Die historische protestantische Missionsarbeit hat seit 1850 stets mit einem dieser Vorstellungswelt fremden Programm der Evangelisation gearbeitet. Sie versuchte, mit ihrer in einem gewissem Sinn liberalen, erzieherischen Komponente auf die Gesellschaft einzuwirken. Ihre Religion war dogmatisch, lehrmässig genau definiert und der Vernunft verpflichtet. Aus diesem Grund blieb ihr Einfluss auf die gesellschaftlich relativ schmale Sparte der unteren Mittelklasse begrenzt. Der grossen Masse blieb diese Art der Glaubenspraxis fremd.
Die protestantische Missionsarbeit setzte deshalb pionierhaft auf Erziehung als Voraussetzung zur Evangelisierung. Die traditionellen Pfingstmissionen durchbrachen ab 1910 die Grenzen nach unten. Ihre nicht mehr auf Wissen, sondern auf Gefühl und Erfahrung ausgerichtete Botschaft sprach die Volksseele besser an. Bis 1950 trat die Pfingstbewegung nicht gross in Erscheinung. Sie blieb auf ganz bestimmte Segmente der Gesellschaft begrenzt: die funktionellen Analphabeten. Charakteristisch für sie waren strikte Verhaltensregeln, eine bewusste Abwendung von «der Welt», Desinteresse an materiellen Gütern und eine mystische Spiritualität. Was diese Welt zu bieten hatte, wurde bei den Pfingstlern als Hindernis auf dem Marsch in Richtung der himmlischen Heimat gedeutet.
Ihr Interesse galt der Bruderliebe, dem Gebet, dem Fasten, der Bibel und dem Erreichen ihrer Mitmenschen durch Gottesdienste und persönliche Evangelisation. Verbote und Regeln bis hin zu Kleidungsvorschriften erschwerten oder verunmöglichten es den traditionellen Pfingstkirchen, Personen der sozial besser gestellten Mittelschicht zu erreichen.
Zwischen 1950 und dem Beginn der 90er Jahre bahnte sich durch die neue Generation auf Grund besserer Schulbildung und Zugang zur akademischen Welt eine spürbare Veränderung an. Der durch die Alten geforderte Radikalismus bröckelte. Sitten und Gebräuche, Liturgie, Weltbild, Gemeindeverständnis und Glaubenspraxis unterlagen einer raschen Veränderung. Materielle Güter waren plötzlich nicht mehr unbedingt Feinde auf dem Weg zum Himmel. Sie wurden nicht mehr abgelehnt. Im Gegenteil – sie verwandelten sich langsam aber stetig in wichtige Verbündete auf dem Weg zu Glück und Erfolg.
Die Sorge um den Himmel, um das Leben nach dem Tod und die Wiederkunft Jesu traten spürbar in den Hintergrund. An ihre Stelle kamen der Kampf gegen Dämonen, das «Offensive Gebet» und das Einfordern der bisher unbeachtet gebliebenen «Rechte der Kinder Gottes», worunter finanzieller Erfolg und die Lösung von Problemen verstanden wurde.
Lesen Sie den ganzen Artikel in factum 7/2007 sowie Teil I in factum 6/2007.
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