Kontakt   Newsletter   Impressum
   

    factum online RSS
  Infos zum RSS-Feed

Die Autonomie des Menschen

Selbsterniedrigung und Selbsterhöhung des Menschen. Überlegungen aufgrund eines Textes aus dem Buch Jesaja.

«Denn die Ägypter sind Menschen und nicht Gott, und ihre Rosse sind Fleisch und nicht Geist.» Jesaja 31,3 a

Eugen Schmid

Jesaja warnt das israelitische Volk eindringlich, sich nicht auf die militärische Kraft der Ägypter zu verlassen.

«Wehe denen, die nach Ägypten hinabziehen, um Hilfe [zu holen], die sich auf Rosse verlassen und auf die Streitwagen vertrauen, weil ihrer viele sind, und auf die Reiter, weil sie sehr zahlreich sind, aber auf den Heiligen Israels nicht schauen und den Herrn nicht befragen.» Jesaja 31,1

Wenn wir in Not und Bedrängnis sind, woher holen wir uns Hilfe? Heute gibt es eine breite Palette an Büchern zur Lebensberatung über Regeln zum Lebensglück bis zur kosmisch-spirituellen Verwirklichung des Lebens. Die Psychologie bietet dazu die unterschiedlichsten Methoden und therapeutischen Massnahmen an. Aber gerade über die spirituelle Hilfe wird in der Esoterik ein breit gefächertes Angebot unterbreitet. Durch spirituelle Energien, Meditationstechniken und die Verbindung mit kosmischen Kräften in der Natur wird angeblich ein Sinn im Leben garantiert. Mittels Horoskopen schauen Millionen von Menschen lieber in die Sterne und machen sich von den Stellungen der Gestirne abhängig, anstatt ihrem liebenden Gott ihre Sünden einzugestehen, zu bereuen und somit dem Bösen offensiv die Stirne zu bieten durch die Kraft Jesu Christi.

Nicht eine abstrakte und anonyme Christuskraft kann uns helfen, sondern Jesus Christus, der Messias, der Menschen- und Gottessohn. Ärzte aufzusuchen ist in Ordnung, aber wer nimmt eine Heilung durch den Schöpfer des Himmels und der Erde in Anspruch?

In einer Zeit, in der Gott abgesetzt wurde, sucht sich der Mensch Ersatzgötter und Götzen. Die Erde, Pflanzen und Tiere, bis zu den Naturgewalten, treten an die Stelle Gottes. Sogar der Mensch selbst setzt sich an die Stelle Gottes. C. G. Jung (1875–1961) verortet das Göttliche im Inneren des Menschen, in seinem Selbst. Grundsätzlich geht man in der neuen Religiosität davon aus, dass das Verhältnis von Materie und Geist nicht mehr dualistisch gedacht werden kann, sondern in der Einheit oder Ganzheit gedeutet werden soll. Insofern kann alles auf der Erde die Stellung Gottes einnehmen oder als göttlich verehrt werden. Und genau dieser Sachverhalt wird in Jesaja 31,3 a genannt: «Denn die Ägypter sind Menschen und nicht Gott, und ihre Rosse sind Fleisch und nicht Geist.»

In diesem Bibelzitat wird die neue Religiosität dargestellt, indem der Mensch vergöttlicht wird und dem Tier geistige Qualitäten oder eine spirituelle Dimension zuerkannt wird. Auch in der Philosophie bekommt der Mensch eine erhöhte Stellung. Martin Heidegger (1889–1976) bezeichnet den Menschen als Da-Sein. Das Sein umfasst das Ganze, die Materie, den Menschen und das Göttliche. Der Mensch ist nur dann seinem Wesen entsprechend, wenn er die Ganzheit, und damit auch das Göttliche, in seinem Leben repräsentiert. Der katholische Theologe Karl Rahner (1904–1984) spricht dann von der «transzendentalen Christologie». Damit ist gemeint, dass Christus in jedem Menschen potentiell schon da ist und nur noch entfaltet werden muss. Mit Christus ist eine spirituelle Dimension gemeint.

Friedrich Nietzsche (1844–1900) hat diese Entwicklung scharfsichtig und in ihrer ganzen Radikalität vorausgesagt und in der Parole «Gott ist tot» zum Ausdruck gebracht. Damit ist also nicht nur gedacht, dass Gott eben nicht mehr anerkannt wird oder im materialistischen Sinn nicht mehr an ihn geglaubt wird, sondern dass ein radikaler Nihilismus aufsteigen wird und das Nichts an die Stelle Gottes tritt. Und dann tritt der Mensch in seiner Autonomie an die Stelle Gottes – er vergöttlicht sich selbst und die Natur. Damit ist die antichristliche Kultur bezeichnet. Die Geschöpfe und die Schöpfung werden verehrt und nicht mehr Gott, der Schöpfer. Das ist mit «Gott ist tot» gemeint.

Die Rangordnung des Menschen durchlief eine dialektische Entwicklung. Einerseits wird dem Menschen seine Menschenwürde und Vorrangstellung vor den Tieren genommen, indem er in eine Abstammungslinie von den Tieren gestellt und auf biologische und neuronale Prozesse reduziert wird. Insofern wird der Mensch von seiner Triebstruktur, dem Überlebenstrieb und seinen Durchsetzungsstrategien bestimmt. Sein Verhalten wird ihm von der Umwelt aufdiktiert und somit ist er seiner Freiheit beraubt. Andererseits strebt nun der Mensch die Autonomie, die Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung an. Damit will er die totale Unabhängigkeit, letztlich die totale Freiheit, erreichen. Das bedeutet die Auflösung von Fremdbestimmung, ob im sozialen oder im spirituellen Bereich, um dann alle möglichen Verwirklichungsebenen für sich selber zu beanspruchen. Und so möchte der Mensch wie Gott sein. Er strebt die Göttlichkeit an, er bean­sprucht sie für sich.

Weil der Mensch sich selber zum Tier erniedrigt hat – und diesen Zustand kann er nicht ertragen – aber Gott ab­gesetzt ist –, muss er sich an die Stelle Gottes setzen, um den Verlust zu kompensieren. Insofern spielt der Darwinismus nur eine notwendige Zwischenstufe auf dem Weg zum eigentlichen Ziel – der absoluten Selbstbestimmung. Nur durch diese radikale Erniedrigung konnte die immense Sehnsucht nach ihrer Kompensierung möglich werden und damit die Absolutsetzung des Menschen. Genau diese dynamische Entwicklung hat Nietzsche in all ihren verschiedenen Facetten in seinem Werk dargestellt.

Interessant ist, dass sich der Mensch von Gott erniedrigt fühlte. Der Mensch empfand die Herrschaft Gottes als fremd und sogar anstössig. Wie kann man sich in einer aufgeklärten und emanzipierten Kultur dem christlichen Gott unterwerfen? Ist das nicht die totale Abhängigkeit, die man in der Renaissance und dann in der Aufklärung versuchte zu überwinden? Dieser Geist der Aufklärung kommt exemplarisch in der Parole der Französischen Revolution (1789) zum Ausdruck: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Aber können diese Begriffe nicht in der christlichen Anthropologie vorkommen? Tatsache ist, dass sie gegen das Christentum ins Feld geführt werden und daraus das Terrorregime des Revolutionärs Robespierre (1758–1794) erwuchs, indem der Versuch unternommen wurde, Vernunft und Tugend zur Herrschaft zu bringen. Das Ergebnis war, dass Robespierre zu einem der unerbittlichsten der «Schreckensmänner» der Französischen Revolution wurde.

Wie ist das zu erklären? Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind zwar in der christlichen Ethik verankert, aber können eben nicht ohne die christliche Orientierung verwirklicht werden. Mit der Gott-ist-tot-Parole erwächst aus der Forderung dieser ethischen Haltungen ein Terrorregime. In der christlichen Ethik hat die Freiheit einen hohen Stellenwert. Nur der Mensch, der als Ebenbild Gottes geschaffen, seine personale Verantwortung vor seinem Schöpfer wahrnimmt, kann in Eigenverantwortung sich für die Freiheit, die Gleichheit aller Menschen und die Brüderlichkeit – sprich für liebende und achtende Zuwendung zum Mitmenschen – entscheiden. Dazu ist die geistige und geistliche Freiheit des Menschen die Voraussetzung, aber gleichzeitig muss auch die ständige Gefährdung dieser durch das Böse mit gesehen werden.

Der Begriff der Freiheit steht heute hoch im Kurs. In diesem Jahr jährt sich die 68er-Bewegung zum 40. Mal. Im Vordergrund dieser Bewegung stand die Kritik und Ablehnung von Autoritäten, ob familiäre, staatliche oder geistliche. Als Freiheit wird meistens «frei von etwas» verstanden. Doch der konstruktive Freiheitsbegriff definiert sich als «frei für etwas». Es gilt also genauer hinzusehen, was unter «Freiheit» gemeint ist.

Nach biblischer Anthropologie kann der Mensch nur dann frei sein, wenn er sich als Person auf Gott bezieht. Denn von Gott her bekommt der Mensch seine Menschenwürde. Vom Menschen allein ist diese nicht zu erwarten, da die Menschen dazu neigen, den anderen nicht als gleichwertig zu sehen und für die eigenen Interessen zu benutzen, anstatt ihn als freie Person zu betrachten.

Natürlich hängt die Einstellung zur Freiheit vom Menschenbild ab. In der Aufklärung ging Rousseau (1712–1778) davon aus, dass der Mensch von Natur aus gut ist. Als Folge musste die uneingeschränkte Freiheit gefordert werden. Und so wurde Rousseau auch der Vater der antiautoritären Erziehung. Wenn vom christlichen Menschenbild ausgegangen wird, dann muss der Mensch, der «natürlich» vom Bösen bestimmt wird, sich in Freiheit vom Bösen distanzieren. Und das ist möglich durch den Sieg Jesu Christi am Kreuz über das Böse in der Welt.

Unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung garantiert uns die höchstmögliche Freiheit in einem Gemeinwesen. Aber viele individuelle, familiäre und soziale Probleme können die Menschen eben nicht lösen, so dass sie für den Einzelnen sowie für die Gemeinschaft eine elementare Bedrohung darstellen. Dann wird der Ruf nach einem stärkeren Eingreifen in die Belange des Menschen wieder hörbar. Doch heute haben wir im Neoliberalismus eher die gegenteilige Bewegung. Der Staat hat immer weniger Steuerungsmöglichkeiten, um in die Wirtschaft einzugreifen.

Der Philosoph Peter Sloterdijk sprach schon von der «neuen Sehnsucht nach einem Befehl». Das zeigt sich konkret in den esoterischen Jugendgruppen, in denen sich junge Menschen freiwillig dem Guru unterwerfen und all ihr Hab und Gut verkaufen und jegliche Individualität aufgeben müssen. Das geschah bei Bhagwan Shree Raijneesh, später Osho, und geschieht in der Scientology Church und in vielen anderen esoterisch-neureligiösen Organisationen. Und genau das ist die antichristliche Struktur der zukünftigen Gesellschaft. In operationalen Kleingruppen wird das schon gelebt, was sich nach biblischer Vorhersage über die ganze Gesellschaft ausbreiten wird. Vorläufer solcher autoritärer Gesellschaftsstrukturen haben wir im 20. Jahrhundert bereits erlebt: Mao Tse Tung im chinesischen Kommunismus, Lenin und Stalin im Kommunismus der ehemaligen UdSSR und im nationalsozialistischen Staat Adolf Hitlers.

Vom christlichen Standpunkt aus ist es wichtig, diese Strömungen zu beobachten, um sie vom biblischen und prophetischen Zusammenhang her zu deuten. Wir dürfen nicht den aufklärerischen und materialistischen Fortschrittsparolen unserer Gesellschaft unterliegen. Mit einer biblisch begründeten Verhaltens- und Gesellschaftskritik bleiben wir in der prophetischen Tradition und kommen nicht in die Gefahr, einer verführerischen neuen Religiosität zu unterliegen.

Das aktuelle Heft:
factum 1/2012


factum 1/2012
factum-Abo
efactum-App
Mithelfen und fördern!
ethos – suchen, finden, leben