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Der erste Mensch nach Mass heisst Adam
Adam Nash ist der erste Mensch, der im Labor gezeugt, getestet und ausgewählt wurde, um als Zellspenderzu dienen.
von Rolf Höneisen
Ende August kam Adam Nash zur Welt. Genauso wie dutzend andere Babys an diesem Tag in derselben amerikanischen Geburtsklinik irgendwo im Bundesstaat Colorado auch: unter Schmerzen, von seiner Mutter geboren. Und doch ist Adam ein Kind wie keins vor ihm. Bereits Sekunden nach seiner Geburt zogen Ärzte Blut aus seiner Nabelschnur, um später die Stammzellen daraus in den Körper seiner 6-jährigen Schwester Molly zu leiten. Für Molly sind Adams Knochenmarkzellen die lange erhoffte Medizin, um zu überleben.
Molly Nash leidet unter der seltenen, vererbbaren Krankheit Falconi-Anämie und kann nicht genügend Knochenmarkzellen bilden. Das führt häufig zu Leukämie und anderen Erkrankungen und lässt Kinder in der Regel nicht älter als sieben Jahre alt werden. Die Ärzte sind überzeugt, dass Molly nur durch eine Knochenmarktransplantation vor einem baldigen Tod gerettet werden kann.
Adam ist ein Kind der modernen Reproduktionsmedizin. Um geeignete Spenderzellen zu erhalten, führten die Spezialisten des Reproductive Genetics Institute in Chicago Samen und Eizellen seiner Eltern unter dem kalten Licht der Laborlampen in der Retorte zusammen.
Das Ehepaar versteht dieses Vorgehen als Liebesakt der besonderen Art. Ihnen ging es um das Leben ihres ersten Kindes Molly. Deshalb entschlossen sie sich für die in den meisten europäischen Ländern verbotene Präimplantations-Diagnostik (PID).
Neben Adam wurde ein Dutzend weiterer Embryonen durch In-Vitro-Fertilisation gezeugt und anschliessend einem genetischen Test unterzogen. Sie fielen alle durch. Ihr Lebenskeim wurde getötet, nicht weil sie einen schweren Gendefekt aufgewiesen hätten, sondern weil sie nicht so waren, wie es sich die Reproduktionsmediziner und die Eltern erhofft hatten. Sie waren nutzlos, weil unfähig, ihrer Schwester die richtigen Zellen zu spenden. Sie erfüllten den von ihnen erwarteten Lebenszweck nicht und mussten sterben. Nur einer wurde auserwählt: Adam.
Er hatte als Einziger den Gentest bestanden. Nicht, weil er der kräftigste Embryo gewesen wäre, sondern weil er den Gendefekt der Erbkrankheit nicht aufwies und weil seine Körpergewebemerkmale mit dem Zelltyp von Molly am ehesten übereinstimmten. Deshalb fiel die Wahl auf Adam. Er durfte weiter leben und wachsen und wurde der Mutter eingepflanzt. Sie trug ihn aus und gebar ihn. Adam war da, der Spendersohn!
Adam ist die logische Folge aus der Synthese von Reproduktionsmedizin und Gentechnik. Der aus der Intimität herausgerissene und ins Labor transferierte Zeugungsakt eröffnet Möglichkeiten, die für die Forscher zu nahe liegend und zu spannend sind, als dass sie ihre Pipetten davon lassen könnten. Ethische Bedenken? Nein, immer steht die Hilfe für den Nächsten, für andere, im Vordergrund. Die Embryonenzellforschung verspricht Therapien für bisher unheilbare Krankheiten.
Im Bereich des Status des Embryos zeigt sich zwischen der angelsächsischen und der kontinentalen Philosophie ein tief greifender Unterschied. Das deutsche Embryonenschutzgesetz wurde genauso wie die erste Fassung des schweizerischen Verfassungsartikels zur «Fortpflanzungsmedizin und Gentechnologie» anfangs der 90er Jahre aufgestellt. Damit wollte man den bislang rechtlosen Embryo vor bedrohlichen Entwicklungen schützen.
Anders verlief die Diskussion in England. Dort wurde 1978 Louise Brown, das erste «Retorten-Baby» geboren. Ausser der anglikanischen Kirche äusserte niemand Bedenken gegen die neue Labortechnik. Argumentiert wurde einzig mit der Chance, kinderlosen Paaren zu helfen, das heisst ihre «Kinderlosigkeit zu therapieren». Nicht die Gefahren für den Embryo und das Missbrauchspotenzial bildeten den Boden der Debatten, sondern die Therapieziele. Das ist bis heute so geblieben. Inzwischen dreht sich die Diskussion in England bereits darum, ob das Klonen von Menschen offiziell erlaubt sein soll. Dem Embryo wird kein moralischer oder rechtlicher Status zugebilligt.
Doch die «Produktion» von Adam Nash durchbricht an einem bestimmten Punkt die Grenze der Menschlichkeit. Ihm werden weitere und immer mehr Kinder folgen, die nach dem Wunsch von Ärzten und Eltern ausgewählt wurden. Die ganzen Schreckensvisionen bis hin zur Menschenzucht nach Dienst- und Herrenrassen erwachen.
Klein-Adam kann nichts dafür, dass er lebt. Seine zwölf Brüder konnten nichts dafür, dass sie starben. Die Welt der Kindermacher, die dem Geheimnis der Zeugung und Entstehung eines neues Menschen nicht mehr staunend gegenüberstehen, sondern mitten in sie hineingreifen, bestimmten über Leben und Tod der Embryonen.
Viele Bioethiker legitimieren inzwischen solche Menschenexperimente. Jeffrey Kahn (Universität Minnesota) räumt zwar im Blick auf Adam ein: «Wir haben eine Grenze überschritten.» Dass das für ihn aber nichts Negatives ist, offenbart Kahn mit der weiteren Erklärung: «Wir haben auf Grund von Merkmalen ausgewählt, die nicht für das zu gebärende Kind das Beste sind, sondern für eine andere Person.» Adam, ein Kind purer Nächstenliebe?
Kritisches Fragen muss erlaubt sein: Wie viel Liebe steckt hinter der elterlichen Aktion? Dient Adam nicht eher dazu, die elterliche Verzweiflung angesichts ihres sterbenden, kranken Kindes zu lindern? Jedenfalls konnte Adam keinen Organspenderschein unterschreiben. Er muss Spender sein.
Was, wenn sich Adam eines Tages bewusst wird, dass er auf die Welt kam, um als Spender zu dienen? Was, wenn er feststellt, dass seine Schwester in einigen Jahren trotz seiner gespendeten Körperzellen stirbt? Was, wenn Adam sich irgendwann einmal dagegen wehrt, ungefragt zum Spender gemacht worden zu sein? Was, wenn er merkt: «Die wollten mich nur, wenn ich mein Blut meiner Schwester spende, und was passiert mit mir, wenn ich mich verweigere ...»?
Die Präimplantationsdiagnostik, das Testen von Embryonen, bevor sie in die Gebärmutter implantiert werden, ist umstritten. Überall, wo sie bereits angewendet wird, geht es um das Ausmerzen von Kindern mit Erbkrankheiten. Wird ein Gendefekt erkannt, sterben die Embryonen in der Petrischale. Nur die Gesunden dürfen leben. Aber auch nicht alle. Meistens werden zu viele Embryonen «hergestellt». Die «überzähligen» landen entweder für einige Zeit im Kühllager oder als Forschungsmaterial im Labor.
In der Schweiz und in Deutschland ist die Technik der PID aus diesem Grund verboten. Staaten wie Belgien, Grossbritannien und die USA haben weniger strenge Richtlinien und erlauben Ausnahmen. Nach Schätzungen sind weltweit durch die Präimplantationsdiagnostik Hunderte von Paaren, die schwere Genkrankheiten in sich tragen und wegen des Risikos der Weitergabe nie Kinder hätten haben können, über die PID nun doch Eltern geworden.
Doch jetzt kommt Adam. Er wurde selektioniert und durfte leben, weil er einerseits gesunde Gene in sich trägt – aber dieses Glück allein hätte ihm nicht zum Leben gereicht. Er wurde nur deshalb zum Leben bestimmt, weil er sich als Spender von Blutzellen eignet.
Die Meinungen der Wissenschaftler über die Rechtmässigkeit, Kinder nach diesem Kriterium auszulesen, sind geteilt. Der deutsche Fachmann Heribert Kentenich von der Frauen- und Kinderklinik Pulsstrasse in Berlin sagte gegenüber dem «Spiegel»: «Ein Kind war bisher immer ein Geschenk. Adam Nash aber ist das erste Kind der Menschheitsgeschichte, das ein zweckgebundenes Geschenk ist.» Sind das nicht viel zu moderate Worte für einen widermenschlichen Vorgang, der in einer eiskalten Welt der Nützlichkeit jenseits jeder wärmenden Liebe endet? Soll der Gentest über das Leben eines Kindes entscheiden? Was ist mit der Würde derjenigen Embryonen, die den Test nicht bestehen?
Das Unrecht, das den gezeugten, aber nicht weiterleben dürfenden Embryonen geschieht, schreit zum Himmel. Aber der Schrei ist stumm. Andere müssten ihnen eine Stimme geben. – Wo bleibt der Aufschrei der an den Schöpfergott glaubenden Menschen? Sind die grünen Greenpeaceler wirklich die Einzigen mit der Überzeugung, dass Mensch und Tier nicht wie Ersatzteile patentiert werden dürfen?
Adam ist das erste aufgrund eines Selektionsmassstabs und eines Gentests unter einem Dutzend anderen Embryonen bewusst aussortierte Kind. Die Entwicklung dürfte nicht bei Adam stehen bleiben. Die Motive, sein Kind nach Mass zu wählen, werden sich vermehren wie die Kaninchen. Die Produktion von möglichst der eigenen Vorstellung entsprechenden Kindern könnte durchaus zur Praxis der Zukunft werden. Dafür spricht die Entwicklung im Bereich der Reproduktionsmedizin und der Gentechnik in den vergangenen zwanzig Jahren.
Sämtliche bislang erfolgten Schritte gingen in die Richtung, Sexualität und Fortpflanzung voneinander zu trennen. Die enormen Fortschritte und Erkenntnisse der Wissenschaft schafften es, die Zeugung ausserhalb des menschlichen Körpers durchzuführen: Terminiert, kontrolliert, qualitätsgesichert. Die Fortpflanzung könnte künftig ausschliesslich im Labor erfolgen. Die Selektion in genehme und nicht genehme, werte und des Lebens nicht werte Kinder, würde dann zur Routine.
Wie im weitsichtigen Film «Gattaca» könnten im körperlichen Liebesakt gezeugte Kinder zu unliebsamen, risikoreichen Unfällen werden. Solche Kinder hätten genetische Schwächen, worüber Arbeitgeber informiert sein wollten. In ihrem Code im Pass stünde ein Strich für «Genscreening versäumt, Risiko für Kurzsichtigkeit und Herzleiden» und ähnliches.
Der Wunsch: «Jetzt möchten wir ein Kind», wäre gleichbedeutend mit einem Gang zum Facharzt für Reproduktion. Er würde nach einem beratenden Gespräch den männlichen Samen in Empfang nehmen, im Nebenzimmer von der Frau die hormonell provozierten weiblichen Eizellen gewinnen und beides im Reagenzglas zusammenführen. Die entstehenden Embryonen würde er einem Gen-Screening unterwerfen; das Testresultat mit den Eltern besprechen.
Moderne Tests erkennen nicht nur Defekte der Chromosomen, sondern erkennen auch Gene, die dafür sorgen, dass ein Mensch im Alter von 30 oder 40 Jahren krank wird. Im gemeinsamen Gespräch legen dann Arzt und Klient einen auf die eigenen und auf die gesellschaftlichen Bedürfnisse abgestimmten Selektions- und Wertemassstab fest. Soll es ein Mädchen oder ein Junge sein, blau- oder schwarzäugig? Welche genetischen Anfälligkeiten werden in Kauf genommen, welche überhaupt nicht? Ist ein Embryo in der Auswahl, der unseren Vorstellungen entspricht? Dieser Blick in die Zukunft wäre absurd und zynisch, wenn er nicht bereits absehbar wäre.
Selbstverständlich geraten die Vertreter der Fortpflanzungsmedizin ob solcher Sätze in Wut. Sie betrachten die Entwicklung aus der Perspektive des Hilfeleistenden und bauen ihre Ethik alleine darauf, ohne die weiteren Konsequenzen ihres Tuns zu sehen.
Adam Nash ist der erste Mensch einer neuen Generation von Menschen, die nicht mehr einfach leben, weil sie gezeugt wurden, sondern weil sie einen vorherbestimmten Zweck erfüllen müssen. Ob die Zellübertragung bei Molly erfolgreich verlief, wird sich in den nächsten Wochen herausstellen.
(c) factum online 26. Oktober 2000
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