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Bis an das Ende der Welt
Alexander der Grosse fühlte sich als Herr der Geschichte, aber seine Macht war vergänglich. Sein Wirken war eine Voraussetzung dafür, dass sich das Evangelium bereits im 1. Jahrhundert bis nach Indien verbreiten konnte.
Thomas Baumann
Das Ende der Welt liegt im österreichischen Leoben. Zumindest bis in den November 2010 hinein. Denn so lange hat die spektakuläre Ausstellung «Alexander der Grosse und die Öffnung der Welt – Asiens Kulturen im Wandel» ihre Pforten für die Besucher geöffnet. Alexander der Grosse hat die Menschen schon immer fasziniert, seine Zeitgenossen ebenso wie die Nachgeborenen. Und das Interesse hält offenbar bis in die heutige Zeit an.
In Mannheim, wo die Ausstellung zuvor präsentiert wurde, war sie mit 176000 Besuchern eine der erfolgreichsten historischen Ausstellungen der letzten Jahre. Auch mit einem spezifisch christlichen Interesse ist der Blick auf das erste Weltreich interessant.
Als Alexander im Alter von noch nicht einmal 33 Jahren am 10. Juni 323 v. Chr. in Babylon starb, hatte er das erste Weltreich begründet, indem er, wie der antike Historiker Diodor bewundernd feststellte, «in nur zwölf Jahren nicht wenig von Europa und fast ganz Asien unterworfen» hatte. Alexanders Herrschaft erstreckte sich von der Adria im Westen bis an den Ostrand des Punjab im Osten. Ruhmreiche alte Kulturen wie Ägypten, Babylonien und Persien wollte er in sein Reich integrieren. «Die Todesstunde des Königs ist die Geburtsstunde des Mythos von Alexander», schreibt der Althistoriker Wolfgang Will im Katalog der erwähnten Ausstellung, die mit dem Mythos und den Bildnissen Alexanders beginnt.
Die archäologischen Zeugnisse, etwa eine wunderschöne bronzene Reiterfigur aus Herkulaneum, Marmorbüsten, bronzene Statuetten und ein Münzschatz, der einen den Atem anhalten lässt, vergegenwärtigen die Macht und den Glanz jener Zeit. Wunderbar erhaltene ptolemäische Silberdrachmen aus dem 4. Jahrhundert, eindrucksvolle Goldstatere aus dem 4. und 3. vorchristlichen Jahrhundert und eine reiche Palette von Bronzemünzen sowie wunderschöne Goldmedaillons zeigen Alexander mit den für ihn typischen Attributen Diadem oder Löwenhaube und machen deutlich, wie wirkmächtig der Mythos des jungen Welteroberers bis in die Spätantike war.
Alexander war 356 v. Chr. als Sohn des makedonischen Königs Philipps II. und der Olympias, einer Prinzessin aus Epirus, im Palast von Pella zur Welt gekommen. Im kriegerischen Milieu des makedonischen Königshofs, als Spross einer Herrscherfamilie, die ihre Herkunft auf den mythischen Helden und «Halbgott» Herakles zurückführte, aufgewachsen und erzogen, hatte Alexander aber durch seinen Lehrer, den Philosophen Aristoteles, auch die anspruchsvolle griechische Bildung und Erziehung genossen. Neben der griechischen Literatur, vor allem dem Werk Homers – die Ilias blieb lebenslang das Lieblingsbuch Alexanders –, hat der makedonische Prinz das Weltbild des Aristoteles, seine geografischen Vorstellungen kennengelernt, die er durch seinen Eroberungszug, der auch ganz bewusst eine Erkundungsfahrt war, gewaltig korrigieren sollte. Alexander kam bei seiner Fahrt den Indus hinab in gewisser Weise tatsächlich ans Ende der Welt, als die Flotte den Indischen Ozean und damit das südliche Weltmeer erreichte.
Die Begegnung Alexanders und seiner griechischen und makedonischen Truppen mit dem Perserreich, und hier vor allem den nordöstlichen Satrapien Sogdien und Baktrien im heutigen Usbekistan und Tadschikistan, Afghanistan und dem nordöstlichen Pakistan, sind gut dokumentiert. Das gilt auch für den Wandel Babylons von der altorientalischen zur hellenistischen Metropole.
Das kulturelle Niveau dieser Stadt war eindrucksvoll, die Ausmasse der Stadtanlage Babylons gewaltig. Wer die Gelegenheit hat, diese Ausstellung zu sehen, kann die eigentümliche Erfahrung machen, aus der Bibel vertraute Orte und Namen einmal nahezu handgreiflich vor sich zu haben. Ein birnenförmiges Alabastergefäss (ein sogenanntes Alabastron) des Xerxes, das ist der Ahasveros der Bibel, rufen die Erlebnisse Esthers in Erinnerung, ebenso wie weitere Ausstellungsstücke aus den persischen Königsstädten Persepolis und Susa.
Die Erkundungen und Eroberungen Alexanders im äussersten Osten und seine Städtegründungen im heutigen Mittelasien und mittleren Osten haben die griechische Kultur weit in den Osten getragen und haben dort kulturprägend gewirkt. Der im 19. Jahrhundert lebende preussische Historiker Johann Gustav Droysen verstand die von Alexander eingeleitete Epoche des «Hellenismus» als «die entscheidende Voraussetzung für die Offenbarung und Entfaltung der christlichen Religion, im faktischen Rahmen wie in der gedanklichen Entwicklung».¹
Inwiefern hat der Alexanderzug und die sich daran anschliessende hellenistische Zeit die kulturellen und infrastrukturellen Voraussetzungen dafür geschaffen, dass sich das Zeugnis von Jesus Christus – dem in diese Welt gekommenen Gottessohn, der am Kreuz auf Golgatha vor den Toren Jerusalems gestorben war, um unsere Schuld zu sühnen und uns mit Gott zu versöhnen – schon im 1. Jahrhundert nach Christi Geburt in Europa, Nordafrika und in Asien bis nach Indien verbreiten konnte? Jesus hatte seinen Aposteln vor seiner Himmelfahrt ja versprochen:
«Aber wenn der Heilige Geist auf euch herabkommt, werdet ihr mit seiner Kraft ausgerüstet werden, und das wird euch dazu befähigen, meine Zeugen zu sein – in Jerusalem, in ganz Judäa und Samarien und überall sonst auf der Welt, selbst in den entferntesten Gegenden der Erde» (Apg. 1,8).
Und so ist es dann auch geschehen. Schon im ersten Jahrhundert begann die Weltmission. Wenn es stimmt, dass der Apostel Thomas auf seiner Missionsreise bis nach Indien gekommen ist, und es spricht einiges für die Glaubwürdigkeit dieser Information, dann hat er dabei sicherlich nicht nur die jüdischen Diasporagemeinden in Babylon und den grossen Städten Persiens als Anlaufstellen gehabt, sondern hat auch von den griechischen Kolonien im Osten, den kulturellen und sprachlichen «Vorarbeiten» der hellenistischen Zeit profitiert, so wie Paulus bei seinen Missionsreisen im Mittelmeerraum die Infrastruktur und die gesetzliche Situation des Römischen Reiches nutzen konnte.
Das führt uns zu der etwas spekulativen, aber durchaus spannenden Frage, inwiefern der allmächtige Gott, der immer auch der Herr über die Geschichte war und ist, profane geschichtliche Gegebenheiten in seine heilsgeschichtlichen Pläne integriert. Die Bibel liefert uns seit dem Turmbau von Babel immer wieder Hinweise auf das geheimnisvolle Wirken Gottes in der Geschichte. So lesen wir beim Propheten Jeremia die bemerkenswerten Sätze:
«... und nun habe ich alle diese Länder in die Hand meines Knechtes, Nebukadnezars, des Königs von Babel, gegeben; sogar die Tiere des Feldes habe ich in seinen Dienst gestellt; und alle Völker sollen ihm und seinem Sohn und seinem Enkel dienen, bis auch die Zeit für sein Land kommt und viele Völker und mächtige Könige es unterjochen werden» (Jer. 27,6 und 7).
Oder:
«So spricht der HERR der Heerscharen: Siehe, ich will meinen Knecht Nebukadnezar, den König von Babel, holen lassen ...» (Jer. 43,10 a).
Auch der persische Herrscher Kyros wird ausdrücklich in die Pläne Gottes und sein Handeln einbezogen:
«Und im ersten Jahr des Kyros, des Königs von Persien – damit das Wort des HERRN erfüllt würde, das durch den Mund Jeremias ergangen war –, da erweckte der HERR den Geist des Kyros, des Königs von Persien, sodass er durch sein ganzes Königreich, auch schriftlich, bekanntmachen liess: ‹So spricht Kyros, der König von Persien: Der HERR, der Gott des Himmels, hat mir alle Königreiche der Erde gegeben, und er selbst hat mir befohlen, ihm ein Haus zu bauen in Jerusalem, das in Juda ist. Wer irgend unter euch zu seinem Volk gehört, mit dem sei der HERR, sein Gott, und er ziehe hinauf!›» (2. Chr. 36,22 und 23).
Auch Jesaja hatte dies prophezeit:
«Ich bin der HERR, der alles vollbringt – ich habe die Himmel ausgespannt, ich allein, und die Erde ausgebreitet durch mich selbst –, der die Zeichen der Schwätzer vereitelt und die Wahrsager zu Narren macht; der die Weisen zum Widerruf zwingt und ihr Wissen zur Torheit macht ... der von Kyros spricht: ‹Er ist mein Hirte, und er wird all meinen Willen ausführen und zu Jerusalem sagen: Werde gebaut! und zum Tempel: Werde gegründet!›» (Jes. 44,24.25.28).
Es würde zu weit führen, allen Hinweisen in den biblischen Geschichtsbüchern und den Propheten nachzugehen; es genügt hier, in Erinnerung zu rufen, dass Gott Situationen und Personen der Weltgeschichte in sein Handeln einbezieht. Und damit sind wir wieder bei Alexander dem Grossen, seinem Eroberungszug ans «Ende der Welt» und bei Johann Gustav Droysen angelangt. Alexander hatte durch seinen Zug an die Grenzen der bewohnten Welt vom östlichen Mittelmeerraum bis auf den indischen Subkontinent nach Droysen gleichsam die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass 350 Jahre später die frohe Botschaft von Jesus, dem Herrn aller Herren und König der Könige, sich rasch ausbreiten konnte, nicht nur im gesamten Mittelmeerraum, in Europa und Nordafrika, sondern auch in Asien – nach Persien und bis nach Indien hinein.
Alexander und seine Gefährten hatten andere Motive, Eroberungslust und Entdeckerdrang. Zu ihrer beispiellosen Unternehmung hatte sie die Begierde getrieben, grosse Taten zu vollbringen und die Helden der Vorzeit zu übertrumpfen. Blutige Schlachten und grausame Massaker wie die Strafaktionen gegen Tyrus und Gaza säumten Alexanders Weg.
Die Triumphe der Eroberer sind längst zunichte, ihre Reiche vergangen. Aber die Verheissung eines ganz anderen Auftrages besteht fort und wird sich erfüllen: «Ihr werdet meine Zeugen sein ... bis in die entferntesten Gegenden dieser Erde.» In unserer gegenwärtigen Zeit der Globalisierung können mit den inzwischen vorhandenen technischen Möglichkeiten Informationen in Sekundenschnelle auch entlegene und entlegenste Stellen der Erde erreichen. Es ist gut, dass das auch für die Verbreitung des Evangeliums genutzt wird.
Darüber hinaus braucht es aber auch heute noch Zeugen, die hingehen; Menschen, die von Jesus ergriffen in der Kraft des Heiligen Geistes hingehen zu den Menschen, die Jesus noch nicht kennen, um ihnen in der Liebe Jesu zu begegnen, damit auch sie sich retten lassen, sich versöhnen lassen mit Gott. Damit durch gelebtes und weitergesagtes Zeugnis von Jesus Menschen gewonnen werden für sein Reich, sendet er noch heute Nachfolger, die seine Barmherzigkeit und Liebe erlebt haben – bis ans Ende der Welt.
¹ Gehrke, Hans-Joachim: Geschichte des Hellenismus. München 1990, S. 129.
Eine ausführliche Darstellung der Daniel-Prophetien im Zusammenhang mit Alexander dem Grossen finden Sie auf factum-Online: «Der Ziegenbock und das Lamm».
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