Eva Herman: "Gluckenterror" - oder doch mehr?
Eva Hermans neues Buch „Das Prinzip Arche Noah“ hat einmal mehr provoziert. Die Provokation scheint es einigen Rezensenten zu ersparen, das Buch wirklich zu lesen und sich ein differenziertes Urteil zu bilden.
Fritz Inhof/SSF
Mit einer ungeschickten Bemerkung zum Mutterbild im Nationalsozialismus hat Eva Herman nicht nur ihre Journalistenkarriere beerdigt, sondern wurde in der deutschen Öffentlichkeit zur Unperson erklärt. Schon vorher hatte der Tages-Anzeiger in einem wütenden Kommentar ihr neues Buch „Das Prinzip Arche Noah“ abgeschossen. Das Buch weckt Aggressionen. Umso mehr, als sich Herman darin dezidiert als gläubige Christin outet.
Eines wir beim Lesen deutlich: Die Ansichten von Frau Herman zur aktuellen Familienpolitik und zum Zustand der Gesellschaft liegen quer in der Landschaft. Auch wenn sie gar nicht so neu sind. Vieles, was sich an gesellschaftlichen Veränderungen in den letzten 40 Jahren abgelaufen ist, hat sie gut beobachtet. Ganz besonders die Auswirkungen der Individualisierung der Gesellschaft und ihre Auswirkungen auf die Familien. Sie beschreibt diese nicht in der Sprache der Soziologen, sondern sehr direkt und oft auch emotional. Was sie mit ihrem Buch bewirken möchte, schreibt sie schon in der Einleitung: „Wenn ich mein Umfeld beobachte, dann wird mir immer mehr bewusst, dass unsere Zukunft wesentlich davon abhängt, ob wir es schaffen, eine neue Familienkultur zu entdecken.“
Eva Herman kann diese nur teilweise selbst verkörpern, ist sie doch nach drei Scheidungen allein erziehende Mutter. Doch ihre eigenen Erfahrungen der Mutterschaft haben einen so prägenden Einfluss hinterlassen, dass sie die Frauen im Stil einer Prophetin aufruft, sich dieser Erfahrung nicht zu verschliessen. Gerade der Ruf in die Arbeitswelt und die Karriere biete das Risiko, eine wesentliche Lebenserfahrung zu verpassen. Und die gegenwärtige Familienpolitik tue alles, um diesen negativen Trend zu verstärken.
Kritisch spricht Eva Herman vom „Geschlechterkrieg“, der nicht nur viele Frauen dazu gezwungen hat, ihre eigentliche Identität zu verleugnen, sondern auch die Identität der Männer verändert habe, sodass sich viele heute scheuen, Verantwortung in einer Familie zu übernehmen. Und Kinder, die mit neuartigen Problemen konfrontiert seien, die sich zum Beispiel in der neuen Jugendgewalt manifestierten. Sie hinterfragt diese negativen Auswirkungen der Frauenemanzipation und fordert einen neuen Ansatz: „Eine Veränderung und Verbesserung unserer Lebensumstände ist keine Frage von Ideologien, sondern von Werten. Sie zu formulieren und ihre Umsetzung zu ermöglichen, muss das oberste Ziel sein.“
Dass alle Frauen zur Mutterschaft und zum Hausfrauendasein bestimmt seien, sagt Herman so nicht. Sie legt den Finger aber offensichtlich auf eine offene Wunde. Nur so lassen sich die Aggressionen erklären, die ihr entgegen schlagen. Noch wird die Errungenschaft, dass jede Frau noch vor einer allfälligen Mutterschaft berufstätig ist und nach Möglichkeit Karriere machen soll, gegen jede Hinterfragung mit ideologischer Schärfe verteidigt. Aus ihrer eigenen Erfahrung hat sie genügend Beispiele für die negativen Auswirkungen dieser Rollendefinition nicht nur auf die Familien, sondern direkt auf die Psyche der Frauen. Und sie beobachtet das Leiden von berufstätigen Müttern unter ihrer Doppelbelastung. Sie kämpft deshalb gegen die neue Verachtung von Frauen, die sich aus dem Berufsleben zurück ziehen und sich ausschliesslich der Erziehung von Kindern widmen.
Also zurück an den Herd? Dazu sagt sie dezidiert: „Nein, die Rückkehr in eine Welt der Pfannen und Töpfe wird heute wohl niemand als Zukunftsrezept empfehlen und gutheissen wollen.“ Die Alternative zur vollen Berufstätigkeit sei vielfältiger. Emanzipation könne auch nicht nur die volle Beteiligung in der Arbeitswelt bedeuten: „Emanzipiert zu sein, das müsste sogar bedeuten: wahre Gefühle zu leben und sich keine fremd erdachten Modelle aufzwingen zu lassen. Sich beispielsweise Lebensabschnitte zuzugestehen, in denen die Familie Vorrang hat, seien es die Kinder oder auch alte Eltern, die Zuwendung und Pflege benötigen. Die Idee der Selbstbestimmung verträgt sich nicht mit der Leitlinie, dass nur die berufstätige Frau eine emanzipierte Frau ist.“ Die Autorin ruft dazu auf, „die Klugheit des Herzens“ wieder zu entdecken: „auf unsere Intuition hören, unsere Gefühle ernst nehmen, statt sie zu verdrängen. Dann erst werden wir Frauen wahrhaft stark sein.“ Sie ruft daher die Vertreter der Frauenemanzipation auf, in einen sachlichen Dialog einzutreten.
Selbstredend verläuft die aktuelle deutsche Familienpolitik für Eva Hermann in eine falsche Richtung, da sie den Trend verstärke, die Kinder staatlich betreuen zu lassen. Damit würden die Folgen der verbreiteten Beziehungs- und Bindungsunfähigkeit nur noch verschärft. Die wichtigen in der Familie erworbenen Werte würden noch mehr verdrängt. Sie fordert daher mehr „Familiengerechtigkeit“ und beruft sich dabei auf den Demografieexperten Hermann Adrian (Abschaffung der Querfinanzierung von Kinderlosen), den Sozialrichter Jürgen Borchert („Transferausbeutung der Familien“ beenden), den ehemaligen Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof (familiengerechte Steuern) und den aktuellen Bundesverfassungsrichter Udo di Fabio (Leistungsgerechtigkeit für Familien).
Statt diese Anliegen zu realisieren, stütze die aktuelle Familienpolitik ein System, das den staatlichen Einfluss auf die Nachkommen stärke, stellt Eva Herman fest. Sie folgert daraus: „Alle familienpolitischen Vorschläge, die vonseiten der Europäischen Union, von der Bundesregierung und dem zuständigen Familienministerium angedacht, diskutiert und erlassen werden, müssen in Zukunft viel kritischer geprüft und hinterfragt werden. Die einzige Möglichkeit, so genannte Wölfe im Schafspelz, also angeblich familienfreundliche Massnahmen, die in Wirklichkeit jedoch keine sind, rechtzeitig zu enttarnen, liegt darin, laut aufzubegehren.“ Herman hat es mit ihrem Buch getan. Quelle: familyplatform
Herman, Eva. Das Prinzip Arche Noah. Pendo Verlag Zürich, geb. 244 Seiten
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