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Von guten bösen Mädchen

Frauen üben immer öfter gewalttätige Verbrechen aus, wie man sie bis vor wenigen Jahren nur von Männern kannte. Das könnte auch die Saat der gutgeredeten «bösen Mädchen» sein.

Rolf Urspruch

Eine 37-jährige Frau tötet ihr vier Monate altes Baby, indem sie es mehrfach mit dem Kopf auf die Treppenstufen schlägt. Frauen üben immer öfter gewalttätige Verbrechen aus, wie man sie bis vor wenigen Jahren nur von Männern kannte. Was hat es mit dem Bösen auf sich, das in solchen Taten deutlich wird? Wer hat den Begriff der «bösen Mädchen» schon mal gehört?

Aus Berlin kommt die deutsch-türkische Jugend-Band «Die bösen Mädchen». Im Zusammenhang mit diesem Bandprojekt werden auch politische Seminare für Jugendliche angeboten. Das Motto lautet: «Lasst uns gemeinsam Lachse sein – und gegen den Strom schwimmen ...» Hier steht der Begriff «böse Mädchen» für Menschen, die sich nicht treiben lassen, sondern für ihre Interessen einstehen.

Den Titel «Böse Mädchen» trägt auch eine Comedysendung des deutschen Fernsehsenders RTL, die am 12. Oktober 2007 erstmals ausgestrahlt wurde. «In der Sendung werden ahnungslose männliche Passanten von drei weiblichen Lockvögeln in skurrile Situationen gebracht.» In der Eigenwerbung des RTL heisst es über diese Sendung: «Eigentlich sehen die drei Mädchen ganz lieb aus, aber sie haben es faustdick hinter den Ohren (...) Sie wickeln die verblüffte Männerwelt um ihre Finger, locken sie in lustigen Kostümen in ihre Falle und nicht selten setzen sie ihr Gegenüber schachmatt.»

Noch eine Nuance schärfer fällt die Beschreibung des «bösen Mädchens» im Werbeauftritt einer Krankenversicherung im Internet aus. Im Werbetext wird eine fiktive Kundin angesprochen: «Hätten wir einen Moralapostel in unseren Reihen, Sie wären es mit Sicherheit nicht! Denn nichts und niemand kann Sie aufhalten, wenn es darum geht, etwas Aufregendes oder gar Verbotenes zu tun. Und erschüttern kann Sie erst recht nichts mehr, denn die Worte ‹brav› und ‹lieb› haben Sie bereits seit Ewigkeiten aus Ihrem Vokabular verbannt, und zwar für immer. Kurzum, Sie sind böse.»

Was schreibt Amélie Nathomb in ihrem Buch mit dem Titel «Böse Mädchen »? Über eine Protagonistin dieses Romans lesen wir in einer Buchbesprechung: «... Christa entpuppte sich als eine Schwindlerin und Intrigantin mit schauspielerischem Talent.» Demnach erscheint diese Frauengestalt in dem Roman als «die machtgierige, eingebildete und unverschämte Christa mit ihrem Drang nach Manipulieren und Verachtung der Menschen, (als) das klassische böse Mädchen.»
Der Begriff «böses Mädchen» umfasst also im öffentlichen Bewusstsein eine ganze Bandbreite von sich oft widersprechenden Definitionen. Es wird aber deutlich, dass der Begriff «böse» in der Vorstellung vieler Menschen eine Umdeutung erfahren hat. Vieles, was früher als böse galt, wird heute mit dem Prädikat «gut» ausgezeichnet, was durch den ironischen Gebrauch des Wortes böse ausgedrückt wird.

Breit bekannt wurde die Umwertung dieses Begriffes z. B. durch das Buch «Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin» von Ute Ehrhardt, das in den 90er Jahren erschienen ist. Es geht in diesem Buch um das Problem, dass Mädchen in unserer Gesellschaft oft so erzogen werden, dass sie spätestens als Erwachsene als brave Mädchen Männern gegenüber benachteiligt sind: «Unter dem Deckmäntelchen von Fürsorge und Liebe werden Mädchen sanft gefesselt. So machen sie die Erfahrung, dass es gut ist, Schutz zu suchen und sich in vertrauter Umgebung bei vertrauten Personen aufzuhalten.»
Frau Ehrhardts Buch enthält viele Ratschläge, um aus «braven Mädchen» «böse Mädchen» zu machen.

Lesen Sie den ganzen Artikel in factum 4/2008.

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