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Das Bild hat das letzte Wort
Elektronische Medien fluten unsere Sinne mit Bildern, täglich. Sie prägen den Seelenhaushalt bis ins Innerste und verändern den Sozialcharakter der Gesellschaft.
Thomas Lachenmaier
Früher war das Ecksofa das grösste Möbel eines typischen Wohnzimmers. Heute ist es immer häufiger der Flachbildschirm an der Wand. Ihm gilt die Beachtung. Ein Viertel der wach zugebrachten Tageszeit verbringt der durchschnittliche Deutsche vor dem Fernseher, fast vier Stunden täglich. Nach Abzug von acht Stunden Schlaf sind das mehr als eineinhalb Tage pro Woche. Bereits im Jahr 2005 betrug die Zeit, die ein durchschnittlicher Deutscher vor dem Fernseher verbrachte, zweieinhalb Monate im Jahr.
In einer Dokumentation der berlin-brandenburgischen Akademie der Wissenschaften heisst es anschaulich: «Die Massenmedien fluten unsere Sinne täglich.» Unsere heutige Welt ist ganz und gar eine über Medien wahrgenommene Welt geworden, eine Bildwelt. Das Leben von immer mehr Menschen gleitet zunehmend ab von einem Leben, das von der Realität geprägt ist, zu einem Leben, das die mediale Bilder- und Geschehenswelt für ein reales Gegenüber hält. Sich diesem bildmächtigen Medium so exzessiv auszusetzen, ist verhängnisvoll und beginnt immer früher. Der Leiter der psychiatrischen Universitätsklinik Ulm, der Hirnforscher Manfred Spitzer, berichtet in seinem Buch «Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft» (Klett Verlag) von Untersuchungen in den USA, wonach dort bereits Zweijährige täglich zwei Stunden vor einem Bildschirm zubringen.
Andrea Holler vom Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) stellte fest, dass 96 Prozent der vierjährigen Kinder bereits fernsehen.
Der Medien- und Organisationspsychologe Peter Winterhoff-Spurk hat ausgerechnet, dass in einem durchschnittlichen Leben 13 Jahre ununterbrochen ferngesehen werden. Es mag unglaublich klingen, und doch ist absehbar, dass sich diese Bildschirm-Dosis, die sich Menschen freiwillig zumuten, bald verdoppelt haben wird: Der Flut der Bilder steht die zunehmende Sucht nach Bildern gegenüber.
Die Hirnforscherin und Pharmakologin Susan Greenfield berichtet, dass Kinder in westlichen Ländern mittlerweile täglich sechs bis acht Stunden vor einem Display verbringen. «Keine andere Institution der postindustriellen Gesellschaft bringt so viele Menschen dazu, so lange zur gleichen Zeit dasselbe zu tun», formuliert Professor Winterhoff-Spurk betroffen. Er zitiert eine Studie amerikanischer Wissenschaftler und sagt: «Fernsehen ist der gewaltigste Lieferant sozialer Images und Botschaften, den es – historisch gesehen – je gab.»
Dass ein Medium, das von einer Mehrheit der Bevölkerung jeden Tag mehrere Stunden genutzt wird, auch das seelische Leben der Menschen und der Gesellschaft verändert, ist offenkundig. Den Einfluss des Fernsehens und des Computers auf die Menschen und ihre seelische Befindlichkeit beschreiben Soziologen, Hirnforscher und Medienwissenschaftler inzwischen als gravierend. Psychologe Winterhoff-Spurk betont, dass heute das Fernsehen die Massstäbe der Lebensgestaltung, der ethischen Werte, setzt. Er charakterisiert das Fernsehen denn auch als den «geheimen Erzieher» der Kinder- und Jugendlichen. Winterhoff-Spurk ermittelte, in welch drastischem Umfang die Gewaltdarstellung im Fernsehen zugenommen hat. Sogar in den Nachrichten hat sich im kommerziellen Kampf um die Quote die Zahl gewalthaltiger Darstellungen im Zeitraum von nur zehn Jahren verdoppelt.
Hirnforscher Manfred Spitzer konstatiert nach eigenen Forschungen und seiner Kenntnisse internationaler Studien, dass die Kinder dadurch verrohen. Als Folge der Berieselung mit tausendfachen Gewaltdarstellungen werden Jugendliche «mitleidsmüde» und abgestumpft und sehen die Welt negativ, was Peter Winterhoff-Spurk bestätigt. Spätere Gewalttätigkeit und Straffälligkeit korrelieren eng mit der Dosis des Fernsehkonsums.
Der Bildschirm übernimmt Funktionen, die früher von Gott und der biblischen Lehre wahrgenommen wurden, in allen Bereichen, «ob es sich nun um das richtige Sexual- oder Erziehungsverhalten, korrektes prosoziales (für die Gemeinschaft) Verhalten, angemessenes Konsumverhalten, politisches oder Gesundheits-Verhalten handelt». Das Fernsehen sage nicht nur, «was ist, sondern auch, und emotional getönt, was richtig und falsch ist», so Medienwissenschafter Winterhoff-Spurk. Der TV fungiere «als Diesseits-Religion», die den Charakter der Menschen präge.
Das geschieht nicht nur durch die unbewusste Übernahme von Leitbildern, von Werten und Lebensweisen, die etwa durch TV-Serien als «üblich» oder «richtig» dargestellt werden. Vielmehr wird der Mensch dadurch, dass er sich über einen grossen Teil seiner Zeit der Zweidimensionalität aussetzt – anstatt dem realen Leben – in seinem Innersten, in seinem Wesen verändert.
Dieser erschreckende Befund ist statistisch gut dokumentiert. Die in Oxford lehrende Professorin Susan Greenfield sagt, dass die Menschen als Folge dieses Verhaltens «weniger Empathie» haben und «rücksichtsloser, waghalsiger» werden. Ihr Sozialverhalten verschlechtert sich schnell und gründlich. Mit Blick auf die künftige Entwicklung sagt die Hirnforscherin: «Das wird eine ganz andere Welt sein.»
Der Medienwissenschaftler Peter Winterhoff-Spurk beschreibt die Auswirkungen der Fernsehdominanz auf die Menschen in ähnlicher Weise: «Die Gefühlskultur wandelt sich hin zum Oberflächlichen, Theatralischen, Sexualisierten, zur Selbstinszenierung mit ständigem Drang nach Aufregung. Gefühle werden lediglich dargestellt, aber nicht empfunden; der Trend geht hin zum ‹kalten Herz›.» Der exzessive Fernseh-Konsum schade der geistigen und seelischen Entwicklung des Menschen.
Als Folge des exzessiven TV-Konsums gerate die «Wir-Ich-Balance» der Gesellschaft aus den Fugen, sagt der Wissenschaftler. Die dominierenden Gewaltdarstellungen, auch in den Nachrichten, fördern – so Winterhoff-Spurk – «die Herausbildung eines zynischen und negativistischen Sozialcharakters».
Das Fernsehen beeinflusst den Seelenhaushalt nicht nur durch die Vermittlung von Werten negativ. Es hat zerstörerische Kraft, weil es die Menschen in einer Simulationswelt festhält – und dies über so lange Zeit. Wirklichkeit und Scheinwelt können immer weniger auseinander gehalten werden. Der Mensch vor dem Bildschirm kann immer weniger erkennen, dass sein Verhalten im realen Leben auch reale Folgen – für sich und für andere – hat. Er handelt mitleidloser und mit weniger Bedacht auf die Auswirkungen seines Handelns.
Eine gravierende Folge des exzessiven Zeitverbringens in der zweidimensionalen medialen Welt ist, dass die Häufigkeit sozialer Kontakte abnimmt. Professorin Susan Greenfield sagt, dass immer mehr Menschen «lieber per Display kommunizieren, als anderen tatsächlich im realen Leben zu begegnen».
In einem Interview mit der «Welt» formulierte Greenfield: «Es ist sehr traurig, dass erwachsene Menschen – meines Wissens zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte – alleine spielen.» Früher sei man zum Nachbarn gegangen, um Bridge zu spielen, «heute sind es Computerspiele, die mit ihrer Geschwindigkeit dem Einzelnen einen Kick geben».
Viele Menschen entwickeln so genannte «parasoziale Beziehungen» zu den Kunstfiguren des Fernsehens, als seien diese echte Menschen aus ihrem Bekanntenkreis. Sie ordnen Darsteller aus TV-Serien, Moderatoren und Prominente «irgendwo zwischen guten Freunden und Bekannten ein».
Zunehmend, so die Diagnose der vielfach geehrten Wissenschaftlerin, hätten wir es mit einer Gesellschaft zu tun, in der das Individuum zwar viele Glücksmomente vor dem Bildschirm hat, «aber letztlich keinen tieferen Sinn mehr erlebt».
Es gibt Hinweise, dass die Intelligenz durch häufiges Surfen im Internet und Computerspiel trainiert wird. Aber diese kognitiven Fähigkeiten werden als Folge des ständigen Aufenthalts in der zweidimensionalen Welt nicht genutzt, sagt Susan Greenfield. Die Menschen, um es etwas drastisch zu formulieren, verblöden sehenden Auges.
Das Gehirn trainiert nur das schnelle Abgleichen, Erkennen und Einordnen von Bildern, aber nicht die sinnhafte Vernetzung von Informationen. Es findet ein permanentes Reizgewitter statt, eine schnelle Abfolge isolierter Befriedigungen von Neugierde oder Interesse.
Hirnforscherin Greenfield verdeutlicht das Negative dieses Mechanismus durch einen Vergleich mit dem Lesen von Büchern: Rettet man in einem Computerspiel eine Prinzessin, dann bleibt diese dem Spieler letztlich gleichgültig. Beim Lesen in einem Buch identifiziert man sich hingegen mit den Personen. Susan Greenfield: «Ein Buch zu lesen ist wie eine Reise. Es gibt einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Wenn man viele Bücher liest, kann man die Geschichten zueinander in Beziehung setzen. So entstehen Bedeutungsgeflechte. Die Dinge lassen sich in einem Bezugssystem einordnen und ergeben einen Sinn.» Beim andauernden Leben in der Zweidimensionalität des Bildschirms werde das Gehirn nur «in einer recht abstrakten Weise genutzt».
Dem Direktor der Psychiatrischen Uniklinik Ulm, Manfred Spitzer, bereitet Sorge, dass die Gehirnentwicklung durch starken Fernsehkonsum letztlich beeinträchtigt wird. Das Vermögen zu denken, kann immer weniger angewendet werden, weil es keine Einbindung, Verortung im realen Leben findet. Die Untersuchungsergebnisse über die Folgen eines hohen Fernsehkonsums und die Auswirkungen auf Gehirn, Körper und Seele fasst er in seinem Buch plakativ so zusammen: «Elektronische Bildschirm-Medien – Fernsehen und Computer – machen dumm, dick und gewalttätig.» Das sind, so der Ulmer Klinikchef, die ungewollten Nebeneffekte einer beständig hohen Zeit-Dosis vor dem Bildschirm, die «Nebenwirkungen».
Am Bildschirm werden Informationen aufgenommen, aber Informationen sind noch kein Wissen. Wer noch im 20. Jahrhundert aufgewachsen sei, sagt Susan Greenfield, der könne das Internet effizient nutzen, weil er die Fähigkeit erworben habe, Fragen zu stellen, und weil er die Qualität der Antworten, die er im Internet findet, beurteilen kann. Jüngere Menschen verlieren durch das Übermass an Zeit vor dem Bildschirm aber den Bezug zur Wirklichkeit, sagt Greenfield: «Sie erkennen die Bedeutung der Dinge nicht mehr» – auch wenn ihr Intelligenzquotient relativ hoch ist. Die Hirnforscherin bringt die waghalsige Risikofreude der Investmentbanker, die eine gewisse Mitverantwortung für die Finanzkrise tragen, damit in Zusammenhang. Die junge Generation der Banker, mit dem Computer aufgewachsen, sei «sehr viel bereitwilliger, hohe Risiken einzugehen». Deren Psyche sei von der Bildschirmerfahrung so geprägt, dass das eigene Tun keine echten Konsequenzen habe. Es sei ihnen nicht mehr klar, dass es im richtigen Leben «so etwas wie Unumkehrbarkeit gibt», sagt die renommierte Hirnforscherin. Das Fernsehen untergräbt das Bewusstsein für Selbstverantwortung.
In der zweidimensionalen Welt gibt es zwar schnelle Bilder und Töne, so die Forscherin, «aber die Inhalte haben für den Konsumenten keine Signifikanz und tiefere Bedeutung». Das Übermass an Bildern und Detailinformationen, das durch Internet- und Fernseh-Zapping aufgenommen wird, ist in seiner Fülle nicht reflektierbar. Die Bilderflut der elektronischen Medien verändert das Verständnis der eigenen Rolle in der Gesellschaft und der Beziehung zu den Mitmenschen. Die Dominanz der künstlichen Bildwirklichkeit geht zu Lasten des Wortes und mit ihr geht eine Veränderung der Wahrnehmung und des Lebensgefühls einher. Professor Winterhoff-Spurk konstatiert mit Sorge, dass der hohe Fernsehkonsum in hohem Masse individuelle und gesellschaftliche Fehlentwicklungen verstärkt.
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