Kommentar: „Sakrileg“ ist ein Weckruf
In einer angeblich lesemüden Zeit kommt Dan Browns Roman «Sakrileg» dick und schwer daher und wird 50 Millionen Mal gekauft. Warum?
Rolf Höneisen
605 Seiten. In einer angeblich lesemüden Zeit kommt Dan Browns Roman «Sakrileg» dick und schwer daher und wird 50 Millionen Mal gekauft. Der Inhalt: Ein Krimi, eingebettet in eine Verschwörungstheorie, unterlegt mit realen Schauplätzen und historischen Rückblicken. Brown beansprucht nichts Geringeres als die Geschichte des Christentums neu zu schreiben. So kritisiert er vordergründig (und teils mit Recht) das Machtgebaren der katholischen Kirche. Weil er aber nicht zwischen menschlicher Institution und göttlicher Offenbarung unterscheidet, bekämpft «Sakrileg» letztlich den historisch-biblischen Jesus, sein Evangelium und die Bibel.
Fruchtbarer Boden Browns Thesen lassen sich sachlich gelassen widerlegen (siehe FACTUM-Report). Warum wurde «Sakrileg» trotzdem zum Bestseller? Weil seine antichristlichen, doch durchaus religiösen Thesen, auf fruchtbaren Boden in unserer nachchristlichen Gesellschaft fallen. Man hält generell nichts mehr von den alten Idealen. An deren Stelle werden eigene Theorien über die Welt und Gott zusammengestellt, mit Anleihen aus allen möglichen Kulturen und Religionen, gesteuert von der persönlichen Erfahrung. Dan Brown ist selbst ein Prototyp dieses Zeitgeistes. Die Frage: «Sind Sie Christ?» beanwortete er munter mit «Ja», bevor er diese klare Aussage gewunden relativierte.
Neue Spiritualität Die in unseren Tagen aufkommende Spiritualität verlangt nach Übersinnlichem, welches das Leben behaglicher und angenehmer macht, aber möglichst keine Forderungen stellt. Religion als Garnitur der Vernunft zum Ausgleich der Sinndefizite. Dieser Geist liefert Werken wie «Sakrileg» Millionen von Leserinnen und Lesern. Am Erfolg dieses Buches lässt sich ablesen, wonach breite Teile unserer Gesellschaft suchen.
Religiöser Zeitgeist Die neue Spiritualität folgt zwei Hauptsätzen, erstens: Wir glauben alle an den gleichen Gott; zweitens: Alle Religionen wollen dasselbe – nämlich dass wir gute Menschen sind. Ein Mensch wie ihn Audrey Tautou als Sophie Neveu im Film «The Da Vinci Code» verkörpert: Brav, zierlich und hellhäutig rein. Es ist dem Film zu verdanken, dass er die «Sakrileg»-Thesen erkennbar als Fiktion vermittelt. Wenn Professor Langdon (Tom Hanks) Sophie staunend anblickt und mit gefurchter Stirn und gekünstelter Stimme sagt: «Du bist die letzte Nachfahrin von Jesus Christus», spätestens dann platzt Browns Ansatz wie eine Seifenblase. Die Szene wirkt grotesk, geradezu lächerlich.
Christus im Zentrum Was ist der Kern des Christentums? Es ist die Botschaft von Schuld und Rettung. Es ist der Tod von Jesus Christus am Kreuz und seine Auferstehung. Es sind die Themen Umkehr und Wiedergeburt. Die ernsten Fragen um Schuld und Vergebung finden bei Dan Brown nicht statt. Das passt in unser Umfeld, wo uns die Gehirnforscher sagen, dass Straftäter nicht wählen konnten, sondern vom «Gefühlsgehirn» gesteuert zur Tat schreiten «mussten». Es wird bereits darüber diskutiert, ob Begriffe wie Schuld, Sühne oder Verantwortung aus dem Strafrecht gestrichen werden sollen.
Weckruf Der Erfolg von Browns Roman sollte uns Christen aufwecken. Es ist unsere Aufgabe zu zeigen, worum es im Christentum wirklich geht. Wir sollen den Glauben bekennen, verkündigen und leben. Die biblische Botschaft eckt an, ruft zur Entscheidung, ist eine Zumutung. Doch wir sind es unseren Mitmenschen schuldig, sie mit dem wahren Jesus zu konfrontieren. Sie sollen die Chance erhalten, von einem diffusen Suchen zu einer wirklich geistigen Erneuerung zu gelangen.
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