Der König von Narnia
Der Kinderbuch-Klassiker von C. S. Lewis läuft im Kino – und will nicht so richtig begeistern.
Rolf Höneisen
An alle Herr-der-Ringe-Fans: Geht nicht in diesen Film! Ihr kriegt weder Nervenkitzel noch Gänsehaut für eurer Geld. Da fliesst kein Blut, da fliegt kein Kopf und die Leichen sind alle versteinert. Die Story? Ist voraussehbar. „Narnia“ ist weder der bombastisch-fantastische „Herr der Ringe“ noch der postmoderne Billig-Zauberer „Harry Potter“. „Narnia“ hat zwar Anteile von beidem, ist aber über weite Strecken wunderbar altmodisches Disney-Kino mit zwei putzigen Bibern im Vordergrund. Regisseur Andrew Adamson hielt sich eng an die Kinderbuch-Vorlage des Autors.
Im Mittelpunkt stehen vier Kinder, die im England des Zweiten Weltkriegs in einem Kleiderschrank den Zugang zu einem magischen Paralleluniversum finden: der Wunderwelt von Narnia. Familienfilm? Nun – da sind eben noch die Dämonen aus der Höllenwelt der weissen Hexe Jadis, die geifernd lästern und spotten, als sich der Löwe Aslan aus freien Stücken und anstelle des Jungen Edmund auf den steinernen Altar schleifen und wehrlos töten lässt. Erwachsene sind als Kino-Begleitung durchaus erwünscht. So kann man nachher über die Fratzen der Grusel-Zentauren, Riesen und Faune mitreden.
Vor über 50 Jahren hat sich der englische Literat C. S. Lewis (1898–1963) „Narnia“ ausgedacht. Andere Lewis-Schriften wie „Dienstanweisungen für einen Unterteufel“ („The Screwtape Letters“) oder das apologetische Werk „Pardon, ich bin Christ“ („Mere Christianity“) sind unübertroffen brillant in der Darstellung der Grundlagen des christlichen Glaubens. Neben einem scharfen Verstand besass C. S. Lewis eine fantastische Vorstellungskraft, die er ebenfalls literarisch umsetzte.
Kritiker sind sich allerdings einig, dass die Fantasy-Literatur von Lewis nicht die Geschlossenheit der Tolkien-Werke besitzt. Hingegen enthält sie viele christliche Bezüge, die gerade in den „Chroniken von Narnia“ unüberlesbar sind.
Dabei war Lewis’ Ausgangspunkt bei „Narnia“ keine Botschaft, sondern Fantasie-Figuren: ein Faun (Mensch mit Ziegenfüssen), eine Königin mit Schlitten, ein prächtiger Löwe. Das christliche Element schob sich, so Lewis, erst später in die Narnia-Welt hinein. „Narnia“-Kenner Michael Stricker, Verfasser des Buches „Das Geheimnis von Narnia“ (CLV), ist aber überzeugt, dass die Vermittlung christlicher Lehre das eigentliche Anliegen von C. S. Lewis war: „Kinder sollen im Märchenland Aslan kennen und lieben lernen, damit sie auch in der richtigen Welt erkennen, wie stark und liebenswert Jesus ist. Selbst wenn jemand die Parallele nicht direkt erkennt, sollen ihm durch ‘Narnia’ die Werte und Charaktereigenschaften liebgemacht werden, die nötig sind, um an Jesus glauben zu können.“
Die Bezüge zur christlichen Botschaft sind im Film deutlich sichtbar. Was schreiben säkulare Filmkritiker? Heiko Rosner in „Cinema„: „Zwar sind die Narnia-Bücher eine wahre Spielwiese für Fantasy-Fans, doch unter der Oberfläche strotzen sie vor christlicher Symbolik und betulicher Pfadfinder-Romantik.“ Bei der Filmvorführung für Journalisten in Zürich wurde ebenfalls gespöttelt: „C. S. Lewis? Ist wohl am ehesten noch in kirchlichen Kreisen bekannt – aber die sind ja bekanntlich am Schrumpfen.“Und die Runde der kulturell so gebildeten Filmjournalisten lachte.
Blendet man die christlichen Bezüge aus, kippt „Narnia“ in die Banalität einer Fabel um Gut und Böse in einer verzauberten Welt. Dann funktioniert die Geschichte nicht mehr. Sie zerbricht in Bibelthemen, Rittergeschichten, griechischen Mythos, Märchenzauber, sprechende Tiere, Monster und Weihnachtsmann. „Herr der Ringe“-Autor und Lewis-Freund Tolkien soll den Band „Der König von Narnia“ vernichtender Kritik unterzogen haben. Grund: Die Geschichte enthalte zu viele verschiedene Mythen und Ideen nebeneinander. Wie hebt sich das Evangelium davon ab? Was ist Mythos, was ist Wahrheit? „Narnia“ bringt erst dem, der die christliche Allegorie sehen will, spannende Bilder.
Beeindruckend dargestellt sind die Gegenspieler Jadis (Tilda Swinton) und Aslan (Stimme von Liam Neeson). Die weisse Hexe Jadis ist die böse Herrscherin von Narnia. Sie hüllt das Paradies in ein eisiges Klima. Sowohl klimatisch wie gesellschaftlich klirrt alles vor Kälte. In Narnia weiss keiner, wem er trauen kann. Die Geheimpolizisten sind geifernde Wölfe. Jadis verführt Edmund mit Zuckerbrot, respektive türkischem Honig. Der Junge folgt seinem Bauch und gerät unter den Einfluss der Hexe. Um seine Gier weiter stillen zu können, verrät er seine Geschwister. Dann zeigt Jadis ihr wahres Gesicht und Edmund die Peitsche.
Die Figur der Jadis, welche die Verführung des Bösen in Lichtgestalt darstellt und bei der Fleischeslust des Menschen ansetzt, wirkt beklemmend. So funktioniert Sünde. Sie befriedigt auf Kosten von anderen, aber nur für den Moment. Ihr Ende ist die Verstrickung in Lügen und Abhängigkeit. Eine Filmszene wie gemacht für den Einstieg in einen Themenabend im christlichen Jugendclub.
Ähnliches ist zu sagen über den Christus-Typus Aslan, den Löwen („Sohn des grossen Königs jenseits der Meere“). Jadis verlangt von ihm den Verräter Edmund: „Sein Blut ist mein Eigentum.“ Aslan, der eigentliche Narnia-König, weiss um die Rechtmässigkeit ihrer Forderung. Der Sünder muss sterben. Aslan ist im Dilemma. Er löst es, indem er sich anstelle von Edmund selbst als Opfer anbietet. Das Herzstück des Evangeliums, das stellvertretende Opfer des Gottessohnes unter dem Gespött der Hölle, wird zusammen mit Aslans triumphaler Auferstehung im Film undiskutabel deutlich dargestellt. Allerdings wirkt der digital bewegte Stofflöwe im Film niemals so majestätisch, wie man sich Aslan aufgrund der Beschreibungen von C.S. Lewis in Gedanken ausmalte.
Ein drittes Allegorie-Beispiel: Die vier Pevensie-Kinder schliessen sich Aslan im Kampf um die Befreiung von Narnia an. Dazu werden sie mit Waffen ausgerüstet: Schwert, Schild, Pfeil, Bogen und Medizin. Doch wie geht man damit um? Sie müssen trainieren, um den Waffeneinsatz zu lernen. Diese Szenen erinnern an die biblische Aufforderung, die geistliche Waffenrüstung einzusetzen: „Zieht die ganze Waffenrüstung Gottes an, damit ihr standhalten könnt gegenüber den listigen Angriffen des Teufels“ (Eph. 6,11).
Trotzdem – auch christlich verbrämte Fantasy-Literatur wie „Narnia“ kann immer auch als fantasieschwangeres Märchen und Stoff für die Philosophielektion gelesen werden. Selbst Harry-Potter-Autorin Rowling soll die Narnia-Chroniken als eine ihrer Inspirationsquellen genannt haben.
Tilda Swinton, die im Film die weisse Hexe verkörpert, versteht Narnia rein philosophisch: „Jadis schuf Narnia als Reflexion ihres Geisteszustandes, eingefroren in einen ununterbrochenen Winter – kein Frühling, kein Weihnachten, kein Fortschritt, nichts Gutes. Ein ziemlich freudloser Ort, bis diese Kinder anfangen, das zu ändern.“
Das ist selbsterlöserischer Neuplatonismus. Als die Schauspielerin Anna Popplewell – sie spielt die Figur der Susan im Film – in einem Interview darauf hingewiesen wurde, dass Aslan Jesus darstelle und ob sie dies auch so verstehe, antwortete sie: „Ich las die Bücher als gewöhnliche Geschichten. Was sie über menschliche Beziehungen aussagen, kann verschieden interpretiert werden, so wie jedes Buch ein Stück Literatur ist, das offen ist für andere Interpretationen. Der Film ist eine Adaption dieses Stückes Literatur und ebenso offen für Interpretationen. So wie Menschen das Buch auf verschiedene Art und Weise lesen können, werden sie den Film unterschiedlich verstehen. Diejenigen, welche die christliche Symbolik suchen, werden sie finden. Und diejenigen, welche nicht damit konfrontiert werden wollen, werden nicht damit konfrontiert werden. Für mich persönlich ist es eine echte Geschichte über menschliche Beziehungen.“
Die Stärke des Fantasy-Stils ist gleichzeitig seine Schwäche. Die Bilder sind verschieden interpretierbar, sie treffen nicht immer und stiften gerade in Literatur mit christlichem Anspruch Verwirrung. Bei C. S. Lewis wird der Weg der Erlösung in manchem seiner Werke diffus: Vertritt Lewis Allversöhnung, Selbsterlösung oder Rettung aus Gnade durch Glauben? Im siebten Chronik-Band „Der letzte Kampf“ lässt Lewis Lord Digory sagen: „(...) Ihr findet das alles schon bei dem Philosophen Platon, alles steht schon bei Platon (...)“ Also gar nicht in der Bibel?
Platon (427–367 v. Chr.) lehrte, unsere Wirklichkeit werde durch unsere Ideen gebildet. Für Platon ist die Idee des Guten das Höchste. Die materielle Welt ist nur das unvollkommene Abbild unserer Vorstellung. Platons „Höhlengleichnis“ aus dem siebten Buch der „Politeia“ („Der Staat“) ist der utopische Entwurf einer besseren Gesellschaftsordnung. Sokrates erklärt die Idee des Guten seinem Diskussionspartner Glaukon. Die beiden reden über Menschen, die in einer unterirdischen Behausung eingesperrt sind. Sie sind von Geburt an gefesselt. Hinter den Gefesselten steht eine Mauer. Darüber brennt ein Feuer. Hinter der Mauer tragen Menschen Gegenstände hin und her, manche sprechen dabei. Die Gefangenen bekommen nichts mit ausser den Geräuschen, den Stimmen und dem Schattenspiel an der Höhlenwand. In der Höhle gibt es auch einen Zugang zum Licht, der über einen steilen Aufstieg zu erreichen ist.
Sokrates und Glaukon fragen sich: Was würde passieren, wenn einer der Gefesselten befreit wird, sich in der Höhle umsieht, ins Feuer guckt, durch den Ausgang ins Licht tritt und mit einer fremden Realität konfrontiert wird? Würde er die neue Wirklichkeit als die ursprüngliche anerkennen, oder bliebe die Schattenwelt der Höhle die Wirklichkeit? Oder umgekehrt: Würde der Befreite an die Schattenwelt zurückdenken und könnte er sich bei einer Rückkehr wieder dort einleben? Platon-Interpret Sautet: „Das menschliche Dasein ist so beschaffen, dass die meisten Menschen die Höhle niemals verlassen werden.“ (in: M. Sautet, Ein Café für Sokrates. Philosophie für jedermann, Düsseldorf/Zürich 1999).
Nach Platon merken die meisten Menschen nicht, dass sie im Reich der Schatten leben, weil sie sich den körperlichen Bedürfnissen unterwerfen. Die Menschen meinen, sie könnten Lust und Gier befriedigen, wenn sie die Macht hätten, sich selbst zu regieren. Doch so hält sich das Volk selbst gefangen. Sautet: „Während es frei zu sein wähnt, ist es mehr denn je Gefangener der Verhältnisse …“
Als Ausweg verkündet Platon den Idealismus, das Streben nach Güte, Schönheit und Wahrheit. Er ersetzt Gott mit der Idee des Guten. Entsprechend erfolgt die „Erlösung“ in Platons Weltbild über den Ausbruch aus der nur scheinbaren Höhlenrealität und die Hinwendung zum Guten.
Schon früh wurden platonische Ideen christlich interpretiert. C. S. Lewis tat dasselbe in den Narnia-Chroniken. Douglas Gresham, Co-Produzent des Films, einer der beiden Stiefsöhne von Lewis und mit Sicherheit einer der besten Kenner seiner Werke, sagt ganz offen, was viele Christen gerne überhören: „Jack (C. S. Lewis) war durchdrungen von seinem Glauben, aber er wollte mit Narnia kein christliches Buch schreiben.“
Fantasy-Literatur bleibt eben, was sie ist: Fantasie, man darf sie nicht überhöhen. Die Verquickung mit der biblischen Wahrheit ist anfällig und sensibel. Ein deutliches Beispiel dafür, wie sich C. S. Lewis in philosophischem Gedankengut verirrte, findet sich im letzten Band der Narnia-Chroniken.
Ein Kalormene, an sich ein Anhänger des Aslan-Gegners Tash, erzählt von seiner Begegnung mit Aslan:
„Da fiel ich vor ihm nieder und dachte, das ist meine Todesstunde, denn der Löwe – der aller Ehren würdig ist – wird schon wissen, dass ich immer Tash gedient habe und nicht ihm. Aber ist es nicht besser, den Löwen zu sehen und dann zu sterben, als der Tisroc der Welt zu sein und zu leben, ohne ihn zu sehen? Der Ruhmreiche beugte sein goldenes Haupt, berührte meine Stirn mit der Zunge und sagte: ‘Sohn, sei mir willkommen!’ Aber ich erwiderte Aslan: ‘Du Gewaltiger, ich bin nicht dein Sohn, sondern ein Diener des Tash! Er antwortete: ‘Kind, allen Dienst, den du Tash geleistet hast, rechne ich dir als Dienst an, der mir galt.’ Da überwand ich meine Furcht, weil ich nach Weisheit und Verstehen dürstete, und ich fragte den Ruhmreichen: ‘Herr, ist es denn wahr, wie der Affe sagte, dass du und Tash eins sind?’ Da brüllte der Löwe, so dass die Erde bebte – aber sein Zorn galt nicht mir –, und er sagte: ‘Das ist falsch. Nicht weil Tash und ich eins sind, sondern weil wir Gegenspieler sind, nehme ich die Dienste, die du ihm geleistet hast, für mich an. Wenn jemand bei Tash schwört und hält seinen Eid um des Eides willen, so hat er wahr geschworen, obgleich er es nicht weiss, und ich belohne ihn dafür. Wenn jemand in meinem Namen etwas Grausames tut, dann dient er, obwohl er den Namen Aslan nennt, doch dem Tash, und Tash nimmt seine Tat an. Verstehst du das, mein Sohn?“ (aus: C. S: Lewis, Der letzte Kampf, 5. Aufl., Moers).
Das ist Gnadenlehre im Kontext der platonischen Philosophie. Es ist eine sanfte Umdeutung des Evangeliums. Im Zentrum stehen nicht mehr die Offenbarung und das Werk Gottes, nicht mehr Schuld, Reue und Vergebung, sondern die menschliche Aufrichtigkeit hinter einem Gedanken, egal ob der gut oder böse ausgerichtet ist, Hauptsache, er ist ehrlich. Das genügt und Aslan erklärt den unterwürfigen Kalomere zum „Geliebten“. – Das Evangelium spricht eine andere Sprache.
Hollywood muss überzeugt sein, dass der Altvater der christlichen Philosophen, C. S. Lewis, wieder höchst aktuell ist. Warum? Christopher Mitchel (Wheaton College) hat eine pragmatische Erklärung: „Der Film ‘The Passion’ zeigte, dass sich religiöse Themen verkaufen lassen, und Tolkiens ‘Herr der Ringe’ liess erfahren, dass sich Fantasy gut verkauft. Also war die Frage: Wer bringt diese beiden Themen zusammen? Das ist Lewis.“
Dass C. S. Lewis’ Fantasy-Literatur (nicht seine apologetischen Werke) von neuem populär wird, hängt mit dem Zeitgeist zusammen. Im Postmodernismus sind die schmalen Berührungspunkte zwischen der physischen und der geistigen Welt von Interesse. Auch der Dalai Lama profitiert davon und wird als Geistverständiger zu Hirnsymposien eingeladen. Mit dem Mittel der Fantasyliteratur lassen sich Lebenszusammenhänge auf eine Art und Weise erklären, wie es mit rationalen Erklärungen nicht möglich ist. Fime wie „The Matrix“, „Herr der Ringe“, „Star Wars“, „Harry Potter“ und jetzt auch „Narnia“ bieten solche Mythen.
„Jucken“ uns schon die Ohren nach Fabeln und Mythen (vgl. 2. Tim. 4,3 und 4)? Braucht die Wahrheit Fantasy? Es ist der ausgesprochene Wille Gottes, dass Menschen die Wahrheit erkennen, die sie in die Freiheit führen wird. Die Wahrheit ist eine Person: Jesus Christus. Er steht im Zentrum der göttlichen Offenbarung: „Denn er (Gott) will, dass alle Menschen gerettet werden und dass sie die Wahrheit erkennen. Es gibt nämlich nur einen Gott, und es gibt auch nur einen Vermittler zwischen Gott und den Menschen – den, der selbst ein Mensch geworden ist, Jesus Christus. Er hat sein Leben als Lösegeld für alle gegeben und hat damit zu der von Gott bestimmten Zeit den Beweis erbracht, dass Gott alle retten will“ (1. Tim. 2,4 und 5).
Für wen ist der Film „Narnia“ sehenswert? Für alle, die bereit sind, Lewis’ Bilderwelt mit der Botschaft des Evangeliums zu füllen. Wer nur nach den neuesten Showeffekten und halsbrecherischen Mega-Stunts giert, für den ist Narnia ki-ki-la: kindisch-kitschig-langweilig oder einfach nur ein Märchen.
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