There will be blood: Ein antichristlicher Film?
Weshalb bezeichnet der bekantne US-Filmkritiker Ted Baehr "There will be blood" als einen der antichrisltichesen Filme des Jahres?
Rolf Höneisen
Es fällt wirklich nicht leicht, diesen Film auszuhalten. Ted Baehr, der bekannte christliche US-Filmkritiker (www.movieguide.org), schaffte es kaum. «There will be blood» sei einer der antichristlichsten Filme des Jahres. Er sei abstossend, nicht allein wegen des «bösartigen, sinnlosen Angriffs auf Jesus Christus und seine Nachfolger, sondern auch deshalb, weil Daniel Day-Lewis so hervorragend spielt». Dagegen spiele Paul Dano, als sein Gegenpart, den «jämmerlichen Prediger Eli schwach und unglaubwürdig». In diesem Film überragt der Böse. Stimmt. Aber vor allem deshalb, weil es keinen «Guten» gibt.
Regisseur und Drehbuchautor Paul Thomas Anderson schuf, inspiriert von Upton Sinclairs Roman «Oil!» aus dem Jahr 1927, einen bildgewaltigen Streifen über den Beginn des Ölbooms in Kalifornien anfangs des 20. Jahrhunderts. Der fast stumme, knapp halbstündige Filmauftakt zeigt die karge Landschaft, in der Daniel Plainview (Daniel Day-Lewis) nach Bodenschätzen gräbt. Mehrere Meter unter der Erde schlägt er seinen Pickel gegen das Funken schlagende Gestein. Der Abstieg in die dunkle Grube, in der er letztlich auf Öl stösst, ist kein Weg zum Glück, sondern der Auftakt seiner Höllenfahrt.
Der Filmtitel «There will be blood» (Es wird Blut sein) ist eine Ellipse. Sie entstammt dem Alten Testament, genauer der Ankündigung der ersten biblischen Plage: «Es wird Blut sein im ganzen Land Ägypten» (2. Mose 7,20). Die Drehbuchautoren liessen sich noch von einer weiteren biblischen Szene inspirieren – von Mose, der als Baby in einem Korb ausgesetzt wird, damit er überleben kann.
Daniel Plainview kommt auf ähnliche Weise zu einem Sohn. Bei Bohrarbeiten wird ein Mann erschlagen. Daniel nimmt dessen Kind, das in einer Kiste verlassen neben dem Bohrloch liegt, zu sich. Später wird er ihm Whisky in die Milch schütten. Was nach einem Akt des Mitgefühls aussieht, entpuppt sich als schamlos berechnend. Plainview nimmt seinen Ziehsohn H. W. (Dillon Freasier) immer mit zu schwierigen Verhandlungen. Damit verleiht er sich den Anstrich der Fürsorglichkeit.
Doch der «Ölmann» ist härter und undurchdringlicher als der Felsboden, den er durchbohrt. Die Gier lässt ihn schuften, macht ihn rücksichtslos, in allem berechnend – mit verheerender Wirkung. Er sagt offen: «Ich will nicht, dass ein anderer Erfolg hat.»
Im Ort Little Boston findet er Öl. Zur richtigen Zeit. Die Industrialisierung setzt ein und verlangt nach dem schwarzen Gold. Das abseits gelegene Tal weiss noch nichts davon. Treffend beschreibt Claudius Seidl in der FAZ: «Die Geschichte ist hier noch nicht angekommen. Es sind die letzten Tage der Vorzeit. Noch ist das Gesetz nicht an der Herrschaft, noch sind die Institutionen nicht etabliert. Noch werden die Konflikte direkt ausgetragen und Geschäfte ohne einen Notar gemacht. Und wenn einer etwas Böses tut, ist das hier keine Straftat. Sondern eine Sünde.»
Während Plainview Gott leugnet, schart der blutjunge Prediger Eli Sunday (Paul Dano) immer mehr Farmer um sich. Eli wird zu Daniels Gegner. Der akzeptiert ihn nicht als Dorfpastor und demütigt ihn öffentlich. Hier beginnt das Drama.
Während Eli im Alltag teenagerhaft wirkt und nur leise und sanft spricht, ist der Prediger vor seiner Gemeinde namens «Kirche der Dritten Offenbarung» wie verwandelt. Mit dem Anspruch, prophetisch begabt zu sein und Krankheiten heilen zu können, donnert er seine Eingebungen in die Menge. Die ist völlig auf ihn fixiert und erkennt das manipulative Machtgehabe in Elis narzisstischen Auftritten nicht. Schliesslich fordert Eli von Daniel 10000 Dollar für den Bau einer neuen Kirche und Beteiligung am Ölertrag. Kirchturm und Bohrturm wachsen um die Wette.
Bei einer Explosion im Bohrloch verliert Daniels Zögling H. W. das Gehör. Von da an ist der behinderte Junge bei seinem Ziehvater abgeschrieben. «Hast du nicht den Heiligen Geist? Dann heile meinen Sohn!», schreit Daniel Heilungsprediger Sunday an. Doch der vermag nicht zu helfen. Zerrissen zwischen Glaube und Machtgier geht er zu Hause auf seinen betagten Vater los, dem er Tatenlosigkeit und Dummheit in den Landverhandlungen vorwirft. Vom Gebot, die Eltern zu ehren, scheint Eli noch nie etwas gehört zu haben.
Die – aus christlicher Sicht – schlimmste Szene ist wohl die «Bekehrung» und die «Taufe» von Daniel Plainview. Der braucht zusätzliches Land, um eine Pipeline von Little Boston bis zur Küste bauen zu können. Ein Landbesitzer weist Daniel, der inzwischen seinen Sohn verstossen und einen Mann erschlagen hat, auf die Vergebung durch Jesus hin. Es gehe darum, dass er «im Blut des Lammes gewaschen» werde, zur Vergebung seiner Sünde.
So geht Daniel zur Kirche. Auf Elis Aufruf hin («Sucht hier ein Sünder nach Erlösung?») geht er nach vorn. Der Prediger sieht seine Stunde der Rache gekommen. Er drückt Daniel auf die Knie und schlägt ihm das neue Leben förmlich ins Gesicht. Daniel macht das alles mit, um sein Ziel, den Bau der Pipeline, zu erreichen. Daran ändert auch das ihm über den Kopf gekippte Taufwasser nichts. Die Sünde in den Herzen dieser Menschen übt weiter ihre zerstörerische Macht aus und gebiert Verrat, Rache, Tod. Die Gnade Gottes, sichtbar am stellvertretenden Tod des Erlösers, haben weder der Ölmann noch der Prediger begriffen. Der Film gehorcht seinem Titel und endet schliesslich im blutigen Desaster.
Es ist diese falsche Darstellung des Evangeliums und christusgläubiger Menschen, die den US-Filmkritiker Ted Baehr auf die Palme bringen. Ein machthungriger Prediger mit Milchgesicht, der sein eigenes Reich baut und am Ende sogar Gott verleugnet, dazu Gläubige, die alles mitmachen, als seien sie die Geschwister ihrer Schafe, die sie auf den Feldern hüten. Nichts, aber auch gar nichts Positives scheint der Gottesglaube zu bewirken – zumindest in diesem Film! Die gezeigte Glaubenspraxis lässt nur einen Schluss zu: Finger weg von bibelgläubigen Dummköpfen und Heuchlern! Dass sich Ted Baehr darüber aufregt, ist nachvollziehbar.
Anderseits ist Selbstkritik durchaus angebracht. So ganz aus der Luft gegriffen ist Prediger Eli Sunday nicht! Der Schauspieler Paul Dano sagt über die von ihm gespielte Figur: «Eli liebt die Sprache, spielt mit ihr und manipuliert dadurch Menschen. Dazu kam, dass sich die Dialoge des Regisseurs und die Recherche, die ich angestellt hatte, nahtlos ergänzten. Regisseur Anderson traf genau die Stimmung, die ich beim Studieren einiger dieser schillernden Predigerfiguren und der Bibelpassagen, die sie bevorzugt verwenden, spürte.»
Ted Baehr hat Recht: Dieser Film ist ohne innere Standfestigkeit unverdaulich.
Quelle: (c) factum 2/2008
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