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Keine zwei Minuten

Der Dokumentarfilm «Tsahal» über die israelische Armee hilft zum Verständnis der israelischen Wirklichkeit.

Thomas Lachenmaier

Der französische Regisseur Claude Lanzmann hat sein Renomee mit Dokumentarfilmen begründet, die ihre Eindrücklichkeit ganz dem gesprochenen Wort verdanken. Er dokumentiert ein Geschehen, indem er Menschen befragt. Er verzichtet vollkommen auf künstliche Mittel – wie etwa Musik – wie das heute auch bei Dokumentarfilmen üblich ist. Spannung oder Dramatik haben seine Filme dennoch. Sein epochales Werk «Shoa» von 1985, Interviews mit Überlebenden des Holocaust, wird gerade durch den Verzicht auf alles Dramaturgische zu einem Film von grossem dokumentarischen und zeitgeschichtlichen Wert.

Jetzt ist sein eindrücklicher Film von 1994 über die israelische Armee, «Tsahal» (Abkürzung für «Tsava Haganah LeIsrael», Armee zur Verteidigung Israels) auf DVD erhältlich und findet in der überregionalen Presse zu Recht erneute Beachtung. Das liegt an der herausragenden Qualität dieses Films und auch an der Bedeutung, die er gerade heute hat.

Auch in «Tsahal» porträtiert Lanzmann den Gegenstand seines Interesses ausschliesslich über Interviews, immer wieder ist der Ton mit Bildern vom militärischen Alltag unterlegt. Die Gespräche mit Soldaten führen die Geschichte dieser Armee und damit auch die Geschichte des neuen Israel anschaulich vor Augen. Die ungemein spannende Dokumentation hilft sehr zum Verständnis des israelischen Staates und ist gerade vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Bedrohung des jüdischen Volkes hochaktuell.

In kaum einem anderen filmischen Dokument wird die existentielle und tägliche Gefährdung, mit der Israel konfrontiert ist, so deutlich wie hier. Der Film beginnt mit einem erschütternden Tondokument vom 6. Oktober 1973, als unter der Führung Ägyptens zehn arabische Nationen Israel aus heiterem Himmel angriffen – an Jom Kippur, dem höchsten israelischen Feiertag, an dem es um Umkehr und Versöhnung geht und an dem das öffentliche Leben weitgehend ruht. Am Suezkanal waren israelische Bunkerstellungen eingeschlossen, der junge Avi Jaffe hatte den Funkverkehr aus einem benachbarten Unterstand mit seinem Tonband mitgeschnitten. Er wurde von den Ägyptern eingenommen. Die Soldaten wurden getötet.

Die Einheit des damaligen Oberstleutnant Zvika Greengold hatte am 6. Oktober 110 Panzer, erinnert er sich. Drei Tage später waren davon gerade noch «25 oder 27» übrig. Yuval Neria, Oberstleutnant der Reserve, berichtet davon, dass er damals fast alle seine Freunde und Altersgenossen verlor.

Yanush Ben-Gal, der ohne seine Eltern aufwachsen musste, die im Holocaust ermordet wurden, berichtet von seiner traurigen Kindheit und dann von seinen Erlebnissen in diesem Krieg. Innerhalb weniger Tage wurde seine Panzereinheit vernichtet. Claude Lanzmann erinnert daran, dass gerade einmal 29 Jahre zwischen der Vergasung von 400 000 Juden in Auschwitz 1944 und dem blutigen Oktoberkrieg liegen, der Israel an den Rand seiner Zerstörung brachte. Dass Israel 1973 nicht ausgelöscht wurde, ist ein Wunder.

«Vor dem Krieg glaubte ich, es sei eine unumstössliche Tatsache, dass Israel existiert. Eine Tatsache, die durch nichts zu zerstören oder zu verletzen sei. Der Jom-Kippur-Krieg machte mir klar, dass das nicht stimmt», sagt Zvika Greengold. Das Bewusstsein, von Vernichtung bedroht zu sein, ist deutlich ausgeprägt. Es ist das Bewusstsein, erneut mit Vernichtungswillen konfrontiert zu sein und diesmal – beim Sieg der Gegenseite – ausgelöscht zu werden. Israel ist das einzige Land auf der ganzen Welt, dem ganz offen Vernichtung angedroht wird. Anderen Ländern droht allenfalls Eroberung.

Der Film macht klar, dass das Bedrohungsgefühl der Israelis keine Marotte ist, sondern einer sehr harten Wirklichkeit entspricht. Die Erfahrung des Vergangenen zeigt – wie auch die Gegenwart des israelischen Staates –, wie ernst man eine Vernichtungsdrohung nehmen muss. In diesem Film sprechen Menschen ohne Hass, aber sie sprechen auch von der Notwendigkeit, sich zu verteidigen. Die Friedenssehnsucht der Soldaten ist mit Händen zu greifen. Claude Lanzmann sagt: «Der Holocaust war nicht nur ein Massaker an Unschuldigen, sondern ein Massaker an Gewaltlosen.» Er sagt auch: «Ohne die ‹Tsahal› hätte sich die Frage nach dem Frieden zwischen Israel und seinen ehemaligen Feinden niemals gestellt: Israel würde nicht mehr existieren.»

Diese existentielle Gefährdung besteht nicht nur theoretisch. Das Land ist winzig. Ein Jet überfliegt Israel in weniger als zwei Minuten. Der Gegner steht direkt an der Grenze. Er steht dort nicht, um das Land einzunehmen, sondern um es zu zerstören. Ein verlorener Krieg würde das Ende Israels bedeuten. Eine der Stimmen im Film zieht den Vergleich zur Situation anderer Länder: «Die Engländer kämpften auf der anderen Seite des Atlantiks um die Falklandinseln, die Amerikaner auf einem fernen Kontinent, in Vietnam. Wir kämpfen an der Grenze des Landes.»

Ausgerechnet vom jüdischen Volk, das beinahe vollkommen ausgelöscht worden wäre, erwartet mancher Europäer eine pazifistische Haltung – stellt aber als Franzose sowenig seine «Force de frappe» in Frage wie als Deutscher seine «Bundeswehr» oder als Schweizer seine Schweizer Armee.

Claude Lanzmanns Film ist eine Antwort auf diese Haltung. Sein Film «Tsahal» verhalte sich zu seinem Film «Shoa» wie das Echo zum Schall, sagte er einmal. Die politische Legitimation der israelischen Verteidigungsarmee gründet sich, wie die keiner anderen Armee, auf einer realen Erfahrung und auf einer realistischen Bewertung.

In Israel, in der jüdischen Tradition, gebe es eine starke Sensibilität für das Leben, sagt einer der im Film Interviewten. Und er begründet, warum es nicht in Widerspruch dazu steht, eine Verteidigungsarmee zu haben – und, wenn man angegriffen wird, zum Gegenangriff anzusetzen. Das machten die Israelis im Jom-Kippur-Krieg mit dem Mut der Verzweifelten. Man kann nur mit Verwunderung registrieren, dass die militärisch haushoch überlegenen Ägypter und die Streitmächte an ihrer Seite daraufhin völlig die Kontrolle über ihr Handeln verloren.

Die Bedeutung, die in Israel dem einzelnen menschlichen Leben beigemessen wird, kommt in dem Gespräch mit Israel Tal zum Ausdruck, dem Chef des Entwicklungsteams für den israelischen Merkava-Panzer. Wortreich schildert er, dass dieser Tank gängige Konstruk­tionsprinzipien des Panzerbaus über den Haufen warf, weil dem Schutz der Insassen höchste Priorität beigemessen wurde.

Mit der Geschichte der Entwicklung des Merkava-Panzers schildert der Film auch, wie Israel schon damals von den westlichen Ländern diskriminiert wurde. Niemand sah ein Problem darin, an die arabischen Diktaturen Panzer zu verkaufen. Nur an Israel verkauften weder die Amerikaner noch die Briten oder die Deutschen Panzer. Aber – auch hier – wurde aus dem Nachteil letztlich ein Vorteil: Die Israelis entwickelten den leistungsfähigen Merkava.

Es erstaunt, mit welcher Freimütigkeit einfache Rekruten wie hohe Militärs über ihre Erlebnisse sprechen, über Nahtod-Erlebnisse ebenso wie über militärische Interna. Das gilt auch für den späteren Ministerpräsidenten Ehud Barak, damals im Rang eines Generalleutnants, und für Ariel Sharon, damals Generalmajor.

In Lanzmanns Dokumentation kommen auch prominente Vertreter der israelischen Friedensbewegung zu Wort, die immer sehr für die palästinensische Sache argumentieren – so etwa der Rechtsanwalt Avigdor Feldmann, die Schriftsteller Amos Oz und David Grossmann. Jahre nach der Produktion des Films musste auch David Grossmann die Erfahrung machen, die bereits so viele Israelis machen mussten. Sein Sohn Uri starb am 12. August 2006, zwei Tage vor dem Ende des letzten Libanonkrieges, mit gerade einmal 20 Jahren. In einer Trauerrede formulierte David Grossmann das individuelle Erleben, das auch eine universelle Realität für viele Israelis ist: «Wir werden nicht mehr deine feste, Halt gebende Umarmung spüren. Und nein, wir werden dich nicht mehr lebhaft gestikulierend mit Jonathan [dem Bruder] gehen und reden oder deine heiss geliebte [jüngere] Schwester Ruthi lebhaft umarmen sehen.»

«Tsahal», 1994, 2 DVD, 290 Minuten, Regie: Claude Lanzmann, inkl. Interview mit Verteidigungsminister Ehud Barak im Jahr 2008, 40 Minuten. 2009 Bavaria Media GmbH. Im Vertrieb von Filmverlag www.­absolutmedien.de

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