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Wenn die Eingeweide wallen

Der Mensch fällt seine Entscheidungen längst nicht nur mit dem Kopf, sondern genauso «aus dem Bauch heraus».

von Werner Tietze

«Den ganzen Tag erzählt der Bauch dem Kopf Geschichten», so heisst es in einem Artikel in der Zeitschrift «Geo». Und weiter: «Seit Urzeiten sehen die Menschen den Sitz für Gefühl und Gesundheit, Emotion und Intuition, Wohlbehagen und Leidenschaft in der Mitte ihres Körpers.» Die deutschen Bibelübersetzungen bringen diesen Umstand nicht immer deutlich zum Ausdruck, weil sie aus den Wörtern «in den Eingeweiden bewegt» z. B. «innerlich bewegt» machten. Doch eine wörtliche Übersetzung macht es klar: Der aktuelle Bericht aus der Forschung sagt lediglich, was die Bibel schon seit eh und je beschreibt.

Als Joseph seinen Bruder Benjamin sah, «wurden seine Eingeweide warm», heisst es wörtlich. Die Übersetzungen sagen: Sein Innerstes wurde erregt – sein Herz entbrannte. An anderen Stellen wird dieses Wort racham (Bauch, Eingeweide) mit Barmherzigkeit oder Erbarmen übersetzt (2. Sam. 24,14; 1. Kön. 8,50; Neh. 1,11; 9,19; Psalm 25,6; 40,11; 51,3; Jes. 54,7; 63,7, Dan. 9,18; Hos. 2,21 u. a.). Das dazugehörige Verb wird übersetzt mit «erbarmen», «herzlich lieb haben» (Ps. 18,2).

Mitunter wird auch wörtlich übersetzt: «Meine Eingeweide sieden und hören nicht auf; mich hat überfallen die elende Zeit» oder: «Meine Eingeweide wallen und ruhen nicht; Tage des Elends sind mir entgegengetreten» (Hiob 30,27). Die Braut im Hohelied sagte, als ihr Freund vor der Tür war: «Mein Innerstes erzitterte – es geriet mein Herz in Wallung» (wörtlich: «meine Eingeweide rasten, tobten»). Jer. 4,19 ist in der Elberfelder-Bibel wörtlich übersetzt: «Meine Eingeweide, meine Eingeweide! Mir ist angst! Die Wände meines Herzens! Es tobt in mir mein Herz!» Luther hingegen umschreibt: «Wie ist mir so herzlich weh. Mein Herz pocht mir im Leibe und habe keine Ruhe.»

Auch in Klagelieder 1,20 übersetzt die Elberfelder wörtlich: «Wie ist mir angst! Meine Eingeweide wallen, mein Herz wendet sich um in meinem Innern.» Luther formulierte: «Ach Herr, siehe doch, wie bange ist mir, dass mir’s im Leibe davon weh tut! Mein Herz wallt mir in meinem Leibe.»

Aufgrund neuerer Forschungen gibt die Wissenschaft der Bibel Recht. Ein Bericht in «Geo» von November 2000 beschreibt aktuelle Forschungsergebnisse: «In unserem Bauch ist ein Gehirn. Zwischen Kopf- und Bauchhirn besteht eine verblüffende zellbiologische Gleichheit. Und wie die Zentrale im Schädel ist auch das Bauchhirn ein Meister der feinen Manipulation. Es ist eine Quelle für psychoaktive Substanzen, etwa Dopamin oder Opiate, die starken Einfluss auf das Denkorgan oben und auf unsere Psyche haben. Das ‘Bauchhirn’ produziert Nervenbotenstoffe und reagiert auf Psycho-Drogen. Es arbeitet autonom und sendet viel mehr Signale zum Kopfhirn, als es von dort empfängt. Es kann erkranken und eigene Neurosen entwickeln. Es fühlt, denkt und erinnert sich – und es lässt uns intuitiv ‘aus dem Bauch heraus’ entscheiden.»

«Geo» beschreibt weiter, dass die Eingeweide umhüllt sind von mehr als 100 Millionen Nervenzellen. Das sind mehr Neuronen als im gesamten Rückenmark zu finden sind. Zelltypen, Wirkstoffe und Rezeptoren sind in den Eingeweiden und im Gehirn exakt gleich. Daraus schliesst «Geo» auf eine «Verbindung von Seele und dem Bauch-Hirn». Der Sitz der Gefühle liege im Zentrum des Körpers: «Dort, wo Aufregung ‘Schmetterlinge flattern’ lässt und Freude und Glück ‘leise kribbeln’, wo das Übel der Überforderung sich offenbart, wo Anspannung ‘auf den Darm drückt’, wo Ärger ‘auf den Magen schlägt’, wo Angst ein Beben erzeugt und Ekel sich bis zum Erbrechen steigert.»

An vielen Stellen berichtet die Heilige Schrift, wie Menschen von Gefühlen im Bauch bewegt werden und daraus Entscheidungen ableiten. Unser «Bauch» ist ein Meister der Manipulation. Deshalb warnt das Wort Gottes auch davor, nur «fleischlich» zu reagieren, sondern sich vielmehr vom Geist Gottes prägen zu lassen.

Entscheidungen werden nicht nur im Gehirn gesteuert, sondern genauso geprägt durch unbewusste Informationen, die «aus dem Bauch heraus kommen». Deshalb spricht man auch von Handlungen, die «aus dem Bauch heraus» erfolgen. Noch einmal «Geo»: «Dass Schwermut und Angst aus dem Darm kommen, ist viel wahrscheinlicher als heute schon exakt bewiesen werden kann. Im Bauch werden Gefühle und Stimmungen erzeugt: Unwohlsein oder Heiterkeit, Müdigkeit oder Vitalität, schlechte oder gute Laune.»

Seit Aischylos (5. Jh. v. Chr.) hat das griechische Wort «splagchnon» (Eingeweide) auch die Bedeutung von «Sitz der Gefühle und Zentrum des Empfindens und Fühlens»: So wird dieses Wort auch im Neuen Testament für die Begriffe Herz, Liebe, Zuneigung, Mitleid, usw. gebraucht.

«Ihr seid nicht verengt in uns, sondern ihr seid verengt in eurem Innern» (in euren Eingeweiden). Luther übersetzt: «in euren Herzen» (2. Kor. 6,12). Paulus schreibt im Philipperbrief 1,8: «Denn Gott ist mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne mit dem Herzen Christi Jesu.» Luther nimmt «von Herzensgrund», während die englische Übersetzung wörtlich ausdrückt: «in the bowels of Jesus Christ». In Phil. 2,1 übersetzt Luther «herzliche Liebe»; Elberfelder: «innerliche Gefühle» und die King James setzt wiederum wörtlich «any bowels and mercies». Die weiteren Stellen im Neuen Testament sind Kol. 3,12 (herzliches Erbarmen, bowels of mercy), Philemon 7.12.20 (die Herzen der Heiligen; the bowels of the saints).

Das von «splagchnon» abgeleitete Verb «splagchnizomai» (wörtlich: in den Eingeweiden bewegt) wird in der Elberfelder-Bibel zu «innerlich bewegt»; bei Luther zu «es jammert ihn». Diese Aussagen zeigen, dass die Not und der Schmerz eines anderen buchstäblich in den Eingeweiden gespürt werden, wo sich der Sitz der Gefühle (Mitleid und Liebe) befindet (Matth. 9,36; 14,14; 15,32; 18,27; 20,34; Mark. 1,41; 6,34; 8,2; 9,22; Luk. 7,13; 10,33; 15,20 u. a.).

Das abgeleitete Adjektiv «eusplagchnos» bedeutet wörtlich «mit gesunden Eingeweiden» und wird übersetzt mit barmherzig, mitleidig, mildtätig, gutherzig (Eph. 4,32; 1. Petr. 3,8). «polysplagchnos» bedeutet wörtlich «mit viel Eingeweiden» und wird in Jak. 5,11 mit «barmherzig» übersetzt.

Diese Forschungsergebnisse zeigen, wie töricht es ist, wenn gläubige Christen Zugeständnisse an die «Wissenschaft» machen. Karl Popper schrieb: «Alles Wissen ist nur Vermutungswissen. Die verschiedenen Vermutungen und Hypothesen sind unsere intuitiven Erfindungen. Sie werden durch Erfahrung, durch bittere Erfahrung, ausgemerzt und damit wird ihre Ersetzung durch bessere Vermutungen angeregt: Darin und allein darin besteht die Leistung der Erfahrung für die Wissenschaft.»

Während die «Wissenschaft» oftmals die Irrtümer von gestern durch die Irrtümer von heute ersetzt, müssen die Aussagen der Bibel niemals revidiert werden. In Ewigkeit steht sein Wort fest (Psalm 119,89). Wenn sich Erkenntnisse der Wissenschaft mit den Aussagen der Bibel decken, dann nähert sich die Wissenschaft der Wahrheit.

Auf die Frage, welches Gebot die höchste Priorität im Leben eines Menschen habe, antwortete Jesus Christus, dass sich «Bauch und Hirn» des Menschen, Gefühl und Verstand, Gott liebend unterordnen sollen (Matth. 22,34–40): «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand.» Ein zweites Gebot ist diesem gleich: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.»

© factum online 25. Juli 2001

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