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Dschihad im Internet

Experten für IT-Sicherheit enttarnten eine Al-Qaida-Propaganda-Stelle. Die «Global Islamic Media Front» hatte sämtliche westlichen Internet- Kontrollen unterwandert.

Rolf Höneisen

Bislang ging man davon aus, dass Terrorbotschaften und Bekennervideos des islamistischen Terrornetzwerks Al-Qaida vom Irak und von Afghanistan aus verbreitet werden, und zwar unabhängig und ohne Verbindungen zum Kern der Al-Qaida. Auch sprach man Osama Bin Ladens Organisation zunehmend ab, dass sie noch über funktionierende Kommandostrukturen verfüge. Dem ist nicht so. Al-Qaida unterwandert die westlichen Sicherheitsdienste.

Den ersten Hinweis auf eine intakte Al-Qaida-Struktur lieferten Experten der Hamburger IT-Firma Pan Amp schon im Oktober 2005. Auf einem enttarnten Server in Erfurt wurde Al-Qaida-Rohmaterial entdeckt – mediale Inhalte der Al-Qaida ohne jegliche Banner und andere Zusätze. Die Al-Qaida-Originalaufnahmen, die jeweils in einer deutlich schlechteren Qualität und mit Untertiteln über Al-Dschasira exklusiv ausgestrahlt wurden, lagen also auf einem Server in Deutschland. Das Material beinhaltete u. a. folgende Namen: Usame bin Ladin, Ömer Abdurrahman, Eymen Ez Zevahiri, Abdullah Azzam, Musab Ez-Zarkavi, El Kuveyti, Er-Rantisi, Ahmed Yasin, Komutan Bilal, Mücahid Sener, Hattab, Ebu Velid u. v. a.

Wie Bert Weingarten von der Firma Pan Amp sagte, sei es erst nach erheblichem Insistieren seinerseits gelungen, dass sich staatliche Stellen dieser Tatsache annahmen, um festzustellen, wie das Al-Qaida-Material nach Erfurt kam und wer in Deutschland das Rohmaterial weiter bearbeitete und zum Beispiel in die türkische Sprache übersetzte. Die türkischsprachige Seite mucadele.com versorgte die Welt mit Videobotschaften islamistischer Führer und scheute sich nicht, sogar ein Lehrvideo zum Bau von Sprengfallen zu veröffentlichen.

Die dabei verwendeten Bezeichnungen wie SUJD, SUNNA und «Kommando Al-Zubair», sowie Jingels und Animationen für Bekennervideos der Hisbollah, machten im Oktober 2005 noch wenig Sinn, forcierten jedoch das Interesse, die Zusammenhänge zu verstehen und zu klären, wer tatsächlich hinter den Aktivitäten steckte.

Dann wurde in Hamburg die Internet-Fahndungstechnologie von Pan Amp mit den neuen Erkenntnissen aus Erfurt gefüttert, um zusätzliche Daten aus zugänglichen Internet-Quellen zu sammeln. Aus den so gewonnenen Daten konnte im Oktober die gesamte Stabsstelle der Al-Qaida-Propaganda rekonstruiert werden. Abu Al-Zubair, ein Kommandoführer, der im direkten Auftrag von Osama Bin Laden Al-Qaida-Trainingslager in Afghanistan aufbaute und Trainingsprogramme entwickelte, errichtete im Auftrag von Bin Laden auch das Propagandanetz und den Medienarm der Al-Qaida. Abu Al-Zubair gründete die Zellen SUNNA und die «Beschützer des Jihads». Die Hauptaufgabe beider Zellen lag in der Verbreitung von Kommandos der Al-Qaida in verschlüsselter Form, die Produktion von Schulungs- und Bekenner-Filmen sowie die Dokumentation der Anschläge und Aktivitäten der Al-Qaida. Die Kommunikation und das hergestellte Material wurden ausschliesslich auf Arabisch verfasst und zur Endbearbeitung ins Internet gestellt. Diese Einzelteile wurden von Islamisten herausgefischt, zusammengestellt und weiterverbreitet. Nach dem Tod Abu Al-Zubairs am 12. August 2005 wurden beide Kommandos in einer Zelle zusammengeführt.

Die ersten beiden Buchstaben der «SUNNA» und der erste und letzte Buchstabe des Wortes «Jihad» ergaben den Namen der neuen Zelle: SUJD, die Propaganda-Stabsstelle der Al-Qaida. Die SUJD betreibt ein eigenes Server-Netzwerk zur Vertonung, Animation und zur Übersetzung. Zur Verbreitung der so hergestellten Terror-Botschaften und Propagandafilme werden fertige Produktionen mit unauffälligen Bezeichnungen in Englisch versehen und z. B. als New1.zip oder New5.rar auf Upload-Server in den US-Metropolen New York und Dallas geladen. So werden durch Werbung finanzierte Hochleistungs-Server in den USA von Al-Qaida missbraucht, um Terror-Werbung zu verbreiten. Der Upload erfolgt jeweils noch am selben Tag. Das konnte anhand von Material, das nur 20 Minuten vor dem Upload im Irak aufgenommen wurde, belegt werden. Die entsprechenden Links zum Bezug des Al-Qaida-Materials werden im Server der SUJD-Zelle aufgelistet, zu dem ausschliesslich das Verteiler-Netz der Al-Qaida Zugriff hat. Das Verteilernetz agiert als Global Islamic Media Front, kurz GIMF, und besteht nach Informationen der Firma Pan Amp aus rund 200 aktiven Soldaten, die weltweit verteilt bislang unentdeckt arbeiten. Aufgabe der GIMF ist die Endverbreitung der Al-Qaida-Propaganda, was hauptsächlich durch weitere durch Werbung finanzierte Upload-Server in der ganzen Welt erfolgt. Die so entstehenden Links werden von der GIMF über News-Groups, Mailinglisten und Blogs verbreitet. So gelangt die Al-Qaida-Propaganda zu den Dschihadisten und auf zehntausende von Internetseiten.

Die lückenlose Aufdeckung und Belegung der Aktivitäten der SUJD-Zelle und der GIMF gelang durch die Enttarnung der verwendeten Verschlüsselung. Al-Qaida setzte hierbei ähnlich wie deutsche Sicherheitsbehörden auf Pretty Good Privacy (PGP), ein kostenloses Programm zur Verschlüsselung von Daten. PGP benutzt das sog. Public Key-Verfahren, d. h. es gibt ein eindeutig zugeordnetes Schlüsselpaar: einen öffentlichen Schlüssel, mit dem jeder die Daten für den Empfänger verschlüsseln kann, und einen geheimen privaten Schlüssel, den nur der Empfänger besitzt und der durch ein Kennwort geschützt ist.

Nachrichten an einen Empfänger werden mit einem öffentlichen Schlüssel codiert und können nur mit dem privaten Schlüssel des Empfängers entschlüsselt werden. Die von der SUJD und GIMF verwendeten Schlüssel werden über öffentliche Key-Server im Internet verbreitet. Die verwendeten Kennwörter stammen aus Passagen einer digitalen Anleitung zur Programmverwendung. Dieses Verfahren ähnelt demjenigen der Enigma-
Verschlüsselung im Zweiten Weltkrieg.

Das vollständige Dossier zur «Global Islamic Media Front», das Code-Buch der Al-Qaida, die verwendeten Schlüssel sowie eine Vielzahl von verifizierten Rechnerstandorten und zugehörigen Aktivisten sind seit diesem September im Besitz der deutschen Ermittlungsbehörden. Die Sicherheitsorgane sind von der Kreativität der Al-Qaida-Führung überrascht und verärgert, dass die Al-Qaida ihren Verschlüsselungscode über öffentliche Key-Server verteilt, die zum Teil von Universitäten betrieben werden. Genauso über die Tatsache, dass Al-Qaida werbefinanzierte Upload-Server für ihre Propaganda missbraucht.

IT-Fachmann Bert Weingarten meint, dass die gewonnenen Erkenntnisse über die «Global Islamic Media Front» und somit zur Al-Qaida das Internet nachhaltig verändern werden: «Der Missbrauch der freien Verschlüsselungstechnologie, von westlichen Key-Servern und durch Werbung finanzierte Upload-Server stellen einen erneuten Anschlag auf die Freiheit der westlichen Welt dar.»

Der deutsche Innenminister Wolfgang Schäuble setzt nun auf die verschärfte Kontrolle des Internets. Dafür werden 132 Millionen Euro zusätzlich bereitgestellt, um neue Techniken und zusätzliche Stellen zu schaffen. Der Krieg im Internet ist unüberschaubar geworden. Inzwischen filtern die Geheimdienste fast 5000 terroristische Webseiten heraus. Sie zeigen Muslime als Opfer des hochgerüsteten Westens oder verbreiten Bekenntnisse von Selbstmordattentätern. Die «Global Islamic Media Front» scheut sich nicht, Bilder von Soldaten zu zeigen, die enthauptet und verbrannt werden. Das Sperren von Internetseiten hat kaum Wirkung. Die Inhalte tauchen nach kurzer Zeit schon wieder auf anderen Servern auf.

Politiker in verschiedenen Bundesländern verschärfen nun den Kampf gegen Islamisten im Internet. Sie wollen neue Gesetze einführen, die das Fernmeldegeheimnis und die Privatsphäre angreifen. Internet-Seiten sollen nicht nur beobachtet und bis zu ihren Urhebern zurückverfolgt werden können. Der Verfassungsschutz soll auch auf die Daten und Festplatten der Benutzer zugreifen dürfen. Im Kampf gegen den virtuellen Dschihad werden die Persönlichkeitsrechte zunehmend aufgeweicht.

Nach jahrelanger Diskussion hat der deutsche Bundestag nun am 1. Dezember 2006 mit grosser Mehrheit die umstrittene Anti-Terror-Datei von Bund und Ländern beschlossen. FDP, Linkspartei und Grüne stimmten gegen das Register, mit dem der Terrorismus bekämpft werden soll. In der zentralen Anti-Terror-Datei von Bund und Ländern wird zwischen einer Index-Datei und einer erweiterten Datei unterschieden. Die Grunddaten der Index-Datei sind für die beteiligten 38 Behörden ohne weiteres abrufbar. Dazu gehören Namen, Geschlecht, Geburtsdatum und Ort, Staatsangehörigkeiten, Adressen, Sprachen, Lichtbilder und besondere körperliche Merkmale.

Die erweiterten Daten können aus Quellenschutzgründen nur auf Anfrage weitergeben und im "Eilfall" zur Abwehr einer akuten Gefahr abgerufen werden. Hierzu gehören die Telefon- und Bankverbindungen, Fahrzeuge, der Familienstand, die Religionszugehörigkeit, Fahr- und Flugerlaubnisse, Fertigkeiten im Umgang mit Waffen und Sprengstoffen, besuchte Orte und Angaben zu bestimmten Gruppierungen.

Die auf fünf Jahre befristeten Regelungen des "Terrorismusbekämpfungsgesetzes" werden dem Bundestagsbeschluss zufolge um weitere fünf Jahre verlängert. Zugleich erhalten die Nachrichtendienste erweiterte Auskunftsrechte, etwa einen direkten Zugriff auf Fahrzeug- und Halterdaten des Kraftfahrzeugbundesamtes.

Die Opposition kritisierte die Datensammlung als unangemessenen Eingriff in die Grundrechte der Verdächtigen. Bundesinnenminister Schäuble verteidigte die Datei gegen die Kritik aus der Opposition. "Das hat mit Überwachungsstaat nichts zu tun." Mit der Einrichtung der Datei bewege sich die Bundesregierung auf der Grundlage der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

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