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Eine spezifische Blindheit

Ahmadinedschad sei «ohne Zweifel» sein Freund, sagt der türkische Premier Erdogan. Verkennen die Politiker Europas die Herausforderung der islamistischen Politik der Türkei?

Thomas Lachenmaier


Der türkische Premier Erdogan ist ein gewiefter Stratege. Zwei sehr unbescheidenen Vorhaben hat er sein ganzes politisches Handeln unterworfen. Beides sind Weichenstellungen von historischer Tragweite. Er verfolgt sie mit Entschlossenheit – und Erfolg.

Das erste Ziel des gläubigen Muslims war, den Einfluss des türkischen Militärs auf das Land zu begrenzen. Mit eiserner Hand hat das Militär verhindert, seit den Tagen Atatürks, dass die Islamisten das Sagen haben. Zuletzt mit dem Staatsstreich von 1980.

Erdogan ist die Herkulesaufgabe gelungen, das türkische Militär an die Kandare zu nehmen. Das ist ein Epochenwandel. Er hat eine Staatsdoktrin, die fast ein Jahrhundert lang galt, ausgehebelt. Vollends deutlich wurde sein Sieg jetzt mit der Ausladung des israelischen Militärs von einer gemeinsamen Militärübung. Die strategische Partnerschaft mit Israel war vor einem Vierteljahrhundert vom Militär begründet worden. Dass Erdogan es sich leisten kann,  mit einer israelfeindlichen Begründung die Übung zu stornieren, zeigt, dass das Militär die Unterordnung unter die politische Führung akzeptieren musste. Dass es um einen Richtungsentscheid geht, zeigt auch die Tatsache, dass die Türkei nur wenige Tage später ein Manöver mit Syrien durchführte.

Erdogan hat es verstanden, die Türkei als regionale und darüber hinaus als islamische Führungsmacht zu etablieren – und gleichzeitig dem Land den Weg nach Europa zu öffnen. Ein erneuter Putsch des Militärs würde den Einfluss der Türkei vollkommen marginalisieren: Der Weg nach Europa bliebe versperrt, Einfluss und Anerkennung in der muslimischen Welt wären dahin. Keine Kraft im Land, auch nicht das Militär, wird dieses Rad zurückdrehen wollen oder können.

Das zweite strategische Ziel von Recep Tayyip Erdogan ist die Stärkung des türkisch-islamischen Einflusses nach Westen. Und auch hier kann er Erfolg verbuchen. Im westlichen Militärbündnis ist eine Aktion gegen den Willen des NATO-Landes Türkei kaum mehr denkbar. Im Grunde hat er die NATO als Bollwerk gegen islamische Bedrohungen paralysiert und überflüssig gemacht. Er selbst verkörpert die Islamisierung: Seine Verwandlung der säkularen Türkei in eine islamische Gesellschaft ist weit fortgeschritten. Christen und Juden werden in der Türkei diskriminiert, von staatlichen Behörden bespitzelt, von staatlichen Medien verleumdet. Ende des 19. Jahrhunderts waren noch ein Viertel der Türken Christen. Jetzt ist es nicht einmal ein Prozent und sie können ihren Glauben nicht frei leben.

Nach der innenpolitischen Öffnung der Türkei für den Islam folgt dasselbe in der Aussenpolitik. Die massive Hinwendung zum Erzfeind Syrien, mit dem man plötzlich engsten Schulterschluss demonstriert, hat nur jene überrascht, die Erdogans strategisches Denken unterschätzen. Es wird vollends deutlich durch seine Hinwendung zum iranischen Terror-Regime von Mahmud Ahmadinedschad. Erdogan reiste im Oktober mit einer hochrangigen Delegation nach Teheran. Dem britischen «Guardian» sagte Erdogan: «Es gibt keinen Zweifel, dass er (Ahmadinedschad) unser Freund ist.»

Für die Belastbarkeit der Europäer hat der Muslim ein feines Gespür. Er glaubt, es sich leisten zu können, offenbar zu Recht, seine Ziele mit unverfrorener Offenheit zu verfolgen. Er hat einerseits die Schwäche der europäischen Gesellschaften erkannt, die einer relativistischen Ideologie anhängen und durch den Mangel an Werten auch keine Standhaftigkeit mehr haben. Zugleich hat er erkannt und nutzt auch dies weidlich aus, dass die Türkei das Drehkreuz der Öl- und Gaspipelines von den Förderländern im Mittleren Osten und in Zentralasien zu den Verbrauchern im Westen ist und sein wird.

Die europäischen Politiker sehen nicht, was zu sehen ist. Man kann Erdogan so wenig wie Ahmadinedschad vorwerfen, ein Geheimnis aus seinen Vorhaben zu machen. Nicht einmal, dass er den iranischen Despoten zu seinem Freund erklärt und Gastfreundschaft für den Schlächter von Darfur, Sudans Präsident Omar al-Baschir übt, wird seinen Einfluss in Europa – so ist zu befürchten – mindern.

Es fällt nicht leicht, eine Erklärung für die Indifferenz der europäischen politischen Klasse angesichts eines solchen Geschehens zu finden. Es scheint, als seien die Politiker mit einer spezifischen Blindheit geschlagen, «so dass sie sich vergeblich mühen», einen Weg zu finden, mit diesen Herausforderungen umzugehen.

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