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Das Europa-Desaster

Die Griechenland-Krise offenbart, wohin es führt, wenn bei Individuen, Wirtschaft und Staat der Gedanke der Verantwortlichkeit verblasst.

Thomas Lachenmaier

Kein politisches System kann sich in Sicherheit wiegen, das auf Verdrängung der Wahrheit, auf Leugnung von Verantwortlichkeit und auf einem verschwenderischen Umgang mit dem von den Bürgern erwirtschafteten Vermögen basiert. Wenn das so ist, dann haben wir es bei der Krise der Europäischen Union mit einem Desaster zu tun.

Der Gedanke, dass Menschen wie politische Institutionen für ihr Verhalten verantwortlich sind und für die Folgen ihres Handelns einstehen müssen, ist im System der sozialstaatlichen Bürokratie verloren gegangen. Vom Landwirt bis zum Sozialhilfe-Empfänger, vom Stahlkumpel bis zur Grossbank: Alles und jeder scheint sich wohlfeil darauf eingerichtet zu haben, dass es der Staat ist, der alles richtet. Im Gegenzug masst sich dieser an, den Bürger immer mehr zu entmündigen und sich für alles zuständig zu erklären: Von der Krippe an nimmt er den Bürger in Obhut und unter Kontrolle, hegt den Freiraum ein durch Reglementierung sämtlicher Lebensbereiche, flankiert von Vorschriften und Ermahnungen vom Gesundheitsverhalten bis zur Freizeitgestaltung.

So fatal die Institutionalisierung der Verantwortungslosigkeit im Kleinen ist, so bedrohlich ist das im Grossen. Für Griechenlands Verschwendungssucht müssen die europäischen Bürger mit ihrem Geld einstehen. Dazu entscheidet sich die Politik nicht aus Fürsorge, sondern weil sonst Grossbanken das Geld nicht wieder sehen, mit dem sie den griechischen Schlendrian erst möglich gemacht haben.

Der ausufernde Staat setzt sich an die Stelle des wertschöpfenden Wirkens und Wirtschaftens der Menschen. In Griechenland hat jeder vierte Beschäftigte eine staatliche Stelle, erwirtschaftet also kein Geld für die Allgemeinheit, sondern verbraucht solches. Wie kann es sein, fragt der griechische Autor Anayiotis Theodoracopulo, dass griechische Beamte streiken, wo sie doch 14 Monatsgehälter bekommen und mit fünfzig in den Ruhestand gehen? Die griechische Krise ist in Wahrheit eine europäische Malaise. Dass in Griechenland ein Netz der Vetternwirtschaft das öffentliche und das ökonomische Leben durchsetzt hat wie Krebszellen einen einst gesunden Organismus, ist Ausdruck derselben Grundhaltung, die längst das politische und ökonomische Denken des Alten Europa prägt: Immer weniger trägt der Gedanke, tatsächlich Verantwortung zu haben, das öffentliche wie das private Leben. Wie konnte es dazu kommen?

Wo die Überzeugung verblasst, dass es eine – wie auch immer beschaffene – Wahrheit gibt, da erodiert in der Folge schnell die Vorstellung, dass man sein Verhalten zu verantworten hat. Es gilt für die brutalen Ausschreitungen in Griechenland wie für das Verhalten vieler Politiker und Wirtschaftsführer: Wo eine alles über einen Kamm scherende relativistische Gesinnung, die von keiner Wahrheit wissen will, das Fundament des Gemeinwesens ist, da bleibt am Ende der schiere Egoismus.

Die Quittung dafür bleibt nicht aus. Wer von der Wahrheit nichts wissen will, wer einem Handeln im Bewusstsein der Verantwortlichkeit keinen Platz einräumen will und den eigenen materiellen Vorteil vergötzt: Der wird in einem System der Lüge und der Verantwortungslosigkeit leiden und alles verlieren. Am Ende wird ihm nicht einmal sein Götze – der materielle Vorteil, der Profit, das Leben am Tropf des Wohlfahrtsstaates – bleiben.

Viele Menschen spüren, dass mit der ökonomischen Stabilität auch die zivilisatorischen Behaglichkeiten unsicher geworden sind. Eine globale Krise der Märkte, ein internationaler Konflikt oder am Ende schlicht der Staub aus einem fernen Vulkan genügen. Am Ende ist es eine Frage an jeden Einzelnen, wie er auf diese Erkenntnis reagiert. Stellt er mit den geistigen Ursachen dieser Krise auch sein Handeln, sein Leben in Frage? Wenn ja: Welchem Einfluss, welcher Einladung, welchem Glauben öffnet er sich? Auch im ganz Falschen ist noch Rettung möglich. Nicht für das falsche System der Lüge, der Verdrängung der Wahrheit. Aber für jeden einzelnen Menschen, der sich in der Verunsicherung für das Evangelium öffnet.

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