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Die Welt schaut weg
Im Süden des Sudan werden Menschen systematisch vertrieben. Das entvölkerte Gebiet ist in etwa so gross wie die Schweiz.
von Daniel Gerber, Livenet
Durch Vorstösse aus dem arabisch-muslimischen Norden in den Süden ist ein Landstreifen von ungefähr 300 Kilometern Länge und 50 bis 100 Kilometern Breite entvölkert worden. Hinzu kommen weitere Flächen in der westlich liegenden Region Darfur. So weit sind die Reiter der Regierung auf ihren Sklavenzügen vorgedrungen.
«Dabei haben die Reiter nicht nur Sklaven genommen“, betont Gunnar Wiebalck von Christian Solidarity International (CSI): „Sie haben auch die Ernten geplündert, Vorräte verschleppt oder vernichtet und Getreidespeicher angezündet.“
Warum kann ein solches Verbrechen unter den Augen der Weltgemeinschaft protestlos geschehen? Wiebalck: «Das kommt auch daher, dass das Gebiet schwer zugänglich ist. Es liegt etwa 1500 Kilometer nördlich von Nairobi und ist praktisch nur per Flugzeug erreichbar.“ Auf dem Landweg ist es einfach zu weit. Fluglinien gibt es nicht. Flughäfen auch nicht. „Man chartert das ganze Flugzeug und der Pilot sucht sich irgendwo eine geeignete Graspiste zur Landung.“ Das macht das Reisen teuer und gefährlich.
Dazu kommen Einschränkungen seitens der Regierung. Sie hat alle Flüge verboten, die nicht die Zustimmung der Uno haben. Dazu gibt es Sperrzonen mit Flugverboten. „Auch dieses Gebiet, das wir regelmässig besuchen, zählt dazu“, sagt Wiebalck. Es sei schwierig, Piloten zu finden, die es wagten, in diese entlegene Region zu fliegen. Journalisten kämen fast gar nie hin. Es gibt kaum ausführliche Berichte über die prekären Zustände in diesem Landstrich.
Dass es Sklaverei im Sudan gibt, war schon vor dem Einsatz von CSI bekannt. Aber es wurde nicht international diskutiert. Wer Beweise hatte, wurde in der Regel – wenn er Sudanese war – verhaftet, wie zum Beispiel der Herausgeber der «Sudan Times» in Khartum. Nach seinem ersten Bericht über Sklaverei landete er für einige Zeit im Gefängnis.
CSI hat von Beginn seiner Unterstützung im Südsudan nicht einfach nur Überlebenshilfe geleistet, sondern nach den eigentlichen Hintergründen der Not gesucht und dazu viele Menschen befragt. Wiebalck: «So stiessen wir auf das Hauptproblem dieser Leute. Das war gar nicht der Verlust ihrer Ernten. Ihre bitterste Kriegserfahrung war die Verschleppung und Versklavung ihrer Angehörigen: Frauen wurden mitsamt ihren Kindern entführt und viele Männer von den Sklavenjägern ermordet. Eine Tragödie von einem Ausmass, das sich niemand hat vorstellen können.»
Es geht nicht um einzelne Fälle, sondern um eine systematische Verschleppung und Vertreibung, um die geplante Versklavung von ganzen Ortschaften. Wiebalck: «Das haben wir im Jahr 1995 zum ersten Mal erfahren, und zwar in dem Dorf Nyamlel, das kurz zuvor überfallen worden war. Die Überlebenden irrten durch die Trümmer, und wir fragten sie, was hier eigentlich passiert sei. Wir erfuhren, dass über 200 Leute in die Sklaverei abgeführt worden waren. In einem langen Zug wurden sie in den Norden getrieben. Kleine Kinder wurden auf Pferde gebunden, Leute, die nicht mehr weiter konnten, wurden niedergeschlagen und getötet. Die meisten Verschleppten waren Frauen und Kinder.»
Das arabisch-moslemische Regime in Khartum will neue demografische Verhältnisse schaffen. Man weiss um die Bodenschätze, vor allem um das Erdöl unten im Süden.
© factum 12. Juli 2004
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