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Von der Marktwirtschaft zur Machtwirtschaft
Wirtschaftsprofessor Werner Lachmann über die Bedeutung christlicher Werte in der Wirtschaft.
factum: Grundlage der sozialen Marktwirtschaft ist, dass verantwortliche Unternehmer ihr Handeln an bestimmten Werten und Normen ausrichten. Täuschen die Nachrichten von Skandalen und überhöhten Managergehältern, oder sind die in der Wirtschaft Tätigen heute tatsächlich verantwortungsloser als früher? Lachmann: Zu allen Zeiten gab es unverantwortlich handelnde Unternehmer, man denke nur an die Ausbeutung der Bauern oder die Entstehung der Sozialen Frage während der Industrialisierung. Die Informationslage ist heute besser, so dass es den Anschein hat, als wäre die Wirtschaft heutzutage korrupter als damals. Korruption gibt es schon seit Jahrtausenden. Der Mensch hat sich im Tiefsten kaum geändert. Allerdings gab es Zeiten, in denen ein höherer ethischer Standard galt als heute. factum: Sie haben den Begriff «brutale Marktwirtschaft» geprägt und damit aktuelle Entwicklungen in der Sozialen Marktwirtschaft kritisiert. Was meinen Sie konkret damit? Lachmann: Eine Soziale Marktwirtschaft benötigt eine Mindestmoral und bestimmte Rahmenbedingungen, die zum Beispiel den Leistungswettbewerb absichern. Wir beobachten einen starken Verfall der Werte und ein Versagen der Wettbewerbspolitik des Staates. Die politisch geförderte wirtschaftliche Machtanballung, etwa in Form von Megafusionen, führen von der Marktwirtschaft zu einer Machtwirtschaft. Politiker werden von den grossen Konzernen abhängig, etwa dadurch, dass Konzerne Parteien fördern oder auch ganz direkt durch die Bestechung von Politikern. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auch auf die «Leihbeamten», die von Wirtschaftsgruppen den Ministerien zur Verfügung gestellt werden. Das moderne Management sieht den Arbeitnehmer nur als Kostenfaktor. Der fehlende Wettbewerb erlaubt es, Druck auf die Arbeitnehmer auszuüben, Lohnsenkungen durchzusetzen und die Kunden zusätzlich über hohe Preise auszubeuten. Statt eines gesunden Wettbewerbs erleben wir zunehmend eine Ausbeutung von Kunden und Arbeitnehmern durch Macht. factum: Man hat den Eindruck, dass in der Wirtschaft immer mehr das kurzfristige Interesse der Aktionäre befriedigt werden soll und nicht das langfristige: das Wohl des Unternehmens, das Wohl der Beschäftigten, das Wohl der Gesellschaft. Teilen Sie diesen Eindruck? Was sind die Ursachen? Lachmann: Als noch die Eigentümer ihre Firmen leiteten, hatten sie ein Interesse an dem langfristigen Wohlergehen ihres Unternehmens. Mit Hilfe betriebswirtschaftlicher Maximierungsmodelle hat sich die Idee der Maximierung des Gewinns durchgesetzt – ohne die Notwendigkeit des Leistungswettbewerbs zu berücksichtigen. Hohe Gewinne sind ein Zeichen fehlenden Wettbewerbs: Entweder werden die Kunden oder die Arbeitnehmer ausgebeutet – oder beide. Mit Hilfe der Politik werden der Leistungswettbewerb und die wirtschaftliche Freiheit eingeengt. Auch hier können wir beobachten, dass Macht die Menschen korrumpiert. factum: Die Bibel betont, dass der Mensch als freies Wesen geschaffen wurde. Das heisst zunächst, er ist auch in seinem ökonomischen Handeln frei, frei zum Unternehmertum. Kann man daraus folgern, dass die Bibel für eine freie oder soziale Marktwirtschaft plädiert? Lachmann: Die Bibel schreibt keine Wirtschaftsordnung vor. Sie fordert verantwortliches Handeln – unter Berücksichtigung der Nöte der Armen. Eine Soziale Marktwirtschaft widerspricht biblischen Überlegungen nicht.
Interview: Thomas Lachenmaier
Lesen Sie das ausführliche Interview in factum 4/2008.
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