Der neue Ruf nach Ethik und Moral in der Wirtschaft
Mitten im Scherbenhaufen nach dem Banken-Crash wird der Ruf nach der Rückkehr zu ethischem Handeln laut.
Rolf Höneisen
Neben der Forderung einer wirksamen Kontrolle der Finanzmärkte wird der Fokus auch auf die handelnden Personen gerichtet. Von ihnen wird vermehrt wieder moralische Verantwortung eingefordert. Der deutsche Bundespräsident Horst Köhler sagte gegenüber dem «Spiegel»: «Wir brauchen (…) die Wiederentdeckung von Ethos bei den handelnden Personen (…). Der Markt braucht auch Moral.» Köhler hat auch recht, wenn er in Bezug auf die Arbeit eine Bewusstseinsänderung anmahnt: «Wenn wir ein neues Bewusstsein für den Wert des Geldes haben wollen, dann sollten wir ein neues Bewusstsein für den Wert der Arbeit entwickeln.»
Einer, der sich explizit mit dem menschlichen Gebaren im Zusammenhang mit Geld auseinandersetzt, ist der Wirtschaftspsychologe Ernst Fehr (Universität Zürich). Er erforscht die psychologischen Grundlagen ökonomischer Entscheidungen. Fehr erinnert an uraltes Wissen: «Kluge Politik muss wieder stärker in Rechnung stellen, dass Motive wie Eigennutz den Menschen beherrschen.»
Wie bekommen wir den menschlichen Egoismus in den Griff? Fehr kennt dafür nur das Gesetz. Er rät zur Schaffung eines «Regelwerks, das verhindert, dass eigennütziges Verhalten sozial schädliche Auswirkungen hat».
Der inzwischen verstorbene Prof. Arthur E. Wilder-Smith sagte aufgrund des christlichen Menschen- und Gottesbildes schon vor vielen Jahren, dass das «wirtschaftliche Malheur» beim Menschen selbst liege: «Er meint, dass er Wohlstand praktisch gratis und unbeschränkt geniessen kann.» Wilder-Smith geisselte mit harten Worten die Schizophrenie der nuklearen Aufrüstung, während die Hälfte der Menschheit zu wenig zu essen hat. Die Menschheit leide, folgerte Wilder-Smith, an einem Hardware-Defekt. «Wir sind von Sinnen. Unsere Denkweise ist unsinnig geworden. Wir brauchen dringend eine ‹Metanoia›, wir müssen umdenken und erkennen, dass wir, die Menschen, die Ursache des Elends sind.» Das griechische Wort metanoia bedeutet Busse tun im Sinne eines Um- und Neudenkens.
Wie recht der englische Universalgelehrte hatte, zeigt die aktuelle Lage. Der berühmte Ökonome Keynes habe uns zwar das System der «kriechenden Inflation» aufgezeigt, die unsichtbar die schleichende Verschuldung auf das Konto der Währung und damit später auf das Konto des Volkes abschiebt. Wilder-Smith: «Aber Keynes verstand es nicht, dass auch Schulden dieser Art eines Tages getilgt werden müssen. Die allgemeine Verschuldung – auch diejenige eines Währungssystems – muss irgendwann bezahlt werden. Schuld – auch die persönliche – muss getilgt werden.»
Eine Gesellschaft und ihre Märkte wird genauso moralisch sein wie die darin lebenden Menschen. Um neu denken zu lernen im Sinne der Metanoia, müssen wir zuerst lernen, über Gott richtig zu denken.
© factum 8/2008, Seite 21
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