Teich von Siloah: Hier heilte Jesus den Blinden
Während fast 2000 Jahren blieb er verschüttet. Im Sommer 2004 entdeckten israelische Archäologen zufällig den Siloah-Teich aus der Zeit Jesu. Seit dem Sommer 2005 sind die Ausgrabungen öffentlich zugänglich. Die Teilnehmer der letzten ethos/factum-Studienreise konnten diesen besonderen Ort bereits besuchen. Es ist die Stelle, an der Jesus den Blindgeborenen (Johannes 9) heilte.
Alexander Schick
Dem Ausdruck «Tochter Zion» begegnen Bibelleser häufig: „Jauchze und rühme, du Tochter Zion, denn der Heilige Israels ist gross bei dir!“ (Jes. 12,6), oder in Sacharja 9,9: „Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer ...“ Es handelt sich in diesen Versen um messianische Prophetie. Über deren Erfüllung berichtet Matthäus 21,5: „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir ...“ Die „Tochter Zion“ befindet sich südlich des Tempelbergs (auf dem heute der islamische Felsendom und die Al-Aksa-Moschee stehen). Es ist ein lang gestreckter und stark abfallender Bergkamm: die Stadt Davids.
Im Osten begrenzte das Kidrontal die Stadt Davids und im Westen befand sich in der Antike das Tyropoiontal. Geschützt durch diese Täler, lag auf dem Rücken des Felskammes das antike Jerusalem, das David um 1000 v. Chr. eroberte (2. Sam. 5,6 ff.) und dem er den Namen „Stadt Davids“ gab (2. Sam. 5,9). Diesen Namen trägt das Gebiet bis heute, in Erinnerung an den berühmten König.
Aber heute führt die Stadt Davids nur noch ein Schattendasein. Dabei ist sie die „Tochter von Zion“, das Herzstück des biblischen Jerusalems! Die meisten Israel-Touristen zieht es aber meist nur in die „Altstadt“ von Jerusalem mit den Bazaren, der Via Dolorosa und der Grabeskirche. Fasziniert bestaunt man dabei die prächtige Stadtmauer, welche die „Altstadt“ umzäunt. Doch diese Mauer ist für Jerusalemer Verhältnisse eher „jung“. Sie wurde unter Suleiman dem Prächtigen im 16. Jh. n. Chr. (also „erst“ zur Zeit Luthers) errichtet.
Das „Ur-Jerusalem“ des Alten Testaments liegt ein ganzes Stück ausserhalb der Altstadtmauer. Aber Juden trifft man hier aufgrund der politischen Situation nur sehr wenige an. Es leben knapp 20 jüdische Familien (oft als „Siedler“ bezeichnet) im alt-jüdischen Areal, das heute von Palästinensern bewohnt wird. Grosse Teile der Stadt Davids hatte zu Beginn des 20. Jh. Baron Rothschild gekauft. Erst in der Zeit der jordanischen Besatzung (1948 bis 1967) liessen sich hier arabische Familien nieder. Neben dem Tempelberg ist daher die Stadt Davids einer der Brennpunkte des Nahostkonflikts zwischen Israelis und Palästinensern. Auch hier wird darüber gestritten, wem das Land gehört.
Über Jahrhunderte hat sich in der Stadt Davids Bibelgeschichte ereignet und es verwundert daher nicht, dass hier seit dem 19. Jh. Ausgrabungen stattgefunden haben. Dass sich ausgerechnet an dieser Stelle in biblischer Zeit das Herzstück Jerusalems befand, hängt mit einer unterirdischen Quelle zusammen, der Gihon-Quelle, die oberhalb des Kidrontals entsprang. Wasser bedeutet Leben! Ein Gang durch die antike Wasserversorgung Jerusalems ist ein Erlebnis für sich. Die Bewohner Jerusalems hatten einen langen, sich krümmend windenden Tunnelschacht durch den Fels getrieben, um zur Gihon-Quelle zu gelangen. Heute gehört das antike Tunnelsystem zu einem einmaligen archäologischen Park. Das antike Aqua-Tunnelsystem ist vollkommen erhalten. Der Abstieg über die modernen Stahltreppen, welche über die antiken Stufen gelegt wurden, ist anstrengend. Die Frauen im antiken Jerusalem gingen diesen Weg allerdings nicht nur mit leeren Krügen hinab, sondern sie mussten die ganze Strecke mit vollen Wasserkrügen wieder hinauf.
Das Wasser der Gihon-Quelle fliesst durch einen Tunnel zum Siloah-Teich, der am südlichen Ende der Stadt Davids liegt. Die Bibel berichtet, dass dieser Tunnel von König Hiskia 701 v. Chr. in grosser Eile und Furcht vor den Assyrern gebaut wurde, weil die Wasserversorgung die Schwachstelle in der Verteidigung war (vgl. 2. Chr. 32,2 bis 4 und 30; 2. Kön. 20,20). Der Hiskia-Tunnel sicherte die lebenswichtige Wasserversorgung der Stadt.
Noch bis vor anderthalb Jahren galt das schmale Becken am Ende des Hiskia-Tunnels als der im Neuen Testement erwähnte Teich von Siloah. Doch seit dem Sommer 2004 müssen sämtliche Lexika-Artikel und Jerusalem-Reiseführer umgeschrieben werden, denn dieses Wasserbecken ist nicht der Siloah-Teich der Bibel. Es ist nur der spätere byzantinische Teich.
Wie so oft in der Archäologie war es auch hier purer Zufall, der zur Entdeckung des „echten“ Siloah-Teiches führte. Er liegt rund 50 Meter östlich des bisherigen Teiches. Im Juni 2004 gruben die beiden israelischen Archäologen Ronny Reich und Eli Shukron im Bereich der Gihon-Quelle. Zu der Zeit waren gerade Stadtarbeiter dabei, unweit des bisher bekannten byzantinischen Siloah-Teiches eine Abwasserleitung neu zu verlegen. Shukron beobachtete diese Arbeiten. Plötzlich bemerkte er im Schutt zwei antike Stufen. Er stoppte die Arbeiter und rief den Kollegen Reich herbei. Dieser gilt als weltweit führender Jerusalemexperte.
Ronny Reich war sofort klar, dass es sich hier um die Stufen zum Siloah-Teich aus der Zeit der zweiten Tempelperiode handeln musste. Der Archäologe machte Fotos und schickte einen Bericht an die Israelische Antikenbehörde, die sofort reagierte, denn die Zeit lief den Archäologen weg. Die Abwasserleitung musste vor dem Winterregen repariert oder ersetzt sein. Also wurde sofort mit den Ausgrabungen begonnen. Lesen Sie den reich illustrierten Report in der Printausgabe von FACTUM 1/2006.
|