Wood: "Wir haben Josuas Ai entdeckt"
FACTUM: Dr. Wood, zurzeit wird heftig diskutiert über den Zeitpunkt des Exodus, die Zerstörung Jerichos und die Eroberung des verheissenen Landes. Auf welchen Zeitpunkt datieren Sie den Exodus und warum? WOOD: Aufgrund der chronologischen Daten der Bibel datiere ich den Exodus auf Mitte des 15. Jahrhunderts vor Christus. Dies belegt in erster Linie 1. Könige 6,1. Dort steht, dass die Israeliten Ägypten 480 Jahre vor dem Tempelbau Salomons verlassen haben. Salomon begann den Tempel ungefähr um 970 v. Chr. zu bauen – plus oder minus ein paar Jahre. Wenn man nun 480 Jahre zurückgeht, kommt man ungefähr in das Jahr 1450 v. Chr. und damit zum Ende des Exodus. FACTUM: Wird dieses Ergebnis von anderen Stellen gestützt? WOOD: Ja, eine davon ist Richter 11,26. Sie bezieht sich darauf, dass die Israeliten zur Zeit Jephtas schon 300 Jahre im verheissenen Land lebten. Jephta wird ungefähr auf das Jahr 1100 v. Chr. datiert. Wenn man nun, dies vorausgesetzt, 300 Jahre zurückgeht, kommt man ungefähr auf das Jahr 1400 v. Chr. als Zeitpunkt der Eroberung. Weitere chronologische oder genealogische Daten finden wir in 1. Chronik 6, wo mehrere Stammbäume aufgeführt werden. Einer dieser Stammbäume, der von Heman dem Sänger, scheint komplett zu sein, da man diesen von Mose bis zu David verfolgen kann. Das sind 18 Generationen. Wenn man diejenige von Salomon hinzufügt, sind es 19. Rechnen wir mit 25 Jahren für eine Generation, dann kommt man insgesamt auf 475, was ziemlich nahe an die Zahl 480 herankommt. FACTUM: Nun gerät die biblische Chronologie aber stark unter Druck seitens der modernen Archäologie ... WOOD: Der Punkt ist, dass alle chronologischen Indikatoren im Alten Testament die frühere Datierung des Exodus auf Mitte des 15. Jh. v. Chr. und die der Eroberung auf das späte 15. Jh. v. Chr. unterstützen. Die Wissenschaft hat ein alternatives Datum hervorgebracht. Diese so genannte ”Spätdatierung” legt den Exodus auf 1270 und die Eroberung auf 1230 v. Chr. fest. Die Wissenschaftler belegen ihre Anschauung mit 2. Mose 1,11, in dem es heisst, dass die Israeliten die Vorratsstädte Pithom und Rameses bauten. Rameses ist der Name, der einem Ort im 13. Jahrhundert v. Chr. gegeben wurde, aber die Stadt gab es schon früher unter einem anderen Namen. Deshalb meine ich, dass es sich lediglich um die Erneuerung eines Namens handelte, der bekannter war. Die Wissenschaftler oder Gelehrten sagen aber, dass sie glauben, dass es der Name des Ortes war zu der Zeit, als die Israeliten ihn erbauten. Auf dieser Basis datieren sie den Exodus auf das 13. Jahrhundert v. Chr. FACTUM: Warum ist die genaue Datierung der Zerstörung Jerichos so wichtig? WOOD: In der Archäologie ist eine genaue Datierung sehr wichtig, weil man versucht, die archäologischen Funde mit der Bibel in Verbindung zu bringen. Der einzige Weg, dies zu tun, ist erstens, die Daten der Bibel zu kennen, und zweitens die der archäologischen Funde, um diese dann zusammenzubringen. Die meisten ”Unstimmigkeiten” zwischen der Archäologie und der Bibel entstehen durch falsches Datieren der Gegebenheiten – entweder der biblischen Ereignisse oder der archäologischen Funde. FACTUM: Die britische Archäologin Kathleen Kenyon hat in den 50-er Jahren Ausgrabungen in Jericho vorgenommen. Sie kam zum Schluss, dass die Darstellung in der Bibel falsch sei. WOOD: Nun, ihr Fehler lag in der Datierung der Zerstörung Jerichos. Sie datierte diese auf 1550 v. Chr., obwohl sie es auf 1400 v. Chr. hätte datieren müssen. Wenn man solch einen Fehler macht, dann nur, weil man die Ereignisse der Bibel nicht richtig miteinander in Verbindung bringt. Indem sie die Zerstörung auf 150 Jahre vor Josua datierte, brachte sie zum Ausdruck, dass es keine Anhaltspunkte gebe, die biblischen Ereignisse zu unterstützen. Bei einer richtigen Fund-Interpretation kommt man aber genau aufs Gegenteil. In der Tat verfügt Jericho über ausreichend Funde, welche die Richtigkeit der Bibel belegen. Mehr noch. Die Jericho-Funde zeigen sogar, dass die Bibel ein Augenzeugenbericht ist und unmöglich zu einem späteren Zeitpunkt geschrieben worden sein kann, wo man nur noch einige Ruinen hätte beschreiben können. FACTUM: Was ist mit Ai, der zweiten in der Bibel bezeugten Stadt, die bei der Eroberung zerstört wurde? WOOD: Ai ist im Hinblick auf die Eroberung für die biblische Archäologie und biblische Geschichte das zweitgrösste Problem, weil die Stätte, welche die Wissenschaftler als Josuas Ai identifiziert haben, während dieser Zeit nicht bewohnt war. Sie war viel früher zur Zeit der Frühbronze bewohnt gewesen und dannzumal ein grosses urbanisiertes Zentrum. Dieses wurde zwischen 2400 bis 2300 v. Chr. zerstört und dann in der Mittleren- bis Spätbronzeperiode wieder verlassen. In der ersten Eisenzeit wurde die Stadt um 1100 v. Chr. wieder bewohnt. D. h. es gibt eine grosse Lücke in der Besiedelung und es ist egal, auf welchen Zeitpunkt man den Exodus und die Eroberung datiert – sie muss in diesen Zeitraum fallen. Damit steht fest: Es kann nicht Josuas Ai sein, wenn man davon ausgeht, dass die biblische Zeitrechnung stimmt. FACTUM: Säkulare Wissenschaftler nehmen die Bibel allerdings nicht als faktengenau und wahr. WOOD: Säkularwissenschaftler sagen: ”Wir glauben aber, dass dies Ai ist und dass die biblische Geschichte erfunden wurde, um diese Ruinen zu erklären und sich somit das Ereignis nie zugetragen hat.” So ist es. Die Organisation ”Associates for Biblical Research” macht seit 1979 Grabungen in Israel auf der Suche nach dem wahren Ai. 1995 haben wir in einem Gebiet einen Kilometer westlich von Et-Tell angefangen zu arbeiten, das ist jenes Gebiet, von dem die Wissenschaftler behaupten, dort sei Josuas Ai gewesen. Das von uns gewählte Gebiet heisst Khirbet el-Maqatir. Dort haben wir eine Festung gefunden, die auf die Zeit Josuas zurückgeht. Wir haben Beweise, dass sie um 1400 v. Chr. durch Feuer zerstört wurde. Das entspricht exakt dem biblischen Bericht in Josua 8. Auch die Topografie dieses Gebietes stimmt mit dem überein, was wir in der Bibel lesen. Wir haben Details über eine im Hinterhalt liegende Truppe im Westen, einen Berg gen Norden sowie andere Informationen, die in Josua 7 und 8 stehen und die perfekt mit unserem Gebiet und der Umgebung übereinstimmen. Wir sind davon überzeugt, dass wir Josuas Ai gefunden haben. FACTUM: Wie kann die Kluft zwischen den Maximalisten – das sind jene Wissenschaftler, die meinen, die Bibel sei wahr – und den Minimalisten – also denjenigen, welche die Bibel als historisches Zeugnis ablehnen – überwunden werden? WOOD: Sie wird vermutlich niemals überbrückt werden können. Die Meinungen sind oft so festgefahren, dass sie niemals die historischen Städte der Bibel akzeptieren würden. Es ist so wie mit der Schöpfungs- und Evolutionsdebatte: Egal, wie viele Beweise es gibt, um die Evolution zu widerlegen, die Wissenschaftler werden trotzdem bei dieser Theorie bleiben, weil sie die Idee eines göttlichen Schöpfers einfach ablehnen. Wir haben auch eine ähnliche Situation in Bezug auf die Geschichte des Alten Testamentes. Es gibt Menschen, die so gegen die Bibel eingestellt sind, dass sie diese niemals als wörtlich zu nehmenden Bericht akzeptieren würden. Hier läuft ein geistlicher Kampf, es ist ein geistliches Problem. Gott wird abgelehnt. Man will nichts mit der Bibel zu tun haben und so werden immer wieder Gründe herangezogen werden, um sie zu widerlegen. FACTUM: Werden nicht alle Funde, welche die Bibelberichte belegen, veröffentlicht? WOOD: Das ist schwer zu sagen, es gibt eine starke Anti-Bibel-Einstellung in den Redaktionen der akademischen Zeitschriften. Auch hier kommt es immer darauf an, was man veröffentlichen möchte. Wenn man etwas über das Eisenzeitalter, z. B. die Zeit der Könige von Israel und Juda, veröffentlicht, dann können die Fachblätter damit leben. Wenn man aber über die Zeit davor berichtet, dann fühlen sie sich sehr unwohl. Es ist deshalb sehr schwer, etwas in einem Fachblatt zu veröffentlichen, das sich mit der historischen Stadt zur Zeit der Richter oder Josuas oder dem Exodus oder irgendeiner anderen frühen Periode befasst, weil es in der Welt der Gelehrten eine Tatsache ist, dass diese ganze Zeitspanne nur eine Legende ist. Weil es so schwierig ist, etwas zu veröffentlichen, muss man sich andere Wege und Möglichkeiten suchen. Hiervon gibt es ein paar. Israelische Journale und die ”Biblical Archaeology Review” veröffentlichen konservatives Material, aber hierbei handelt es sich eher um populärwissenschaftliche Magazine denn um akademische Fachblätter. Es ist eine wirkliche Herausforderung, konservatives Material zur frühen biblischen Geschichte zu veröffentlichen. FACTUM: Besten Dank für das Gespräch.
Interview: John Elliott; Übersetzung: Susanne Ohlsen
Zur Person: Bryant G. Wood Von 1989 bis 1990 war Bryant Wood Gastprofessor im Seminar für ”Near Eastern Studies” an der Universität in Toronto. Zur Zeit ist er Leiter der ”Associates for Biblical Research” in Landisville, Pennsylvania und Herausgeber der Publikation ”Bible and Spade”, die quartalsweise erscheint (ChristianAnswersnet/abr/abrhome.html). Zusätzlich lehrt er an mehreren theologischen Seminaren. Woods ist seit 1995 Leiter der Khirbet el-Maqatir-Ausgrabung in Israel. Er ist Spezialist für kanaanitisches Porzellan des späten Bronzezeitalters und Autor von ”The Ceramic Industry and the Diffusion of Ceramic Style in the Bronze and Iron Ages” (1990) sowie von zahlreichen weiteren Fachartikeln zu archäologischen Themen.
©The Good News; factum 3. 7. 2003
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