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Levitikus zum Schnäppchenpreis

Levitikus Fragment

Beduinen finden Bruchstücke einer neuen Schritftrolle nahe dem Toten Meer. Sie enthält Verse aus dem 3. Buch Mose. Der wichtige Handschriftenfund und seine theologische Bedeutung.

Ulrich Sahm / Alexander Schick

Nur sieben Zentimeter breit sind die Reste einer ledernen Schriftrolle, die Beduinen vor kurzem in einer Höhle nahe am Toten Meer entdeckten. Darauf sind 36 Zeilen aus dem 3. Kapitel des biblischen Buches Levitikus/3.Mose zu erkennen. Die hebräischen Buchstaben wurden vor über 1900 Jahren mit Tinte kopiert.

Der Levitikus-Fund gehört zur Sammlung der berühmten Schriftrollen vom Toten Meer. Die bekanntesten unter ihnen sind die Qumran-Rollen, die zwischen 1947 und 1956 in elf Höhlen am Nordwestufer des Toten Meeres entdeckt wurden. Sie sind Teil einer Bibliothek jüdischer Schriften aus der Zeit des 3. Jahrhunderts vor Christus bis in die Zeit Jesu.

Fast zeitgleich mit den Qumranrollen entdeckten Beduinen südlich von Qumran zwischen Ein Gedi und der Felsenfestung Masada vor allem im Nahal Hever und Wadi Murabaat Schriftrollen aus der Zeit des 2. jüdischen Krieges, dem sog. Bar-Kochba-Aufstand (132-135 n.Chr.). Der neue Fund gehört ebenfalls in diese Zeit.

Im August 2004 wandten sich arabische Antiquitätenräuber, Beduinen aus der Gegend von Ein Gedi, an den Qumranforscher Professor Hanan Eschel (Bar-Ilan-Universität). Sie baten ihn anonym, den Wert eines Schriftfundes in ihrem Besitz zu schätzen. Eschel weigerte sich zunächst, weil er nicht Teilhaber eines in Israel streng verbotenen Antiquitätenraubes werden wollte. Ausserdem meinte er, dass Schriftfunde im Gegensatz zu Münzen oder Keramik, einzigartig seien und deshalb gar nicht auf ihre Geldwert geschätzt werden könnten. Zudem wollte er mit einer Schätzung oder des Kaufs des Fundes keinen Präzedenzfall setzen und Andere zur illegalen Suche von Antiquitäten animieren.

Nach einigen Wochen wurde einem seiner Schüler ermöglicht, den Fund zu fotografieren. Wenige Monate später bekam der Professor den Fund zu sehen und bemerkte, dass das Leder, das sich fast 1900 Jahre lang in einer extrem trocknen Höhle am Toten Meer wunderbar erhalten hatte, in einem zunehmend schlechten Zustand befand und zu zerbröseln drohte.

Eschel gelang es daraufhin, den Räubern den biblischen Fund für 3000 Dollar abzukaufen, ein "Schnäppchenpreis", meint Eschel. Auf dem Antikenmarkt bezahlen Sammler sonst fünfstellige Summen für Qumranfragmente. Das Geld bekam Prof. Eschel von einer Stiftung. Der Fund ging erst einmal an Amir Ganor, dem Hauptverantwortlichen für Antiquitätenraub bei der israelischen Antikenbehörde.

Der Fund ist in verschiedener Hinsicht aufsehen erregend. Es handelt sich um einen rund 1900 Jahre alten biblischen Originaltexttext. Sein hebräischer Wortlaut weicht einzig in der Orthographie eines Buchstabens vom heute bekannten Wortlaut der Tora (Fünf Bücher Moses) ab! Prof. Eschel weist noch auf etwas anderes hin. Der Fund sei in Nachal Arugot, einem Fluss nahe bei Ein Gedi am Toten Meer, gemacht worden. "Die Wissenschaftler haben die Hoffnung auf weitere Schriftfunde in der Wüste zu früh aufgegeben. Dieser Fund bestätigt, dass es noch weitere Höhlen geben muss, in denen sich Juden bei ihrer Flucht vor den Römern im Jahr 135 nach Christi versteckten und dort ihre schriftlichen Dokumente hinterliessen."

Laut Eschel konnten bisher 14 Schriftfunde den Flüchtlingen des Bar-Kochba-Aufstandes im Jahr 135 zugeordnet werden. Der neue Fund ist Nummer 15. Während einer kurzen Zeit versteckten sich die Aufständischen in den Höhlen am Toten Meer, bis sie von den Römern gefasst oder in den Höhlen gestorben sind, das beweist der Fund von Skeletten.

Ein Fund-Detail lüftet zudem ein historisches Geheimnis. Solche antiken Texte wurden gerollt. Gelesen wurde nur der offene Text, zwischen den beiden Rollen. Das ist in den Synagogen bis heute am Sabbat der Fall. Die Rollen scheinen durch Feuchtigkeit zerstört worden zu sein. Erhalten geblieben ist nur der offene Text. Die erhaltenen und jetzt fragmentarisch gefundenen Passagen werden gemäss jüdischer Tradition während des Passahfestes im Frühling gelesen.

Prof. Eschel: "Das ist für uns sensationell. Denn anhand gefundener Früchte in Höhlen haben wir gemeint, dass die Aufständischen nur bis Herbst 134 ein normales Leben führen konnten. Der entdeckte Text beweist uns jedoch, dass die Anhänger des Bar Kochba noch bis Frühjahr 135 ein normales jüdisches Leben führten und das letzte Mal den wöchentlichen Bibeltext während des Passahfestes im Jahr 135 gelesen haben.“

Der neue Fund ist ein weiterer Beleg für die hervorragende Überlieferung des alttestamentlichen Textes. Textforschern bestätigt er darüber hinaus eine wichtige religionsgeschichtliche Beobachtung. Sie erhellt die Geschichte der Überlieferung des jüdischen Bibeltextes.

Die Qumranrollen sind 68 n.Chr. von ihren jüdischen Besitzern vor den herannahenden Römern versteckt worden. In Jeremia 32,14 steht: „So spricht der HERR der Heerscharen, der Gott Israels: Nimm diese Briefe, diesen Kaufbrief, sowohl den versiegelten als auch diesen offenen Brief, und lege sie in ein Tongefäss, damit sie viele Tage erhalten bleiben!"

Unter den Qumranrollen befinden sich Abschriften fast aller Bücher der jüdischen Bibel. Sie belegen, wie zuverlässig der Bibeltext über viele Jahrhunderte überliefert worden ist. Aber sie zeigen auch, dass zur Zeit Jesu mehrere Bibelausgaben im Umlauf waren, durchaus mit unterschiedlicher Wortwahl. Man könnte die Situation mit heute vergleichen, wo es die Elberfelder-Bibel, neben der Luther-Bibel, der Guten Nachricht und der Einheitsübersetzung usw. gibt.

Die berühmte grosse Jesajarolle von Qumran wird unter Textforschern gerne als die „Gute Nachricht-Ausgabe“ vom Toten Meer bezeichnet, da sie sich vor allem durch die freie Art der Rechtschreibung, bzw. Orthographie hervorhebt. Andere Schriftrollenexemplare des biblischen Jesajabuches (insgesamt 21) aus den Qumranhöhlen folgen in der Rechtschreibung fast ganz dem aus dem Mittelalter bekannten sog. .36.masoretischen Text.37. des Alten Testaments. Masoreten waren jüdische Schriftgelehrte, die den Bibeltext seit dem 3./4.Jh. n. Chr. unter besonders strengen Regeln überlieferten.

Auch auf der Felsenfestung Masada wurden Reste von Schriftrollen entdeckt, die zum letzten Mal 73 n.Chr. von den jüdischen Verteidigern kurz vor der Einnahme Masadas durch die Römer benutzt worden waren. Fazit der Rollenforschung: Bis ins 1. Jahrhundert nach Christus gab es eine ganze Reihe von Textformen der jüdischen Bibel.

Rund 70 Jahre später, zur Zeit des Bar Kochba, zeigt sich ein völlig anderes Bild! Vor allem die gross angelegten Ausgrabungen in den 60-er Jahren unter Leitung von .36.Yigael Yadin.37. brachten eine Vielzahl von Schriftrollen aus der Bar-Kochba-Zeit ans Licht. Darunter sind Dokumente des letzten jüdischen Fürsten Bar Kochba, aber auch Bibeltexte. Diese Funde zeigen, dass es bereist im 2. Jahrhundert nach Christus (also rund zwei Generationen nach Zerstörung des jüdischen Tempels) einen autoritativen Standardtext gegeben hat. Die Textform der benutzten Schriftrollen entspricht genau dem mittelalterlichen (masoretischen) Bibeltext. Um es auf unsere Zeit zu übertragen: Man kannte nur noch die Elberfelder-Bibel, keine Luther-Bibel mehr oder Einheitsübersetzung. Es wurde nur noch die Elberfelder-Bibel benutzt und durch Abschreiben vervielfältigt. Wie ist es dazu gekommen?

70 n.Chr. gingen der Jerusalemer Tempel und die Tempelbibliothek in Flammen auf. Nach den rabbinischen Aufzeichnungen waren im Tempel auch Gesetzesschriftrollen als Muster aufbewahrt worden, diese gingen verloren. Ein verbindlicher Text musste nun für die jüdische Bibel ausgewählt werden. Wie aber kann man sich das vorstellen? Nur eine organisierte Gruppe des Judentums überlebte damals - die Pharisäer und damit ihre Bibelausgabe. Die Essener, Sadduzäer und andere jüdische Gruppen und damit deren Bibeltexte gab es nicht mehr. Sie sind seit dem ersten jüdischen Krieg einfach verschwunden.

Neben den Pharisäern überlebten den Krieg zwar auch noch die Samaritaner und die frühe Christenheit, die aus dem Judentum entstanden war. Aber deren Bibelausgaben konnten und wollten die Pharisäer nicht übernehmen, diese Bibelausgaben wurden von ihnen heftigst bekämpft.

Die Samaritaner (ein Mischvolk aus der Zeit der assyrischen Kriege) benutzten und benutzen bis heute nur die fünf Bücher Mose, den Pentateuch in ihrer Fassung (samaritanischer Pentateuch). Auffallend ist ihr Anspruch, dass nicht in Jerusalem, sondern auf dem Berg Garizim das Heiligtum Gottes zu stehen habe (vgl. das Gespräch Jesu mit der Samaritanerin in Johannes 4,20ff).

Die frühe Christenheit benutzte vor allem die erste Bibelübersetzung der Welt, die sog. Septuaginta, eine griechische Bibelausgabe, da in der Weltsprache Griechisch überall die Gute Nachricht von Jesus Christus weitergesagt werden konnte. Die Gemeinschaft der Pharisäer wollte aber keine dieser Bibelausgaben übernehmen, da es für sie „Ketzer-Bibeln“ waren.
Das Judentum war gezwungen, einen autoritativen Standardtext festzulegen. Die Rabbinen wählten nicht nicht irgend einen Text aus, der damals gerade zirkulierte, sondern einen Text, der im 1.Jahrhundert schon im Judentum dominierte und der nicht in Verbindung mit den Samaritanern und Christen stand. Nicht der masoretische Text hat über die anderen Texte triumphiert, sondern diejenigen, bei denen der masoretische Text gepflegt und abgeschrieben wurde (= Pharisäer), bildeten die einzige Gruppe, welche die Zerstörung des zweiten Tempels überlebt hatten.

Die Arbeit der Rabbinen war konsequent und umfassend. Mit ihrer Abgrenzung von Samaritanern und Christen wurde die Textform des samaritanischen Petateuchs ebenso ausgeschieden, wie die griechische Septuaginta bzw. deren hebräische Vorlage, die man auch in den Höhlen von Qumran entdeckt hat. Nur noch die eine einzige Bibelausgabe durfte bei den Rabbinen benutzt werden. Es ist jene Textform, die als masoretischer Bibeltext bekannt wurde und der wissenschaftlichen Bibelausgabe zu Grunde liegt.

Mehr oder minder alle Bibelausgaben basieren in ihrer Übersetzung auf den masoretischen Bibeltext. Alle anderen Textformen (wie sie uns noch unter den Qumranrollen begegnen, also auf heute übertragen die „Luther-Bibel, Einheitsübersetzung“ etc.) wurden unterdrückt und durften von den Rabbinen nicht mehr abgeschrieben oder zu Korrekturzwecken benutzt werden. Die Verdrängung der anderen Textformen war so gründlich, dass man erst seit Entdeckung der Qumranrollen weiss, dass es zur Zeit Jesu mehrere verschiedene Textformen des Alten Testaments gegeben hat.

Der Neufund aus dem Nahal Arugot nahe bei Ein Gedi bestätigt die Ergebnisse der Rollenforschung. Der Bibeltext entspricht genau dem damals üblichen neuen Standardtext (masoretischer Text), der auch unseren Bibeln zu Grunde liegt. Nur diese eine jüdische Bibelausgabe wurde von den Aufständischen benutzt und bis in ihr Versteck in die entfernten Höhlen am Toten Meer mitgenommen. Selbst hier haben sie bis zum Aufspüren durch die Römer noch in ihren Heiligen Schriften gelesen, die wir im Christentum als das Alte Testament bezeichnen. Es ist derselbe Text, den wir heute noch lesen und der durch diesen Fund in seiner Zuverlässigkeit erneut bestätigt wurde.

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