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Warum die Felsenstadt Petra unterging

Der Prophet Jesaja hat den Untergang der einst prunkvollen Nabatäerstadt vorausgesehen: „Dein Herz ist hochmütig, weil du in Felsenklüften wohnst und hohe Gebirge innehast. Wenn du auch dein Nest so hoch machtest wie der Adler, dennoch will ich dich von dort herunterstürzen, spricht der Herr.“ (Jeremia 49,16)

von Alexander Schick

Die rote Felsenstadt liegt verborgen in einem riesigen Talkessel. Über Jahrhunderten war sie nur Beduinen bekannt. 1812 wurde sie vom Schweizer Johann Ludwig Burckhardt wieder entdeckt. Seither beflügelt sie die Fantasie der Menschen. Kein Wunder, dass Petra als Kulisse für den Hollywoodfilm “Jäger des verlorenen Schatzes” diente.

Petra liegt rund 300 Kilometer südlich von Jordaniens Hauptstadt Amman. Brauchte man noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Jerusalem aus neun bis zehn beschwerliche Tagesreisen, um Petra zu erreichen, so legt man heute dieselbe Strecke von Jerusalem oder Eilat (im Süden Israels) an einem Tag zurück.

Das Nabatäerreich erlangte seine grösste Blüte in der neutestamentlichen Zeit unter König Aretas IV. (9 v. bis 40 n. Chr.). Viele Gebäude von Petra gehen auf diesen König zurück.

Die Tochter Aretas IV. heiratete König Herodes Antipas. Johannes der Täufer klagte Herodes Antipas schwer an, als er die nabatäische Prinzessin verstiess, um Herodias, die Frau seines (Stief-)Bruders, zu heiraten (vgl. Mk. 6,18). Die Königsschelte kostete dem Täufer Johannes den Kopf, nachdem die Tochter von Herodias durch ihr „Dirty Dancing“ König Herodes Antipas Kopf und Verstand verdreht hatte (vgl. Mk. 6, 17-28).

Der Nabatäerkönig zog gegen Herodes Antipas in den Krieg, um die Verstossung seiner Tochter zu rächen. Das herodianische Heer wurde vernichtend geschlagen. Das jüdische Volk bewertete die Niederlage als Gericht Gottes, wegen der Ermordung von Johannes dem Täufer. Das berichtet Flavius Josephus, der jüdische Geschichtsschreiber (37 - ca. 100 n. Chr.) in seinen „Jüdischen Altertümern“, 18. Buch, 5. Kapitel.

Auch .36.Paulus hatte mit König Aretas IV. - unliebsamen - Kontakt. In Damaskus, das damals zum Herrschaftsbereich des nabatäischen Königs gehörte, liess der Statthalter von König Aretas die Stadt streng bewachen, um den Apostel zu verhaften. Paulus gelang die Flucht durch einen Korb aus einem Fenster in der Stadtmauer (2. Korinther 11, 32-33).

Einige Ausleger, so der messianische Jude Arnold Fruchtenbaum, gehen davon aus, dass die Ruinenstadt Petra bei der Wiederkunft Christi eine besondere Rolle spielen wird. Er identifiziert Bosra (vgl. Jes. 63,1-6) mit Petra. Allerdings wird diese Gleichsetzung von anderen Schriftexperten abgelehnt.

Über die Nabatäer und ihren Glauben, ist wenig bekannt. Es gibt keine Textdokumente. Da heute von der Stadt der Lebenden fast nichts mehr vorhanden ist, wird die Aufmerksamkeit der Besucher von der "Stadt der Toten" angezogen. Genauer gesagt von den prächtigen Gräbern, welche die Nabatäer in die teilweise mehr als 300 Meter hohen Gesteinswände meisselten.

Das Leben in Petra war geprägt durch die Verehrung der Götterwelt. Wie schwer muss es den Israeliten gefallen sein, dem unsichtbaren Gott Jahwe nachzufolgen, ohne sich von der prunkvollen Götzenwelt gefangen nehmen zu lassen. Immer wieder gaben sie denn auch der Versuchung nach.

Von den Göttertempeln sind nur noch Ruinen vorhanden. Vor ihnen spielen Beduinenkinder im Wüstensand. Einige arbeiten. Ein kleiner Junge mit Pferd ruft in gebrochenem Deutsch: "Du nix laufen müssen. Ich hier gutes Pferd. Nur ein Dollar kosten!" Andere Kinder bieten Funde aus der Wüste an - alte Münzen oder Scherben.

Im Jahre 106 n. Chr. fiel das Königreich der Nabatäer aufgrund eines Verrats an die Römer. Als das Christentum römische Staatsreligion wurde, lebten in Petra Bischöfe, sie sind seit 347 n. Chr. nachweisbar. Im Dezember 1993 wurden in den Ruinen der byzantinischen Basilika Papyrusrollen aus dem 6. Jh. n. Chr. entdeckt. Sie geben faszinierende Einblicke in damalige Welt. Die Fragmente stammen von rund 150 Schriftrollen. Alle Texte sind in griechisch verfasst und behandeln u.a. Fragen des Landbesitzes, Verkaufsverträge oder Erbschaftsangelegenheiten. Im 6. Jh. war Petra Verbannungsort für Kriminelle oder Häretiker, also Menschen, die eine andere Form des christlichen Glaubens vertraten, als der Kaiser.

614 n. Chr. wüteten die Perser in Petra. Davon erzählen jedenfalls die Beduinen. Andere Quellen schweigen darüber. Nach den Erzählungen liessen die Perser keinen Stein auf dem anderen. Sie setzten den Schlussstrich unter die Geschichte der rosaroten Felsstadt. Als die persischen Horden mit den Grabschätzen aus Petra durch den Siq zogen, sollen sie eine völlig ausgeplünderte und zerstörte Stadt zurückgelassen haben. Alles Legende? Keiner weiss es. Eins steht fest: Der Verfall des urbanen Lebens setzte im 7. Jh. ein. Archäologen konnten nachweisen, dass noch Ende des 6. Jh. einige Einwohner inmitten der Ruinen und Schutthalden älterer Gebäude lebten. Danach verlieren sich die Spuren in der Geschichte.

Nach einem Besuch von Petra versteht man den Ausspruch des Propheten Jeremia über die Edomiter besser: „Dein Herz ist hochmütig, weil du in Felsenklüften wohnst und hohe Gebirge innehast. Wenn du auch dein Nest so hoch machtest wie der Adler, dennoch will ich dich von dort herunterstürzen, spricht der Herr“ (Jeremia 49,16).37.

Treffend beschreibt Jeremia die Lage der Felsenstadt. Aber Jeremia sah auch voraus, dass diese Unzugänglichkeit die Stadt nicht vor der Zerstörung bewahren wird. Diese Prophetie hat sich wörtlich erfüllt. Edom ist „wüst“ geworden, dass alle, die vorübergehen, sich entsetzen“ (vgl. Jeremia 49,17). Ist nicht auch unser Herz hochmütig, indem wir meinen, alles besser ohne Gott machen zu können? Die Ruinen von Petra mahnen uns. Aller Glanz der Welt ist ohne den Segen Gottes nur Schall und Rauch.

Eine ausführliche Reportage mit vielen Farbbildern findet sich in der Printausgabe von „factum“ 2/2004.

(c) FACTUM 2/2004

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