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Schöpfungslehre sorgt für Schul-Streit in Giessen

(03. Oktober 2006/idea/rh.) – Die Kontroverse um den Schöpfungslehre-Unterricht an zwei Giessener Schulen wird schärfer. Auslöser war eine Reportage im deutsch-französischen Kulturkanal Arte am 19. September zum Thema „Christlicher Fundamentalismus“. Der Sender berichtete, dass an den zwei Schulen neben der Evolutionstheorie die Schöpfungslehre als Alternativmodell unterrichtet werde. Das löste Proteste sowie Anfragen im hessischen Kulturministerium aus.

Die Tageszeitung „Frankfurter Rundschau“ kritisiert das Staatliche Schulamt Giessen, das die Vorgänge um die private August-Hermann-Francke-Schule (AHFS) und die staatliche Liebig-Schule untersuchen soll. Der Leitende Schulamtsdirektor Arno Bernhardt stamme aus dem Umfeld der Bekenntnisschule. Gegenüber der Zeitung bestätigte Bernhardt, Mitglied einer Freien evangelischen Gemeinde zu sein. Befürchtungen, seine Kirchenmitgliedschaft wirke sich auf die Untersuchung aus, wies er zurück: „Ich wahre professionelle Distanz.“

Den Angaben zufolge hat das Schulamt mit dem betroffenen Biologielehrer an der Liebig-Schule, Wolfgang Meyer, inzwischen Gespräche geführt. Meyer hatte gegenüber Arte bekannt, „Anhänger eines Schöpfungsmodells“, des sogenannten Intelligenten Designs, zu sein. Die Ergebnisse dieses Gesprächs sollen nun vom Schulamt nach Bernhardts Angaben juristisch bewertet und an das Kultusministerium geschickt werden.

Meyer hatte an einem für den Unterricht nicht anerkannten Biologie-Lehrbuch mitgewirkt und an der Schule eingesetzt: „Evolution – ein kritisches Lehrbuch“. Der Verleger dieses Buches und Mitbegründer der AHFS, Ulrich Weyel (Giessen), wies darauf hin, dass „eine zunehmende Anzahl Wissenschaftler, die sich nicht auf ein christliches Fundament berufen, die gängige Evolutionstheorie mit Fragenzeichen versehen“. In der Erklärung dreht Weyel den Spiess um: Fundamentalisten seien jene Personen, „die sich bedingungslos auf das Glaubensfundament der Evolutionstheorie eingelassen haben“. Bei einigen erkenne er sogar Anzeichen für Fanatismus: „Auch in der Wahl der Mittel im Kampf gegen Andersdenkende ist man nicht immer zimperlich.“

Nach Recherchen der "Frankfurter Rundschau" hat es Versuche gegeben, das Buch durch Literaturspenden an Schulbibliotheken unterzubringen. Der Frankfurter Evolutionsbiologe Michael Gudo vom Senckenberg-Museum hält das Buch für eine als Schulbuch getarnte „Propagandaschrift“. Es sei gefährlich, weil es vom didaktischen Aufbau „erstklassig“ sei.

An der August-Hermann-Francke Schule (AHFS), einer christlichen Privatschule in Giessen, ist das besagte Buch vorhanden und wird ergänzend zu den genehmigten Biologie-Schulbüchern verwendet. Ein normaler Vorgang. An jeder Schule werden über die offiziellen Schulbücher hinaus ergänzende Materialen, Bücher, Zeitungsartikel oder Filme eingesetzt, die nicht genehmigungspflichtig sind. Schulleiter Jost von der AFHS: "Es ist legitim und kompatibel mit dem Lehrplan, das genannte Buch als Ergänzungsmaterial zu genehmigten Biologie-Schulbüchern, die an unserer Schule selbstverständlich auch eingeführt sind und intensiv genutzt werden, zu verwenden."

Die Rolle der Medien in der Auseinandersetzung ist zwiespältig. So wurde zum Beispiel in der Arte-Sendung ein Schüler gezeigt, der ein Arbeitsblatt über die Arche Noah vorlas. Vom Kontext her war klar, dass es sich hier um eine Biologiestunde handeln musste. Doch das stimmt nicht. Wie Lothar Jost unterstreicht, sei der Sintflutbericht der Bibel keineswegs im Biologieunterricht, sondern thematisch naheliegend im Religionsunterricht behandelt worden. Das Arbeitsblatt über die Arche sei nachweislich nicht im Biologieunterricht gebraucht worden. Schulleiter Jost: "Der betreffende Schüler hat es aus dem Religionsheft entfernt und zu seinem Vortrag vor der Kamera in das Biologieheft eingelegt."

Eine Podiumsdiskussion der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung zum Thema „Schöpfungslehre oder Evolutionslehre – Meinungsfreiheit oder Wissenschaft im Rückwärtsgang“ am 29. September fand ohne Anhänger der Schöpfungslehre statt. „Wir wollen Kreationisten keine Plattform geben“, begründete der Moderator, der SPD-Landtagsabgeordnete Thorsten Schäfer-Gümbel, die Entscheidung. Zugleich forderte er die AHFS auf, für Transparenz bei Finanzierung, Organisationsstrukturen und Lerninhalten zu sorgen. Andernfalls sei die Existenz der Schule gefährdet. Schulamtsleiter Bernhardt nahm an der Diskussionsrunde nicht teil. Seine Mitwirkung hatte das Ministerium kurzfristig mit der Begründung abgesagt, es gebe „unsachliche Vorwürfe von dritter Seite“.

Der Mitautor des Arte-Films, Frank Papenbroock, vertrat vor den rund 200 Besuchern der Veranstaltung die Ansicht, dass es nicht das Anliegen des Filmes gewesen sei, „Christen zu diffamieren“. Er sehe kein Problem darin, Schöpfungslehre in Fächern wie Religion, Ethik oder Gemeinschaftskunde zu unterrichten. Nur die Naturwissenschaften seien dafür „nicht der ideale Ort“.

Der Pfarrer und Religionslehrer an der Liebig-Schule, Christian Heimbach, erklärte indes: „An die Glaubwürdigkeit der Bibel zu glauben, ist kein Glaube, sondern Aberglaube.“ Heimbach fällt generell auf mit Aussagen, die seine Reputation als Pfarrer und Religionslehrer in Frage stellen, nur scheint das niemanden zu stören. Gegenüber der „Frankfurter Rundschau“ stellte Heimbach mit einem Wortspiel klar: „Für die Schüler Adam und Eva ist Platz im Biologieunterricht, für die Personen aus der biblischen Schöpfungsgeschichte nicht.“ Glaubensaussagen unter dem wissenschaftlichen Deckmantel „Intelligentes Design“ seien „unzulässig“, so Heimbach. Enttäuscht äusserte sich “ KEP-Geschäftsführer Wolfgang Baake (Wetzlar) über den Schulpfarrer: „Dass sich ein landeskirchlicher Pfarrer nicht auf die Seite von Christen stellt, sondern auf einer Ebene mit unsachlich argumentierenden Kritikern agiert, ist an Peinlichkeit kaum zu überbieten.“

Nach Einschätzung des Christlichen Medienverbunds KEP (Konferenz Evangelikaler Publizisten) handelt es sich bei der Berichterstattung um die Vorgänge an den Giessener Schulen um „eine Rufmordkampagne gegen Christen“. KEP-Geschäftsführer Wolfgang Baake (Wetzlar) stellte sich hinter Schulamtsdirektor Bernhardt. Dessen Gemeinde sei als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt. Dem Christen nun diese Mitgliedschaft vorzuwerfen und Befangenheit zu unterstellen, sei ein Verstoss gegen das Grundgesetz. Auch der betroffene Biologielehrer der Liebig-Schule hat sich nach Baakes Überzeugung nichts zu Schulden kommen lassen. Der Lehrplan für den Biologieunterricht an Gymnasien sehe in der Unterrichtseinheit Evolution „Auseinandersetzungen mit philosophischen und religiösen Aussagen“ vor, um die naturwissenschaftliche Diskussion zu ergänzen und zu erweitern. Manche SPD-Politiker ignorierten diese Fakten und hielten an ihrer Rufmordkampagne fest.

Lehrer Meyer hält sich durchaus an den Lehrplan für den Biologieunterricht an Gymnasien, wie ihn das Hessische Kultusministerium vorsieht. Darin steht zur Unterrichtseinheit Evolution: «Es muss ihnen (den Schülern) deutlich gemacht werden, dass sich die Theorie, die sowohl die Vielfalt der Lebewesen als auch ihre abgestufte Ähnlichkeit erklären soll, im Wesentlichen auf einen historischen Prozess bezieht und somit auch entsprechender Forschungsmethoden bedarf. Auseinandersetzungen mit philosophischen und religiösen Aussagen müssen die naturwissenschaftliche Diskussion ergänzen und erweitern.»

Obwohl sachlich nichts gegen ihn spricht und sein Vorgehen transparent war, darf Lehrer Meyer in Zukunft seine Meinung über die Entstehung von Himmel und Erde nicht mehr gegenüber Schülern äussern. Die Schulleitung hält fest: «Herr Meyer wird in Zukunft im Rahmen der Schule entsprechende Themen konsequent meiden.» Schulrektorin Heidrun Sarges gegenüber der „FR“: Wir werden diesem Lehrer enge Grenzen ziehen.“ Sie habe gewusst, dass er sich zur Schöpfungstheorie bekenne, sei allerdings davon ausgegangen, dass er diese den Schülern nur in knapper Form und wertfrei vermittle.

Wolfgang Meyer darf gegenüber Medien keine Stellungnahme mehr abgeben. In einem Interview mit dem Medienmagazin «Pro» anfangs Jahr hatte er sich noch gewünscht, dass «Evolution und Schöpfungslehre gleichwertig behandelt werden». Sein Wunsch ging nicht in Erfüllung, im Gegenteil. Durch die Arte-Reportage provoziert, wurde ihm jetzt ein Maulkorb umgebunden. Anders der für Arte arbeitende Filmemacher Papenbroock. Er wurde bereits zu Fachgesprächen über Evolution und Schöpfung eingeladen, so am 28. September an der Katholischen Akademie in Hamburg, wo er Ausschnitte aus dem von Arte gesendeten Report zeigte.

Gegen Wolfgang Meyer von der Liebigschule läuft hingegen ein Kesseltreiben. Die Vorsitzende des Giessener Stadtschulbeirats, Christine Kunz, sowie das Landeselternbeiratsmitglied Mehmet Tanriverdi sagten laut „FR“: „Die strikte Trennung von Religion und Naturwissenschaften darf nicht in Frage gestellt werden.“ Die Vorfälle an den Schulen müssten Konsequenzen haben. Der Stadtschülerrat forderte gar die Suspendierung von Biologielehrer Meyer.

Auf welchem Niveau die unwürdige Auseinandersetzung verläuft, belegt die Aussage von Stephan Gäth. Er hat seinen Sohn vor zwei Jahren von der privaten August-Hermann-Francke-Schule genommen. Dort sei unter anderem aus einem Schulbuch unterrichtet worden, worin „Wissenschaftler als böse Menschen mit bösem Blick dargestellt werden“. Hierzu erübrigt sich jeder Kommentar, bis auf den Hinweis, dass es Kräfte gibt, welche die sachliche Diskussion um jeden Preis verhindern und christlichen Lehrern und Schulen wie der August-Hermann-Francke-Schule (AHFS) Wissenschaftsfeindlichkeit unterstellen wollen.

Der Schulleiter der AHFS, Lothar Jost, betonte gegenüber FACTUM, dass die Evolutionstheorie im Biologieunterricht ausführlich behandelt und entsprechend den Vorgaben der Lehrpläne diskutiert werde. Auch würden Stärken und Grenzen von Naturwissenschaften thematisiert. Jost: "Alternative Theorien, auch Schöpfungstheorien, ergänzen gemäss der christlichen Prägung unserer Schule die Diskussion." Dabei würden diese "nie als wissenschaftliche Wahrheit, sondern als mögliche Interpretationen" angesprochen. Einseitige kreationistische Indoktrination gebe es an der AHFS nicht. Dass biologische Fragestellungen umfassend behandelt werden, beweist die Qualität der bisherigen Abiturprüfungen.

> FACTUM/ProGenesis-Umfrage: Schöpfung/Evolution

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