Kontakt   Newsletter   Impressum
   

    factum online RSS
  Infos zum RSS-Feed

Der menschliche Stammbaum wackelt

Zwei Frühmenschen-Arten, die Forscher bisher in einer Linie gesehen haben, existierten offenbar parallel. Das passt nicht ins Bild der menschlichen Evolution. Jetzt wird ein bislang unbekannter gemeinsamer Vorfahre vermutet.

Rolf Höneisen

(10. August 2007) - Woher kommt der Mensch? Wie lebten unsere Vorfahren? Wer waren sie? Die Abstammungshypothesen stützten sich vor allem auf die äussere Ähnlichkeit zwischen Menschen und Menschenaffen sowie auf Fossilfunde, hier vor allem auf Fragmente von Schädeln, wie Zähne oder Kiefer. Was uns in der Schule im allgemeinen als einigermassen gesichert gelehrt wird, ist es aber nicht. Die wachsende Menge an Fossilfunden samt ihren Interpretationen lässt sich nicht widerspruchsfrei in das vermutete Stammbaumschema einordnen.

Problematisch ist unter anderem Homo habilis. Er soll Bindeglied zwischen Australophithecus und Homo erectus sein und gilt demnach als tierischer Nachfahre des Australopithecus und seinerseits als Vorfahre des Menschen. Im Stammbaum der Evolutionstheorie soll sich aus ihm der aufrecht gehende Mensch, der Homo erectus, entwickelt haben.

Doch die Kontroverse um Homo habilis ist seit dem ersten Fund nie verebbt. Die Einheitlichkeit der Funde wird seit Jahren bezweifelt. Ein Teil davon kann in die Gattung der Australopithecinen eingereiht werden, ein weiterer Teil zu Homo erectus. Die Sicherheit, mit der Homo habilis in vielen Schulbüchern als vermittelnde Art zwischen Australopithecus und Homo erectus dargestellt wird, ist aufgrund der laufenden wissenschaftlichen Diskussion nicht gerechtfertigt.

Und erneut stellt die aktuelle Interpretation eines fossilen Fundes östlich des Turkana-Sees in Kenia die Forscher vor Rätsel. Ein gefundener Kiefer wird von Fred Spoor (University College London) dem Homo habilis zugeschrieben und auf ein Alter von 1,44 Mio. Jahre datiert. Diese Altersbestimmung sorgt nun für Aufregung unter Paläoanthropologen. Stimmt diese Datierung, dann hätten Homo habilis und Homo erectus nicht hintereinander, sondern rund eine halbe Million Jahre nebeneinander her existiert. Das hätte zur Folge, das Homo habilis als Bindeglied zwischen Austalopithecus und Homo erectus wegfällt. Die Entwicklungslinie vom Affenartigen zum Menschen würde durchbrochen. Der eine wäre Tier geblieben, der andere Mensch gewesen.

Die Altersdatierung kann hier nicht diskutiert werden. Zu sagen ist, dass weder die fossilen Fragmente, noch die sie umgebenden Sedimente direkt datiert werden können. Die Datierung erfolgt indirekt, indem man sie in ein Verhältnis zu den Horizonten vulkanischer Asche setzt. In dieser Asche enthaltende Feldspatkristalle werden anhand des radioaktiven Zerfalls von Argon-Isotopen gemessen. Das Ergebnis wird auf die Fossilfunde übertragen indem Fossilien, die über einem bestimmten Aschehorizont liegen als jünger gelten und solche, die darunter liegen als älter denn das datierte Niveau.

Die Autoren der Studie sind in der Formulierung in "Nature" (Bd. 448, S. 688) vorsichtig: Der neue Fund mache die bisherige Annahme "unwahrscheinlich". Um die Evolutionstheorie aufrechtzuhalten, bringen sie eine neue Vermutung ins Gespräch: Homo habilis wie Homo erectus seien vor zwei bis drei Millionen Jahren aus einem gemeinsamen Vorfahren entstanden seien. Anschliessend hätten sie „unterschiedliche ökologische Nischen besetzt und dadurch direkte Konkurrenz vermieden“. Es gebe Hinweise darauf, dass Homo habilis mehr pflanzliche Nahrung zu sich genommen habe, Homo erectus hingegen mehr Fleisch.

Statt für Arten, die zeitlich nacheinander lebten und deren eine direkt aus der anderen entstand, hält nun auch die renommierte Anthropologin Meave Leakey Homo habilis und Homo erectus für "Schwesternarten". Wie vage die menschliche Abstammungslinie in Wirklichkeit ist, bestätigt Leakey, wenn sie sagt: „Dennoch spricht alles dafür, dass Homo sapiens von Homo erectus abstammt, vielleicht über irgendeine Zwischenform.“ Wie diese Zwischenform ausgesehen haben könnte, weiss jedoch noch niemand. Wenn die Interpretationen der neuen Funde zutreffen, verlief die Menschwerdung auf keinen FAll so geradlinig wie bislang angenommen - oder eben ganz anders. 

Man darf auf weitere Diskussionen gespannt sein. Die Bibel kennt keine Lücken in bezug auf die Herkunft des Menschen und sucht deshalb auch nicht nach "Zwischengliedern". Gemäss ihrem Bericht ist der Mensch Geschöpf Gottes, nach seinem Bild geschaffen (Genesis 1,26).

Das aktuelle Heft:
factum 1/2012


factum 1/2012
factum-Abo
efactum-App
Mithelfen und fördern!
ethos – suchen, finden, leben