ZDF mit versteckter Kamera in christlicher Gemeinde
Am 15. November strahlte das ZDF im Magazin „Frontal21“ einen Beitrag unter dem Titel: „Missionieren gegen Darwin – Kreationisten verbreiten Zweifel an der Evolutionstheorie“ aus. Für den einseitigen Beitrag filmte ein Kamerateam mit versteckter Kamera auch während einer Gemeindeveranstaltung.
Rolf Höneisen
Dass eine ihrer Veranstaltungen von Interesse für das öffentlich-rechtliche Fernsehen sein könnte, hätte sich noch bis vor kurzem kein Mitglied der erst vor drei Jahren gegründeten Freien Christengemeinde in Vlotho vorstellen können. Doch am 20. Oktober reiste ein ZDF-Kamerateam an und interviewte Gemeindeglieder. Anlass bot das Vortragsthema an diesem Abend: „Schöpfung kontra Evolution – hat die Bibel doch Recht und Darwin sich geirrt?“ Referent war Christian Dreber, Mitarbeiter bei der Studiengemeinschaft Wort und Wissen.
Schon einmal filmte ein Fernsehteam währends eines Referats von Dreber, und zwar im EC Albertshausen am 1. Oktober 2005. Weil der Mitarbeiter von Wort und Wissen keine Drehgenehmigung erteilte, filmten ihn die ZDF-Leute kurzerhand mit versteckter Kamera. Wie Wort und Wissen betont, sei den Journalisten aber ausdrücklich angeboten worden, an den Vorträgen teilzunehmen, einfach ohne Kamera. Das wollten die "Frontal21"-Macher aber nicht. Sie filmten heimlich.
Um rechtlichen Problemen auszuweichen, wurde ein Zitat von Dreber nachgesprochen gesendet: „Ich halte sämtliche Lebewesen, die wir finden, ob wir sie tot finden oder belebt finden, als von Gott geschaffen, auf Grundtyp-Ebene. Ich sehe Hinweise, die von einem Designer oder von einem Planer zeugen.“ Diesen Satz begleitete der ZDF-Reporter mit folgendem Zwischentext: „Die Idee vom göttlichen Planer, der Adam als ersten Menschen schuf, verbreiten christliche Sektierer in Büchern und Videos. Weil die Bibel für sie Recht haben muss, kann Darwin nur irren.“ In der gesendeten Reportage wurden schliesslich die in Albertshausen mit versteckter Kamera gemachten Aufnahmen mit den in Vlotho gefilmten Statements zusammenfügt.
Im „Frontal21“-Bericht wird auch eine Aussage aus dem evolutionskritischen Film „Der Fall des Affenmenschen“ zitiert: „Der Wissenschaftszweig der Embryologie wurde aufgrund von darwinistischen Fälschungen hundert Jahre lang blockiert.“ Filmemacher Poppenberg zielte damit auf das biogenetische Grundgesetz Haeckels und dessen erwiesen manipulierte Embryo-Zeichnungen. Der verfehlte Kommentar dazu im ZDF-Beitrag: „Christlich-fundamentalistisches Gedankengut, das auch in der freikirchlichen Gemeinde in Vlotho Eindruck macht.“ Man fragt sich, ob der ZDF-Reporter die Tatsachen nicht kennt oder nicht wahrhaben will. Dass Haeckel mogelte, ist längst allgemein bekannt.
Als Kronzeuge für die Wahrheit der Evolution wurde Prof. Ulrich Kutschera (Uni Kassel) interviewt. Sein Statement: „Evolution ist eine dokumentierte Tatsache, so sicher wie zum Beispiel, dass die Erde keine Scheibe ist.“
Im Gegensatz zu Kutschera äusserte sich der Schöpfungsforscher Prof. Siegfried Scherer moderat: „Die Bibel sagt uns, das alle Menschen auf Adam und Eva zurückgehen. Und nun ist für mich als Biologe die Frage: Könnte das denkbar sein oder ist das vollkommen undenkbar?“
Am Ende des Beitrags trifft der „Frontal21“-Angriff einen Politiker, der es wagte, seine Meinung zum Thema frei zu äussern: den thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus. Althaus wurde vom Moderator gesagt, er habe sich für die Einführung des Lehrbuchs „Evolution“ der Studiengemeinschaft Wort und Wissen im Biologieunterricht eingesetzt. Der Ministerpräsident antwortete: „Ja, es ist ja auch gut, wenn man zum Beispiel im Religionsunterricht oder im Ethikunterricht unterschiedliche Meinungen zu Wort kommen lässt. Denn die Schöpfung ist ja für viele, gerade die Christen hier in Deutschland und in der ganzen Welt, eine Tatsache, an die sie glauben.“
Damit widerspreche sich Althaus, kommentierte das ZDF. Vor drei Jahren habe sich Althaus für die Verwendung des Lehrbuchs „Evolution“ von Wort und Wissen im Biologieunterricht und nicht im Religionsunterricht eingesetzt. Das wird belegt mit folgendem Althaus-Zitat, das er im Jahr 2002 an einer Preisverleihung für das Buch gegenüber dessen Autoren Siegfried Scherer und Reinhard Junker gemacht hatte: „Ich hoffe deshalb, dass Ihr Buch nicht nur von Biologielehrern für den Unterricht verwendet wird, sondern auf eine weit darüber hinaus gehende Leserschaft trifft.“
Der Evolutionsbiologie Ulrich Kutschera wird darauf mit folgender Aussage eingeblendet: „Ich halte es für fatal, wenn derart wissenschaftsfeindliche, irrationale Denkmodelle verbreitet werden, dann auch noch mit dem Autoritätsmantel eines Ministerpräsidenten.“
Wort und Wissen wehrt sich gegen die massiven Vorwürfe von Kutschera und bezeichnet den ZDF-Report als „extrem einseitig“. Dr. Reinhard Junker: „Dass der Hauptteil des Buches ‚Evolution’ innerevolutions-theoretische Kritik ist, wurde verschwiegen.“ Aus langen Interviews seien nur „ein paar Fetzen“ gesendet und die Arbeit von Wort und Wissen verzerrt dargestellt worden.
Wort und Wissen lege grossen Wert darauf, die Ebenen von Glaube und Naturwissenschaft zu unterscheiden, unterstreicht Reinhard Junker gegenüber „factum“. Es treffe auch nicht zu, dass „kein kompetenter, sachkundiger Biologe“ an der Evolution zweifle, wie es Prof. Kutschera behauptete. Es ist nicht nachvollziehbar, wie es sich die ZDF-Reporter erlauben konnten, anerkannte Wissenschaftler wie Prof. Scherer ins schiefe Licht der Unwissenschaftlichkeit zu setzen.
Der renommierte Mikrobiologe erhielt zusammen mit Dr. Herbert Seiler (Zentralinstitut für Ernährungs- und Lebensmittelforschung der Technischen Universität München) am 17. November in Karlsruhe den diesjährigen Otto-von-Guericke-Preis, den die Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen "Otto von Guericke" (AiF) alljährlich für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der industriellen Gemeinschaftsforschung verleiht.
Scherer und Seiler entwickelten eine Methode zur Identifizierung von Mikroben weiter, etablierten diese für Keime in Lebensmitteln und passten sie der industriellen Praxis an. Dies ermöglicht es den Lebensmittelproduzenten, die Identifizierung von Mikroorganismen zur Schadensvorbeugung im eigenen Betriebslabor vorzunehmen oder zu deutlich niedrigeren Analysekosten als bisher an Externe zu vergeben.
Prof. Dr. Siegfried Scherer, 50, studierte Biologie, Chemie und Physik an der Universität Konstanz. Nach Forschungsaufenthalten in China und den USA lehrte er in München und Wien. Im Jahr 2003 wurde er zum Geschäftsführenden Direktor des Zentralinstituts für Ernährungs- und Lebensmittelforschung der TU München ernannt. Ehrenamtlich ist er Präsident der Studienvereinigung Wort und Wissen.
Wort und Wissen versucht, naturwissenschaftliche Erkenntnisse im Rahmen von Ursprungskonzepten zu deuten. Reinhard Junker: "Deshalb stehen wir dafür ein, dass die Evolution als eine Theorie gelehrt und ihr widersprechende Fakten nicht ausgeblendet werden." Doch anders als dies zum Teil in den USA geschehe, würde Wort und Wissen nicht versuchen, die Schöpfungslehre mit juristischen Mitteln in den Lehrplänen zu verankern.
In einem Grundlagenpapier auf der Webseite beleuchtet die Studiengemeinschaft ihren Standpunkt genauer. Daraus geht hervor, dass Wort und Wissen die Evolutionstheorie als Stoff im Biounterricht stehen lässt, aber naturwissenschaftliche Kritik an Evolution im Unterricht unterstützt. Selbstverständlich, so Wort und Wissen, könnten aber Berührungspunkte zwischen Naturwissenschaft und Theologie angesprochen werden.
Schöpfungslehren verweist die Studiengemeinschaft in den Religionsunterricht, wünscht dafür aber zusätzlich „eine Fächer übergreifende Verhältnisbestimmung von Evolutionstheorie und Schöpfungslehre“. Juristische Mittel zur Durchsetzung von Unterrichtsinhalten werden gänzlich abgelehnt. Mit dieser Haltung versuchen sich die deutschen Schöpfungsforscher von amerikanischen Kreationisten zu distanzieren. Mit wenig Erfolg, wie das aktuelle Beispiel belegt. Denn entscheidend ist und bleibt die Modell-Diskussion im Rahmen der Naturwissenschaft.
Im Abspann beschwichtigten die „Frontal21“-Macher zwar, was sie vorher die ganze Zeit geschürt hatten. Es gehe „nicht darum, die Existenz eines Gottes zu leugnen“. Die Erschaffung der Seele durch Gott lasse sich mit der Entstehung der Arten, einschliesslich des Menschen, durchaus mit Darwin erklären. - Wer die Heilige Schrift kennt, der weiss, dass diese Harmonisierung nur auf Kosten der biblischen Wahrheit bewerkstelligt werden kann - es sei denn, man nehme entweder die Evolutionstheorie oder dann die Bibel nicht ernst.
Die im ZDF-Beitrag versuchte Diffamierung der Schöpfungsvertreter mit negativ besetzten Begriffen wie „christliche Sektierer“ und „christlich-fundamentalistisches Gedankengut“, ist in diesem Zusammenhang völlig verfehlt. Das Zitat von Christian Dreber – „Ich sehe Hinweise, die von einem Designer oder von einem Planer zeugen“ – könnte genauso gut vom obersten Katholiken, dem Papst, stammen. Der zitierte am 9. November bei einer Generalaudienz den Kirchenvater Basilios von Caesarea mit folgenden Worten: „Einige, die sich vom Atheismus verführen liessen, den sie in sich trugen, stellten sich ein Universum ohne Führung und Ordnung vor, das dem Zufall ausgeliefert ist“.
Benedikt XVI. fügte – abweichend vom ursprünglichen Redetext – hinzu, dass er die Worte des Kirchenvaters aus dem 4.Jahrhundert „überraschend aktuell“ finde. Und: „Wie viele von diesen ‚einigen’ gibt es heute. Sie meinen und versuchen zu beweisen, dass es wissenschaftlich sei, zu denken, alles sei ohne Ziel und Ordnung, wie dem Zufall ausgeliefert. Der Herr weckt mit der Heiligen Schrift die schlafende Vernunft und sagt uns: Am Anfang ist das schöpferische Wort (...).“ - Wann begreifen auch die Medienmacher, dass die Zeit reif ist für eine offene Modell-Diskussion?
Der Filmbeitrag ist auf der Webseite des ZDF einsehbar. Eine Gegendarstellung von Wort und Wissen steht auf der Seite von Genesis.net.
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